Bauchschmerzen eines Regierungschefs

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In Südtirol ist die christlich-konservative Volkspartei notgedrungen mit der rechtspopulistischen, ausländer- und europafeindlichen Lega eine Koalition eingegangen. Für Landeshauptmann Arno Kompatscher ist das ein Drahtseilakt, wie er offen schildert. 

Vergangene Woche war Arno Kompatscher noch Ehrengast bei der CSU in Kloster Banz. „Sehr viele Fragen“, sagt der Südtiroler Landeshauptmann, habe es dort an ihn gegeben – und das zu auch noch zu einem Thema, „unter dem ich besonders leide.“ Die Christlich Soziale Union will ja neuerdings alle populistischen, europafeindlichen Bewegungen bekämpfen. Und Arno Kompatscher von der Südtiroler Volkspartei, die genauso christlich-konservativ ausgerichtet ist und wie die CSU der Europäischen Volkspartei angehört, hat soeben ein Regierungsbündnis mit einer ganz besonderen Spezies von Populisten geschlossen: Mit der rechten Lega des rabiaten italienischen Innenministers Matteo Salvini. Ausländerfeindlich und hetzerisch, dazu noch europa- und euro-feindlich, aber auf nicht zu bremsendem Vormarsch: um die 33 Prozent bekäme die Lega, wenn heute Wahlen wären in Italien.

Diesen Freitag, 25.01.19, ist Kompatschers Koalitionsregierung vom Südtiroler Landtag bestätigt worden, und während beispielsweise die „Süddeutsche Zeitung“ von einer „Zäsur ohne Drama“ spricht, ruft die Lega mit ihrem überraschend starken Vordringen in primär deutschsprachiges Gebiet schon den „Beginn einer neuen Ära“ aus.

Kompatscher wiederum sagt, er habe „Bauchschmerzen“ seit jenem unglücklichen Wahlabend im Oktober. Damals hatte die Südtiroler Volkspartei (SVP), die die Provinz seit 1948 durchgehend regiert, ihr historisch schlechtestes Resultat erzielt: von 45,7 war sie auf 41,9 Prozent gefallen. Noch folgenreicher aber waren zwei weitere Ergebnisse. Zum einen verlor die SVP ihren bisherigen, bequemen Koalitionspartner, den sozialdemokratischen Partito Democratico, die einstige Regierungspartei, die derzeit in ganz Italien zerbröselt. Sie holte nur mehr einen Sitz – untauglich für eine Mehrheit.

Zum anderen fand Kompatscher auch auf der konservativen Seite keine klassische Partei mehr, mit welcher er hätte regieren können. Silvio Berlusconis Forza Italia, auf nationaler Ebene nur noch ein Schatten ihrer selbst, kam in Südtirol gar nicht mehr in den Landtag. Und weil Kompatscher nicht mit den deutschsprachigen Ultrarechten koalieren wollte, die vom Wähler ja noch viel drastischer abgestraft worden waren als die SVP, dann blieb ihm als Partner nur noch Salvinis Lega. Sie hatte aus dem Stand 11,1 Prozent und vier Mandate errungen viermal so viel wie bei der Wahl 2013. Ein Pakt mit der Lega, sagt Kompatscher, sei schon deshalb „praktisch vorgegeben“ gewesen, weil Salvinis Partei bei den italienischsprachigen Südtirolern – vor allem in der Provinzhauptstadt Bozen – mit mehr als 25 Prozent stärkste Partei geworden ist, und weil eine Südtiroler Regierung nach dem Autonomiestatut auch die Italienischsprachigen einbinden muss. Ferner ist die Lega die einzige Koalitionspartei, mit der Kompatscher bei der italienischen Regierung in Rom einen Fuß in die Tür bekommt. Mit allen anderen*) wäre Südtirol auf sich allein als entlegene Provinz zurückgefallen und hätte sich bei Fragen von übergeordneter politischer Bedeutung jedesmal einen neuen Ansprechpartner bei der Zentralregierung suchen müssen.

Aber wie zähmt man eine rassistisch-hetzerische Lega? Wie führt man als hundertprozentig pro-europäische SVP einen glaubwürdigen Europawahlkampf, wenn man sich mit Europafeinden verbandelt, deren Druck im Land auch noch wächst? Es gibt, sagt Kompatscher, praktisch zwei Möglichkeiten: „Die einfachere Lösung heißt ausgrenzen, sich abgrenzen. Aber es ist die Frage, ob sie die erfolgreichere ist.“ Die Alternative heißt: einbinden. Auch um die rechtspopulistisch üblichen „Opfermythen“ zu vermeiden, „nach denen das Establishment die Stimme des Bürgers nicht hört.“ Er hoffe, sagt Kompatscher, damit größeren Erfolg zu erzielen.

Kompatscher vertraut auf den „Wertekatalog der SVP“, der nun in der Präambel des Koalitionsvertrags so akribisch wie noch nie festgeschrieben ist. Vorsichtshalber. „Wenn wir diese Basis verlassen, wird es keine weitere Zusammenarbeit geben.“ Da steht – ohne irgendein Aber – das Bekenntnis zum europäischen Einigungsprozess und zum Euro. Da steht ein Verbot „jeglicher Form von Ausgrenzung“ und die Selbstverpflichtung für eine „Gesellschaft der Toleranz und der Offenheit.“

Und es ist von der „aktiven Teilhabe aller im Lande lebenden Menschen an der positiven Entwicklung des Landes“ die Rede – zur selben Zeit übrigens, in der Lega-Chef Salvini mit einem nach ihm benannten Gesetz weit mehr als hunderttausend „aus humanitären Gründen“ Geduldeten alle Rechte nimmt, die sie bisher hatten. In ganz Italien rebellieren Regionalpolitiker, Bürgermeister und Bischöfe gegen die „Legge Salvini“. Kompatscher rebelliert nicht. Er sagt aber, er habe im persönlichen Gespräch von Salvini Änderungen an diesem „rechtlich und humanitär bedenklichen Gesetz“ eingefordert und werde sich von weiterer Kritik auch nicht durch seine Koalition mit just dieser Lega abhalten lassen.

In den Europawahlkampf ziehen will Kompatscher nicht mit der Lega: „Das wäre ja absurd.“ Er schließt sich lieber an die CDU/CSU an und an die österreichische ÖVP. In Italien selber sind ihm mit dem Zerbröseln der Volksparteien die Partner abhanden gekommen. Es bleiben da nur die letzten Splitter von Berlusconis Forza Italia und der einstigen Christdemokratie.

Der neuen Südtiroler Regierung besteht aus sieben SVP- und zwei Lega-Politikern; im Landtag stützt sie sich auf 15 SVP- und vier Lega-Mandate. Inhaltlich, so meldet der Österreichische Rundfunk, habe sich „die Lega der SVP gebeugt“. Aber es gibt auch in der Bozener Koalition Leute, die Angst haben, mit einem weiteren Anschwellen der Lega in Italien könnte auch in Südtirol die Dämme brechen. Kompatscher stellt sich als „Garant“ dar, dass dies nicht passiert. In der Nachbarprovinz Trient aber stellt die Lega nach den Wahlen im Oktober sogar schon den Landeshauptmann.

 

Autor: Paul Kreiner, 25.01.2019
Copyright: Stuttgarter Zeitung ( https://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.koalition-mit-der-lega-in-suedtirol-die-bauchschmerzen-des-landeshauptmanns.662189a3-6039-4d39-986e-654e24e12419.html )

*) Ergänzung – auf Nachfrage und der Vollständigkeit halber:
Rechnerisch hätte Arno Kompatscher durchaus zwei andere Möglichkeiten gehabt, eine Koalitionsregierung mit Mehrheit im 35-köpfigen Landtag zu bilden. Gegangen wäre es im Dreierbündnis mit den Grünen (3 Mandate) und dem letzten PD-Abgeordneten. Die Grünen treten in Südtirol als einzige sprachlich gemischte Partei auf; eine Koalition mit ihnen hätte die Vorgaben des Autonomiestatuts also ohne weiteres erfüllt. Aber ähnlich wie die CSU in Bayern bringt auch die SVP in Südtirol keinerlei Begeisterung für Schwarz-Grün auf.

Rechnerisch möglich und mit noch weit stärkerer Mehrheit ausgestattet gewesen wäre eine Koalition aus SVP und dem eigentlichen Wahlsieger: dem „Team Köllensperger“. Der 48-jährige Unternehmer Paul Köllensperger (Internet, neue Energien) war erst im Wahljahr aus dem „Movimento 5 Stelle“ von Beppe Grillo ausgetreten, weil er dieses zu italienisch-römisch-zentralistisch fand. Köllensperger hatte dann ebenso freihändig wie kurzfristig eine Riege von bis dahin eher unpolitischen Kandidaten um sich geschart und bei der Wahl im Oktober aus dem Stand 15,2 Prozent der Stimmen geholt; umgerechnet sind das sechs Mandate. Gegen eine Koalition mit Köllensperger sprachen bei der SVP allerdings mehrere Argumente: Köllensperger war im Wahlkampf dezidiert als Gegner der Volkspartei aufgetreten, um deren „Vorherrschaft endlich mal zu brechen“. Er hatte im selben deutschsprachig-konservativen Klientel gefischt wie die SVP. Diese hätte sich also den größten und auch noch aufstrebenden Konkurrenten in die Regierung geholt und ihm die Chance zu weiterer Profilierung verschafft – unter dem Gesichtspunkt des langfristigen Machterhalts war dies eher nicht anzuraten. Außerdem, heißt es, stimme die Chemie zwischen Kompatscher und Köllensperger einfach nicht.

Die gewaltige Mehrheit von 503 Ja-Stimmen zu 16 Enthaltungen, mit der eine SVP-Landesversammlung den Pakt mit der Lega am 7. Januar schließlich gebilligt hat, zeigt auch, dass man sich der Logik dieser sehr speziellen Koalition mit Überzeugung gebeugt hat.

Die Frage ist – und sie steht durchaus hinter diesem Artikel hier -, was im Herbst drei ostdeutsche CDU-Verbände tun werden, wenn sie sich nach ihren Landtagswahlen vor ebenso großen mehrheitsrechnerischen Schwierigkeiten wiederfinden – und sich als Koalitionspartner nur noch die AfD aufdrängt…

 

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Dauerstress, härter als jedes Gestein

Werner Bätzing legt einen neuen Bildband über die Alpen vor. Anders als in seinen früheren Standardwerken schreibt aber nicht mehr von „Geschichte und Zukunft einer Kulturlandschaft“, sondern illustriert deren Verschwinden.

Die Alpen stehen unter Stress. Von unten, aus dem Erdinneren, drückt immer neues Gestein nach. An den Gipfeln reißt der Sturm und das Wasser an den Graten. Der Klimawandel lässt Gletscher so schnell dahinschmelzen wie noch nie. Der Permafrost weicht: So verlieren riesige Felsmassive den Kitt, der sie zusammenhält. Und der Mensch? Der weiß nichts Vernünftiges mehr anzufangen mit den Bergen: In weiten Teilen lässt er sie im Stich, in anderen überfordert er sie mit Verkehr und Industrie und immer aggressiveren Skianlagen. Aus Siedlungen, die sich mit der Alpenlandschaft arrangiert haben, werden Städte wie die draußen im Flachland auch: nicht nur der Größe nach, auch gedanklich. Und man weiß nicht, was schlimmer ist.

Kurz und gut: Die Alpen verschwinden. So bringt es Werner Bätzing auf den Punkt. Er kennt sich aus. Ein Leben lang hat der heute 69-jährige Geographieprofessor und Kulturhistoriker das bergige Herz Europas erforscht. Nicht nur am Schreibtisch, sondern viel mehr in Wanderstiefeln. Seine Bücher über die Alpen sind Standardwerke. Jetzt hat er einen neuen Bildband vorgelegt – und mit sehr vielen, vorwiegend selbst aufgenommenen Fotos das „Verschwinden einer Kulturlandschaft“ dokumentiert.

Das sind nicht immer schöne Bilder, und sie sollen es auch nicht sein; die „Romantik“ überlässt Bätzing den zahllosen Hochglanzkalendern, die jetzt zum Jahresbeginn wieder aufgeblättert werden. Er selbst dokumentiert durchaus auch die Brutalität der Alpen: dort, wo sich die Landschaft in Verwitterung und Erosion selbst zerlegt und dort, wo der Mensch sich allzu breit macht.

Selbst wenn der Begriff so nie auftaucht: Bätzing sucht, was „alpengemäß“ ist. Die Alpen sind bei ihm das geologisch recht junge Hochgebirge, dem man die eine oder andere Flegelhaftigkeit nicht zur Last legen sollte. „Sprunghafte Naturereignisse“ werden zur „Naturkatastrophe“ ja erst dort, wo Menschen nicht sachgemäß mit der Landschaft umgeht. Dabei sind menschliche Eingriffe an sich gar nicht das Problem. Im Gegenteil: immer schon, jedenfalls seit 6000 Jahren, hat der Mensch „die Alpen für seine Zwecke tiefgreifend ökologisch verändert“. Ohne „künstliche“ Raumgestaltung sähen wir die Alpen heute nicht in unserem Lieblingsdesign, als eine liebliche, abwechslungsreiche, offene Landschaft. Wir sähen überhaupt nichts, denn ohne menschliche Nutzung wären die Alpen komplett bewaldet. Und sie werden es wieder, denn dort, in großen Teilen der französischen und der italienischen Berge, wo Abwanderung aus wirtschaftlichen Gründen, wo das Verlassen von Höfen und Almen eine im Einklang mit der Natur über Jahrhunderte geformte Kulturlandschaft preisgibt, schlägt die Wildnis zurück.

Auch dort, wo er bleibt, verändert der Mensch das „Wesen“ der Alpen. Weil Berge und Täler nicht genügend hergeben, um Ernährung und Wohlstand der Bewohner zu sichern, importiert er Industrien, „die nichts mit den Alpen zu tun haben“ und deren von Jahr zu Jahr wachsende Produktionshallen ganze Tallandschaften verunstalten. Oder es werden die Alpen, gerade an ihrem nördlichen Rand mit der Nähe zum Ballungsraum München, gleich ganz zu Vororten der Großstadt – mit allen Folgen: Verkehr, Wohnungsdruck, Zersiedelung, Umweltschäden.

Das ist kurios, denn damit zerstören städtisches Denken, städtisches Gehabe eigentlich eine Gegend, die Städter deswegen so sehr lieben, weil sie in ihnen sehnsuchtsvoll die Gegenwelt zum eigenen Alltag sehen: Luft um die Nase, freier Blick, reine Natur.

Aber wollen Städter das Land überhaupt so begreifen, wie es ist? Sehen sie die Alpen, die sie einstmals gewissermaßen „meditativ“ erwandert haben, heute nicht vielmehr als einen Freizeitpark automatisierten Gepräges, von dem sie Erlebnisperfektion auf Knopfdruck erwarten dürfen? Der Erlebnishunger scheint so groß, dass die Berge, so wie sie sind, nicht mehr reichen. Die Tourismusgemeinden überbieten einander in wildem Wettbewerb um die atemberaubendsten Hängebrücken oder um gläsern-verwegene Aussichtsplattformen über dem Nichts; sie konstruieren Hochseilgärten, die „längste“ Rodelbahn, das „größte zusammenhängende“ Pistengebiet. Doch die immer neuen Attraktionen, wenn nicht jedes Jahr gesteigert, sie nutzen sich auch schnell ab. Es drohe, diagnostiziert Bätzing, ein „Erlebnis-Burnout“.

Davor sind auch die Alpenvereine nicht gefeit, mit den Bätzing eine nicht eben idyllische Beziehung verbindet. Sie deklarieren sich als Naturschutzverband, propagieren aber in höchsten Tönen – gerade in ihrer aktuellen Kampagne – die Schönheit und die Erlebniswelt der Berge. Dabei wissen sie sehr wohl, beispielsweise die in München, dass jede Werbung nur die Staus auf den Zufahrtsautobahnen verlängert – längst nicht mehr nur am Wochenende: mit der wachsenden Zahl rüstiger Rentner geraten die Alpen auch an Werktagen immer stärker unter Druck, und drei Viertel der einschlägigen Abgasbelastung geht auf Kosten der An- und Abreise.

Überhaupt nimmt die Zahl der Touristen immer weiter zu. Bei einer Wohnbevölkerung von 5,7 Millionen Menschen in den zentralen Alpenregionen (der Schweiz und Bayerns, in Tirol, Südtirol, Salzburg, Vorarlberg, Belluno und Trentino) zählte man dort 2017 stolze 34,5 Millionen touristische Ankünfte und fast 122 Millionen Übernachtungen. Weil die Ankünfte (plus 4,6 Prozent gegenüber 2016) stärker steigen als die Übernachtungen (plus 2,9 Prozent), weil sich also mehr Leute für kürzere Urlaube in Bewegung setzen, bedeutet das auch eine stärkere Zunahme des Verkehrs – und das ist zu 80 bis 90 Prozent (!) dessen automobiler Anteil.

In Tirol und Südtirol wird die Belastung schon als derart groß empfunden, dass man über Obergrenzen für den Tourismus diskutiert. Die Gesamttiroler und Trentiner Heimatpfleger haben am 10. Dezember 2018 eine gemeinsame Warnung herausgegeben: „Die Grenzen des Wachstums sind vielerorts erreicht!“ Das Wachstum produziere „neben bedrohlich anschwellenden Verkehrslawinen zu viel Beton und zu viele Betten; es lässt die Preise auf Kosten der Ansässigen steigen; es bringt einen erhöhten Verbrauch von Landschaft und Ressourcen mit sich.“

Früher hingegen – nein: früher war nicht alles besser. Ganz und gar nicht. Früher aber, sagt Werner Bätzing, hätten die Menschen in den Alpen noch etwas gepflegt, was „heute als überholt und unzeitgemäß scheint: den Respekt vor den Bergen.“ An dessen Stelle ist heute anderes getreten. Die „Überheblichkeit“ zum Beispiel, mit technischen Mitteln und riesigen Bauten die Natur beherrschen und nach Gusto formen zu können. Talsiedlungen und ihre Industriegebiete wuchern bewusst in überflutungs- und erdrutschgefährdete Zonen hinein – man hat ja die Maschinen, um immer noch höhere Schutzwälle und noch gigantischere Lawinenmauern zu bauen.

Und um noch mehr „Pistenspaß“ zu bieten, werden im Hochgebirge noch mehr Hänge glattgewalzt, kilometerlange Strom- und Wasserleitungen in den Boden eingelassen, Schneekanonen aufgestellt, Speicherseen fast auf Grathöhe in den Fels gesprengt – häufig ohne die Frage zu stellen, die für Frühere essentiell war: Wie langfristig stabil ist das alles?

Es geht hier nicht nur um nackte Selbsterhaltung. Es geht auch um Ethik und um Verantwortung. Denn die ökologischen Probleme, die man heute aus kurzfristigem Profitdenken – oder aufgrund einer Torschlusspanik im Zeitalter des Klimawandels – negiert, die lädt man kommenden Generationen in den Rucksack. Und man riskiert, was alte Bauern niemals riskiert hätten: dass der Berg den eigenen Kindern auf den Kopf rutscht. Die meisten Skigebiete, sagt Bätzing, werden aufgrund der Klimaerwärmung zu schließen sein: „Wenn sie dann nicht aufwändig und mit großen Kosten zurückgebaut werden, dann entstehen ökologische Zeitbomben mit sehr großem Gefahrenpotenzial.“

Was dann? Bätzing schlägt vor, die alte Kleinräumigkeit der Alpen neu zur Geltung zu bringen, den Tourismus nicht auf Mega-Ski-Arenen zu konzentrieren, sondern in die Dörfer zu verteilen, gerade so viel, wie jedes einzelne eben verträgt. Unter den Wirtschaftsformen sollten sich „in ausgewogener Doppelnutzung“ die importierte Industrie und die „alpenspezifische“ ergänzen, die alpine aber den Vorrang haben. Erzeugung und stärkere Vermarktung lokaler Agrarprodukte sollten nicht nur ein einheimischen Bauern stärken, sondern auch zum Aufwertung einer „kulturellen Identität“ beitragen, die allzu häufig einer geistigen, medial geformten Allerwelts-Verstädterung gewichen sei.

Und natürlich: Rentabilitätsgesichtspunkte sind nicht alles. Bätzing verlangt einen Staat, der mit fördernden, stützenden Eingriffen ein alpines Leben tragfähig erhält, dem das selbst erarbeitete Geld nicht reicht. In der Praxis fehlt es da allerorten: Projekte zur Wiederbesiedelung und -belebung von Dörfern gerade in den italienischen und den französischen Alpen hängen derzeit vollständig an oft gut gemeinten privaten Initiativen. Auch wenn Bätzing selbst vor langen Jahren dort mit der (Wieder-)Erweckung der „großen Alpendurchquerung“, der „Grande Traversata delle Alpi“, versucht hat, sanften Tourismus als Wirtschaftsfaktor anzulocken: Viel Geld bleibt nicht hängen – und junge Einheimische ziehen das angenehme Leben in der Stadt der rauen Alpenrealität vor. Und ohne Menschen keine Dörfer.

Man hat Bätzing vorgeworfen, er sperre sich in sentimentalem Rückblick auf eine angeblich heile Alpenwelt jeder sinnvollen Erneuerung. Das jedoch tut er nicht. Wenn er verlangt, dass die Alpen „ein schnelles Internet erhalten müssen“, dann denkt er ja nicht (nur) an irgendwelche jungen Leute im Gebirge, die ihre Netflix-Serien genauso ruckelfrei konsumieren wollen wie die draußen. Er denkt an die Förderung „neuer, dezentraler Arbeitsplätze.“ Das verändert die Wirtschaftsstrukturen durchaus – in einer Weise allerdings, die nach Bätzings Hoffnung – „auf den Ressourcen des Alpenraums basiert und sie auf eine umwelt- und sozialverträgliche Weise nutzt.“ Damit entstehen „neue alpenspezifische Lebensformen“, und es entstehen neue Kulturlandschaften, die „im Detail anders aussehen werden als die traditionellen.“ Wir Alpenkunden müssen uns also auf die Dauer von liebgewordenen Alpenbildern verabschieden. Doch welche neuen wir sehen werden, das weiß offenbar noch noch keiner.

BUCHHINWEIS:

Werner Bätzing, „Die Alpen – Das Verschwinden einer Kulturlandschaft“, Verlag wbg Theiss, Darmstadt; erschienen September 2018, 220 Seiten, 38 Euro. Das eBook kostet 31,99 Euro, ist aber nur für Lesegeräte ratsam, die Fotos in hoher Auflösung zeigen können.

Autor: Paul Kreiner, 12.12.2018
Copyright: Sächsische Zeitung ( https://www.saechsische.de/plus/das-verschwinden-der-alpen-5024942.html )

 

 

 

 

 

Wie wird der Stier zum Ochsen?

Die verwickelte Geschichte einer weihnachtlichen Fehlbesetzung

Auch wenn er seit gut 1700 Jahren dort steht: An der Weihnachtskrippe ist der „Ochse“ eine Fehlbesetzung. Daran ändert auch das Wort des Propheten Jesaia nichts, das immer als Ursprung des frommen Streichelzoos zitiert wird: „Der Ochse kennt seinen Besitzer und der Esel die Krippe seines Herrn.“ Dieser Spruch ist nämlich falsch übersetzt. Es gibt, so schreibt der Kölner Theologe Klaus Koenen, im Althebräischen keinen Ausdruck für „Ochse“. Und: „Die Kastration von Stieren lässt sich für Israel nicht belegen.“

Also: Wenn Tier, dann Stier. Der passt auch viel besser auf die religionsgeschichtlichen Weiden. Antike Fruchtbarkeitsriten wären mit Ochsen sinnlos gewesen; selbst Israels Gott Jahwe bestand auf „unverschnittenen“ Opfertieren. Und der Mithras-Kult, der im zweiten bis vierten Jahrhundert dem Christentum Konkurrenz machte – mit Bezügen hin und her – der basierte auf dem Mythos von der Opferung eines Ur-Stiers zur (Er-)Zeugung der Welt. Wie Mithras dann mit dem „Unbesiegten Sonnengott“ (Sol Invictus) verschmolz, dessen Geburtstag die Römer am 25. Dezember feierten, so sahen die Christen in Jesu Geburt zur Wintersonnenwende den Aufgang einer neuen Zeit.

Und der „schor“, der hebräische Stier des Jesaia? Den gaben die ersten Bibelübersetzer mit griechisch „bous“ und lateinisch „bos“ wieder. Und da wird’s schwammig. Denn beide Ausdrücke heißen „Rind“ allgemein (auch „Kuh“), und bei den Männern lassen sie nicht gleich einen Blick zwischen die Hinterbeine zu. Warum haben sich dann spätere Übersetzer für den Ochsen entschieden? Weil er braver, sanftmütiger ist als der Stier, nicht lust- und triebgesteuert, also verträglicher mit der christlichen Morallehre? Vielleicht.

Vielleicht handelt es sich auch eher um ein sprachliches Problem. Ein Blick ins Grimm’sche Wörterbuch lehrt nämlich, dass es auch das ältere Deutsch mit der Unterscheidung zwischen „Ochse “ und „Stier “ nicht immer so genau genommen hat. In Meyers Großem Konversationslexikon , Ausgabe 1905, gilt der Ausdruck „Ochs“ – wie einst „bous/bos“ – ganz allgemein als Synonym für „Rind“.

Man sollte „Ochs“ also in diesem älteren Sprachsinn verstehen: als Gattungsbegriff für „Rind“ (so wie heute noch in „Auerochse“). Erst dann stimmt die Sache. Selbst Jesaia wäre zufrieden. Und wer dezidiert an einen Stier denken will – bitte.

 

Autor: Paul Kreiner, 19.12.2018
Copyright (kürzere Fassung): Stuttgarter Zeitung

 

 

Anmerkungen:

1. Absatz: Der Artikel von Klaus Koenen findet sich im Online-Lexikon der Deutschen Bibelgesellschaft ( https://www.bibelwissenschaft.de/de/wibilex/das-bibellexikon/lexikon/sachwort/anzeigen/details/rind/ch/a8bce78d971731a94ee920c166042e67/ ).
Auch das Lexikon für Theologie und Kirche (LThK) hält unter „Stier“ fest: „Das Hebräische differenziert nicht zwischen Ochse und Stier.“ —
Das seit frühesten Christentagen berühmte, als einschlägig betrachtete Prophetenwort steht bei Jes 1,3. Es ist allerdings von Anfang an gnadenlos überinterpretiert. Dem Propheten ging es ja nicht um Aussagen über die Natur irgendwelcher Tiere, sondern um eine Kritik am Volk Israel, das im Gegensatz selbst zu den blödesten Lebewesen nicht wusste, zu wem es gehörte und wem es seine Nahrung verdankte…  

2. Absatz: Das Verbot, kastrierte Tiere fürs Opfer zu verwenden, steht bei Lev 22,24.

3. Absatz: Die „Ur-Texte“ der Bibel (in hebräisch / griechisch / lateinisch) lassen sich bequem konsultieren bei https://www.bibelwissenschaft.de/online-bibeln/ueber-die-online-bibeln/

4. Absatz: Das Grimm’sche Wörterbuch ist verfügbar unter: http://woerterbuchnetz.de/cgi-bin/WBNetz/wbgui_py?sigle=DWB

5. Absatz: „Selbst Jesaia wäre zufrieden“. Noch korrekter im Sinn seiner Polemik wäre wohl die barsche Übersetzung: „Sogar Rindviecher  … kennen die Krippe ihres Herrn.“ (Siehe Anmerkung zu Absatz 1)

Allgemeine Lese-Empfehlung:
Gerald HUBER, „12.000 Jahre Weihnachten. Eine Reise zu den Ursprüngen des Fests“. Volk Verlag München, 2018, 28 Euro — Eine gut dreihundertseitige, von Details überquellende, unterhaltsame Kulturgeschichte auf bayerisch-volkskundlicher Basis, die allerdings die hier gestellte Frage ausspart: „Warum Ochse und nicht Stier?“

 

Die Kapitulation der Bischöfe

Hilft gegen Missbrauch nur ein Totalumbau der katholischen Kirche?

Jedes Jahr am 20. September gedenkt man in Rom des „Durchbruchs an der Porta Pia“. Dort waren 1870 die Truppen des italienischen Staates in die Stadt eingedrungen, hatten Rom der Herrschaft des Papstes entrissen und den Kirchenstaat vernichtet. Kann sein, dass der 25. September 2018 genauso in die Geschichte eingeht. Angesichts des fortgesetzten Missbrauchsskandals haben die deutschen Bischöfe die Waffen gestreckt. Kardinal Reinhard Marx als Vorsitzender der Bischofskonferenz gibt offen zu: Mit dem bisherigen „Wir kriegen es irgendwie schon alleine hin, wir Kleriker unter uns“, kommt die katholische Kirche nicht mehr weiter. Fachleute von außen sollen jetzt ran, womöglich eine „Wahrheitskommission“ wie in Südafrika zur Aufarbeitung der Apartheid.

Aber das ist noch lange nicht alles. Die Expertenkommission, die nun ihre Studie vorgestellt hat, zielte ja mit ihren Befunden ins Herz der katholischen Kirche. Missbrauch von Minderjährigen ist demnach nicht eine Reihe einzelner Taten, die man mit hinreichender Entschlossenheit eine nach der anderen sanktionieren könnte und mit der man irgendwann fertig wäre. Missbrauch ist nach Ansicht der Experten „ein strukturelles Problem des Klerikalismus.“ Das heißt: So lange die Kirche gebaut bleibt auf die organisatorische Macht des Weihepriestertums und auf dessen Macht über die Seelen, wird sie auch nicht mit ihrem „systemischen“ Missbrauch fertig.

Dies radikal ernstzunehmen würde das Ende der katholischen Kirche bedeuten – zumindest aber einen mindestens hundertjährigen Totalumbau. Und selbst wenn nun der Funke einer solchen Ahnung in Deutschland eingeschlagen sein sollte, stellen sich zwei Probleme: Wohin will man umbauen? Auch die so „unklerikale“ protestantische Kirche ist von Missbrauch ganz und gar nicht frei. Zweitens ist die katholische Kirche ein Weltverband, wo es länder- und kontinenteweise noch ungleich zähere klerikalere Strukturen gibt als in Mitteleuropa. Und registrieren muss man schon auch: Selbst unter Annahme einer erheblichen Dunkelziffer sind neun von zehn deutschen Klerikern ohne Schuld.

Gut möglich aber, dass es gar nicht ohne Radikalität geht. Das Erschreckendste in der Studie sind ja weniger die Zahlen von Tätern und Opfern. Der Spur nach konnte man die Lage kennen. Den grausigsten Blick in den Abgrund rissen die Forscher mit ihrer Ansicht auf, die Missbrauchsquote sei gar nicht gesunken. Und das, obwohl spätestens seit den Skandalen in den USA 2002 und in Deutschland 2010 die Sensibilität gewachsen sein müsste. Gerade in Deutschland gibt es Verfahrensrichtlinien seit 2002; es gibt Präventions-Schulungen, mit denen die katholische Kirche durchaus Maßstäbe setzt für andere Organisationen. Aber offenbar kommt wenig davon an. Die absoluten Missbrauchszahlen sind offenbar nur zurückgegangen, weil es weniger Priester gibt.

Mit dem Rückgang der Priester aber wachsen die Belastungen für die verbleibenden. Ja, man kann mit strengerer Auswahl die tatsächlich krankhaften Pädophilen unter den Seminaristen ausfiltern. Aber wer begleitet die Pfarrer, die für acht, neun Gemeinden gleichzeitig sorgen sollen, dabei an „Macht“ und Amt zerbrechen, vereinsamen, zu viel trinken? Auch das führt laut Studie durchaus zu sexuellen Übergriffen. Den Zölibat aufheben? Ein Mittel gegen Vereinsamung von Weltpriestern wäre das. Gegen Missbrauch in Klöstern hülfe es gar nichts. Mit Homosexualität offen umgehen, damit verdruckste Strukturen endlich aufbrechen? Auch das empfehlen die Forscher – wobei sie sagen: Weder Zölibat als solcher noch Homosexualität per se sind schuld am Missbrauch. Verlangt aber wird gereifte Sexualität – damit nicht durchs Fenster zurückschleicht, was man bei der Haustür meint hinausgeworfen zu haben. Für die Priesterausbildung bleibt da, trotz großer Fortschritte, viel zu tun.

Die Opfer hätten Anspruch auf Gerechtigkeit, sagt Kardinal Marx. Dazu würde aber gehören, dass nicht nur Täter, sondern auch Vorgesetzte, die – so Marx – „allzu lange weggeschaut, vertuscht, geleugnet“ hätten, zur Rechenschaft gezogen werden. In Chile passiert das. Aber in Deutschland?

Autor: Paul Kreiner, 25.09.2018
Copyright (verkürzte Fassung): Stuttgarter Zeitung

„Es herrscht strategische Sprachlosigkeit“

Der Münchner Politikwissenschaftler Werner Weidenfeld zu den Landtagswahlen in Bayern

  • Herr Professor Weidenfeld, die CSU ist in den Umfragen so tief gerutscht wie noch nie. Kann sie den Trend in den dreieinhalb Wochen bis zur Landtagswahl noch umkehren?

Eine wirkliche Wende ist nicht drin. Dazu ist die Lage viel zu klar, und bei der CSU haben sie ja auch nicht die genialen Toptalente, die mit ein paar wenigen Sätzen die Stimmung umdrehen könnten. Vielleicht bekommen sie noch zwei Punkte mehr, als die Umfragen signalisieren. Es könnte ja die Stimmung aufkommen: Wir haben gezeigt, dass es gut ist, dass die mal eins auf die Nase kriegen, aber ganz so schlimm wollen wir’s am Ende auch nicht. Das ist die einzige Chance, sonst gibt’s keine.

  • Eigentlich wollte die CSU mit Markus Söder als neuem Ministerpräsidenten durchstarten. Was hat er in seinen ersten sechs Monaten falsch gemacht?

Es liegt nicht primär an Söder. Es liegt an der Führungsmannschaft. Die Menschen erleben die CSU-Führung als Querulanten, als Streithansl. Das ist das Erscheinungsbild der CSU seit Jahren. Seehofer gegen Söder, und wenn denen gegeneinander nichts mehr eingefallen ist, dann ging’s gegen Merkel. Das ging auch nach dem Wechsel von Seehofer zu Söder in Bayern so weiter. Es war immer Streit, und das können Sie angesichts des Erinnerungsvermögens der Wähler nicht von heute auf morgen wieder umkippen.

  • Söder schiebt alles auf die Bundespolitik. Aber so einfach ist das dann wohl nicht?

Ja, genau so ist es. Hinzu kommt etwas, was auch andere Traditionsparteien wie die SPD schwächt. Sie haben ein Deutungsdefizit zur politischen Lage. Ich will als Bürger wissen, wie dieses Land in fünf oder zehn Jahren aussieht. Dazu erfahre ich nichts. Das ist eine strategische Sprachlosigkeit. Wenn ich die Frage aufwerfe, wie leben wir dann, dann nennt man mir einen oder zehn oder hundert Punkte – so und so viele Kitas, Weltraumfahrt in Bayern –, aber es wird kein strategisches Gesamtbild gezeichnet. Das ist die elementare Schwäche, die indirekt die AFD groß macht.

  • Herrscht nach 61 Regierungsjahren vielleicht auch Überdruss an der CSU?

Das kommt dazu. Der Überdruss hat sich nur deshalb nicht früher eingestellt, weil die CSU immer wieder neue programmatische und personelle Angebote gemacht hat. Franz Josef Strauß zum Beispiel: Nennen Sie mir heute einen Politiker, der diese Ausstrahlung hat. Die sind doch alle viel zu langweilig dafür.

  • Kriegt man die Wähler zurück, die zur AfD gegangen sind?

Man könnte. Aber man bekommt sie nicht zurück. Die Leute werden zu AfD-Wählern, weil sie frustriert und verängstigt sind. Sie wissen nicht, wie alles läuft; sie sagen: die Oberen kümmern sich sowieso nicht um uns, ich werde mit meinen Sorgen allein gelassen. Diese Frustration hat früher dazu geführt, dass man bei den Wahlen zuhause geblieben ist. Jetzt kann ich meine Frustration irgendwo andocken, und das mache ich bei der AfD. Die gleichen Leute erwarten nicht, dass die AfD alle ihre Probleme löst, aber sie können damit meine Frustration zum Ausdruck bringen. In der alten Parteiengeschichte wäre die AfD längst wieder verschwunden, so wie die sich in der Führung untereinander zerfleischen. Heute ist das den Leute völlig wurscht. Egal, wer bei denen vorne steht und ob man den kennt. In Bayern hat die AfD keinen Spitzenkandidaten, das ist den Leuten doch egal. Hauptsache, ich kann irgendwo meine Frustration abladen.

  • Aber die Gebiete Bayerns, wo die AfD bei der Bundestagswahl die meisten Stimmen geholt hat, bis zu zwanzig Prozent – das sind alles wohlhabende Gegenden, fast ohne Arbeitslosigkeit. Warum gibt’s da Frustrierte?

Weil Menschen auch jenseits von Arbeitslosigkeit Sorgen haben. Immanuel Kant hat gesagt: Alles ist Perzeption. Es gibt kein Ding an sich, nur die Wahrnehmung davon. Dieser Wahrnehmungshorizont ist das Entscheidende, nicht die soziologischen Gegebenheiten. Die Leute sind am Ende tief besorgt, ob nicht die Arbeitslosigkeit sie irgendwann erfasst. Auch dort wo gar keine Alosigkeit existiert.

  • Bei der Bundestagswahl 2017 war in Bayern eine hohe Mobilisierung von früheren Nichtwählern festzustellen. Glauben Sie, dass dieser Effekt anhält?

Ich glaube, dass die Wahlbeteiligung relativ hoch sein wird, weil Sie ja unter anderem das Großthema haben: Kriegt die CSU eins auf die Nase? Das hat durchaus einen Mobilisierungscharakter. Es gibt im bayerischen Wahlkampf kein anderes wirkliches Großthema. Da wabert alles etwas diffus vor sich hin. Die mobilisierende Frage lautet: Wollen wir eine andere Machtarchitektur, jetzt, wenn wir die Chance haben?

  • Sie sehen eine Art Wendemobilisierung?

Ja.

  • Wem kommt die noch zugute?

Die Grünen sind die Gewinner. Sie sind ja nicht mehr die alte Revolutionspartei aus ihrer Gründungsära. Die sind zu einer richtig positiven bürgerlichen Erscheinung geworden. Und sie haben eine positive Zukunftsausstrahlung. Die Spitzenkandidatin zum Beispiel, Katharina Schulze. Die können Sie ansprechen mit was Sie wollen, die strahlt Sie immer an. Und die neue Führung auf Bundesebene, das sind auch positiv-freundliche Typen. Das bringt den Grünen eine Menge. Man will ja nicht dauernd zerknirscht durchs Leben gehen. Und deshalb hätte ich als CSU-Stelle niemals den Fehler gemacht, eine Koalition mit den Grünen auszuschließen. Natürlich ist es für sie die bequemste Lösung, mit den Freien Wählern oder/und mit der FDP zu koalieren. Aber das ist ja fast ein Schlaftablettenangebot. Der Aufbruch mit den Grünen wären eine Verjüngungskur.

  • Muss man die SPD mit ihren aktuell elf Umfrage-Prozenten schon zu den Kleinparteien rechnen, oder hat die noch eine Chance?

Die SPD wird vielleicht noch weiter abrutschen, wenn ihr nicht gelingt, was ich auch von der CSU eingefordert habe: eine Art klare Zukunftsstrategie anzubieten. Ein Gesellschaftbild wie in klassischen Zeiten – dass die Menschen frei und gleich werden sollten und nicht unter dem Joch der Kapitalisten leiden müssen – bietet die SPD nicht mehr an. Sie hat auch nicht mehr die alten Bindungen, an die Gewerkschaften vor allem. Es gibt auch kein Lagerdenken mehr. Wir leben in einem fluiden Stimmungsmilieu, im Gegensatz zu früher, als die Lage bestimmt war von rund 90 Prozent Stammwählern.

  • Sie glauben nicht, dass die SPD vor der Landtagswahl nochmal zulegt in Bayern?

Nein, ach nein! Vor der Landtagswahl? Sie reden zu kurzfristig. Selbst bis zur nächsten Bundestagstagswahl haben die nur eine sehr begrenzte Chance.

Zur Person: Werner Weidenfeld (71) gilt als einer der einflussreichsten Politikwissenschaftler und Politikberater der Bundesrepublik. Er lehrte als Professor an der Universität Mainz und am Geschwister-Scholl-Institut der Universität München, wo er auch das Centrum für Angewandte Politikforschung (C.A.P.) gegründet hat, das er bis heute leitet. Zwölf Jahre lang (1987-99) war er auch Amerika-Koordinator der Bundesregierung.

Interview: Paul Kreiner, 17.09.2018
Copyright: „Die Rheinpfalz“

Duell, Triell, Quinquell

Wie Wahlrechnerei die Köpfe beim Bayerischen Rundfunk gleich zweimal zum Rauchen brachte.

Markus Söder jammert immer, er sei ja so allein. 35 Prozent soll er laut Umfragen bei den bayerischen Landtagswahlen im Oktober kriegen. Für den CSU-Muskelprotz ist das deprimierend. Und doch: der Abstand zur Konkurrenz bleibt gewaltig. So gewaltig, dass sich der Bayerische Rundfunk nicht anders zu helfen wusste, als das traditionelle TV-Duell der beiden Spitzenkandidaten abzusagen.

Wer wäre denn der Zweite? Der übliche SPD-Mann? Nein, erstens ist derselbe eine Frau, Natascha Kohnen, und zweitens sackt diese in den Umfragen immer tiefer in den Kreis der Kleinparteien ab. Elf Prozent bekäme die SPD derzeit. Das ist genauso viel oder so wenig, wie die AfD kriegen könnte und die Freien Wähler auch. Unter drei gleichen also – wen sollte der BR zum Duellanten Söders befördern, ohne vor den anderen in Deckung gehen zu müssen?

Also kein Duell. Andererseits – man sieht er förmlich rauchen aus den BR-Köpfen – ist es nicht gut, dass der Mensch allein sei. Das hat schon der Herrgott im Paradies festgestellt, als er den armseligen Adam da rumhängen sah. Weil aber Bayern das Paradies und ein televisionäres Tête-à-Tête beim Publikum scheint’s ein Muss ist, hat der BR beschlossen, dem Muskelprotz in Eigenregie einen Herausforderer zu suchen.

Man fand ihn – nein, nicht in der Wüste, wo wildes Getier heult – in den Umfragetabellen, die man zuvor als nutzlos weggelegt hatte. Dort haben sich die Grünen stetig nach vorne geschoben. Mit aktuell 17 Prozent wären sie zweitstärkste Partei im Landtag, zwar noch 18 Punkte weg von der CSU, aber immerhin: Platz zwei, Herausforderer! Duell-Kandidat!

Da allerdings ergab sich für den BR das nächste Problem: Die Grünen haben zwei Spitzenkandidaten, Katharina Schulze und Ludwig Hartmann. Sollte man das Treffen mit Söder also zu einem „Triell“ aufblasen? Wieder rauchten die Köpfe, bis sie fanden: Schulze ist erst 33 Jahre alt, kann also selbst bei Spitzenergebnissen noch sieben Jahre lang nicht Ministerpräsidentin werden. Blieb Hartmann, gerade 40 geworden. Er könnte. Juhu! TV-Duell gerettet! (Und Frauendebatte vermieden!)

Doch wo bleiben die anderen fünf Parteien, die eine Landtagszukunft vor sich haben? Alle mit’nand kriegen im BR demnächst ihre eigene Fernseh-Wahlshow. Man könnte sie ja „Quinquell“ nennen.

Autor: Paul Kreiner, 18.09.2018

Erdrückende Lasten

Dem Papst fliegt sein Reformwerk auseinander, und eine Strategie gegen Missbrauchs-Affären ist nicht in Sicht.

Dreiundzwanzig Jahre war es an diesem Freitag her, dass der Vatikan das Rücktrittsgesuch Hans Hermann Groërs angenommen hat – zum 14. September, an dem die Kirche das eher triumphale Fest „Kreuzerhöhung“ feiert. Das sah so aus, als sei das Leiden des unter Missbrauchsanklage geratenen Wiener Kardinals vergleichbar dem schuldlosen Leiden Christi. Heute ist von einem Aufbegehren gegen Attacken irgendeiner „bösen“ Welt nichts mehr zu hören. Diese „Welt“ hatte ja Recht. Chile, Pennsylvania, Irland, Deutschland, Australien: die katholische Kirche wird schier erdrückt von gewaltigen Missbrauchsskandalen, und ein Ende ist ebenso wenig in Sicht wie eine Strategie dagegen.

Noch vor einer Woche hatte der Chef der US-amerikanischen Bischofskonferenz, Kardinal Daniel DiNardo, eine vom Vatikan geführte Groß-Untersuchung, eine „Apostolische Visitation“, in der amerikanischen Kirche verlangt. Diesen Donnerstag nun haben sich DiNardo und andere führende US-Bischöfe mit Papst Franziskus getroffen – und von einer „Visitation“ ist keine Rede mehr. „Wir werden gemeinsam die effektivsten nächsten Schritte überlegen“, formuliert man nun wolkig.

Einen Welt-Krisengipfel hat Papst Franziskus diese Woche zwar auch noch einberufen. Im Februar sollen die Vorsitzenden aller nationalen oder kontinentalen Bischofskonferenzen in Rom über den „Schutz von Minderjährigen“ beraten. Das Treffen wird aber nur knapp vier Tage dauern. Außer Absichtsbekundungen ist da nicht viel zu erwarten – zumal, wie sich gerade in den jüngsten Wochen gezeigt hat, nicht wenige Bischöfe in Sachen Aufklärung und Ehrlichkeit ja eher Teil des Problems als Teil der Lösung sind.

Und was weiß der Papst von allem? Im Fall Chile hat er zu Jahresbeginn einen wegen Vertuschung nicht mehr zu haltenden Bischof mit sehr barschen Worten verteidigt. Wollte er ihn schützen? War er einseitig informiert? In Irland sagte Franziskus unlängst nach einem Treffen mit Missbrauchsopfern, er hätte zuvor „gar nicht glauben können“, was er dann im direkten Gespräch „gut belegt“ fand.

Dabei sind Erlebnisse von Missbrauchsopfern seit dem Fall Groër, spätestens aber seit der ersten großen Enthüllungswelle 2002 in den USA bekannt, und die nun als „beschämend und erschreckend“ bezeichneten Berichte aus Pennsylvania und Deutschland fassen nur zusammen, was man auch an der Kirchenspitze der Spur nach bisher schon wissen konnte – unter anderem aus der Tatsache, dass die katholische Kirche in den USA bereits vier Milliarden Dollar Entschädigungen gezahlt hat für Missbrauchsaffären von 1950 bis 2015. Und in Deutschland, wo eine von den Bischöfen beauftragte Studie nun von 1670 beschuldigten Klerikern und 3677 minderjährigen Opfern spricht spricht (im Zeitraum zwischen 1946 und 2014), sind allein an ehemalige Mitglieder der „Regensburger Domspatzen“ 3,2 Millionen Euro Entschädigung für erlittene körperliche und teils auch sexuelle Gewalt gegangen.

Zum „Krieg in der Kirche“ (Kardinal Christoph Schönborn) haben sich die Affären aber ausgewachsen, weil ein Teil der Welt- und der Kurienbischöfe eine ganz andere Agenda verfolgt. Sie wollen – so Schönborn – „diesen Papst loswerden.“ Noch direkter sagt es der Kardinal des portugiesischen Marien-Wallfahrtsorts Fatima, António dos Santos Marto. Im Gange sei eine „Kampagne von Ultrakonservativen“, die den knapp 82-jährigen Franziskus „zu Tode verletzen“ solle.

Das scheint vor allem ein nach außen gewendeter Binnenkonflikt der zerstrittenen und in Missbrauchsaffären befangenen US-amerikanischen Bischofskonferenz zu sein, wo der rechte Flügel politisch gegen „Kapitalismuskritiker“ Franziskus agitiert und theologisch dessen offeneren Kurs gegenüber wiederverheiraten Geschiedenen als Ketzerei hinstellt. Die Anschuldigungen des früheren vatikanischen Botschafters in den USA, Carlo Maria Viganò, Franziskus habe die homosexuellen Affären des als progressiv bezeichneten Ex-Kardinals Theodore McCarrick (Washington) gedeckt und überhaupt „homosexuellen Netzwerken“ die „Zerstörung der Kirche“ erleichtert, kommen auch aus dieser Ecke.

Mittlerweile, drei Wochen nachdem Viganò mit seinem Offenen Brief die Kirche erschüttert hat, hat sich diese Anklage in der Hauptsache zwar als haltlos herausgestellt. Franziskus kommt aber auch nicht durch mit seiner Haltung, die bleibenden offenen Fragen schweigend auszusitzen. Der Kardinalsrat, den er vor fünf Jahren zur Reform von Kurie und Kirche bestellt hat, hat offenbar „den Heiligen Stuhl“ dazu bewogen, „die allfälligen und notwendigen Klarstellungen zu formulieren.“ So jedenfalls heißt es in einer Mitteilung des Rates vom Montag dieser Woche.

Gleichzeitig zerlegt sich dieser Reformrat gerade selbst. Einer der neun Kardinäle – der Australier George Pell – steht zuhause in Missbrauchssachen vor Gericht, auch der Chilene Francisco Errázuriz Ossa ist wegen unklarer Verwicklungen diese Woche gar nicht in Rom erschienen, und dem Honduraner Óscar Rodríguez Maradiaga hängen unklare finanzielle Affären an. Das Gremium hat den Papst nun gebeten, den Rat neu zu strukturieren und umzubesetzen, offiziell aber nur   „wegen des vorgerückten Alters einiger Mitglieder“. Wie auch immer. Auch dieses Projekte, eines seiner Hauptwerke, fliegt dem Papst nun auseinander.

Autor: Paul Kreiner, 14.09.2018
Copyright: „Die Presse“ (Wien)

 

 

Die Luft ist raus – vorerst

Journalistische Recherchen haben die Attacke von Erzbischof Carlo Maria Viganò gegen Papst Franziskus zusammenbrechen lassen. Am Ende bleiben: vergiftete Stimmung – und eine bittere Frage.

Am Sonntag vor einer Woche, auf dem Rückflug von Irland, wollte Franziskus nichts sagen. Zu jenem kirchenerschütternden Offenen Brief, in welchem der frühere Apostolische Nuntius in Washington, Carlo Maria Viganò, den Rücktritt des Papstes verlangte, sollten sich die Journalisten selber ein Urteil bilden.

Sie haben es getan. Und unter ihren Nachforschungen ist Viganòs Anklage in ihrem zentralen Punkt zusammengebrochen. Für einen Rücktritt sehen mittlerweile sogar Franziskus-Gegner keine Grundlage mehr. Der Versuch, eine Missbrauchsaffäre als Hebel zu verwenden, um einen reformorientierten Papst aus dem Amt zu drängen, ist gescheitert. Fürs erste jedenfalls; es wird nicht der letzte Sturm auf diesen Papst gewesen sein.

Nun aber der Reihe nach.

Erzbischof Viganò hat Franziskus beschuldigt, die Missbrauchsaffären eines „langjährigen Freundes“, des ehemaligen Washingtoner Kardinals Theodore McCarrick gedeckt zu haben. Nicht nur das: Während Papst Benedikt XVI. den notorisch homosexuellen Kardinal vor etwa zehn Jahren einem zurückgezogenen Leben „in Gebet und Buße“ verdonnert habe, habe Franziskus diese „Sanktionen“ faktisch aufgehoben.

So behauptet es Viganò in dem elfseitigen Brief, der gleichzeitig mit der Irlandreise von Papst Franziskus in mehreren erzkonservativen Blogs veröffentlicht worden ist. Mittlerweile haben amerikanische Journalisten minutiös nachgewiesen, dass bei McCarrick von einem „zurückgezogenen Leben“ schon zu Benedikts Amtszeiten keine Rede sein konnte. Er reiste, weihte Diakone, hielt Vorträge, feierte mindestens eine Messe im Petersdom in Rom, war im Zuge größerer bischöflicher Audienzen sogar bei Papst Benedikt, gratulierte diesem persönlich zum Geburtstag Und noch verstörender: Im Mai 2012 gab es in den USA einen Galaabend, bei dem McCarrick geehrt werden sollte, und als Botschafter des Papstes sagte Carlo Maria Viganò in aller Öffentlichkeit, Kardinal McCarrick werde „von uns allen so geliebt.“

Das alles lässt sich auf zwei Weisen erklären: Entweder hielt sich McCarrick nicht an die von Benedikt XVI. ausgesprochenen Sanktionen, und Benedikt ließ ihn gewähren – oder es gab diese Sanktionen überhaupt nicht. Wenn also auch Franziskus den „Missetäter“ McCarrick frei laufen ließ, dann hat er keinerlei Sanktionen aufgehoben. Oder er hat den Kurs beibehalten, den Benedikt vorgegeben hat. Die Anklage also gegen einen „bösen“ Franziskus, der das Werk eines „guten“ Benedikt zerstöre, fällt in sich zusammen.

Die Sache hat Weiterungen: Mit Viganòs Anschuldigungen gerät auch Benedikt XVI. in Verdacht, einen Kardinal, „der eine Generation von Priestern und Seminaristen verdorben hat“, protegiert zu haben. Und noch weiter zurück: Viganò schreibt, dass der Vatikan von McCarricks homosexuellen Umtrieben schon im Spätjahr 2000 informiert worden sei – das war exakt die Zeit, in welcher Papst Johannes Paul II. den Amerikaner zum Erzbischof von Washington und bald danach zum Kardinal beförderte. Wer Franziskus – den „Modernisierer“ – beschuldigt, zieht also auch den „Bewahrer“ Johannes Paul II. mit in die Affäre. Einen Heiliggesprochenen immerhin. Dieser müsste also zurücktreten, Benedikt XVI. auch, wenn er’s nicht schon aus anderen Gründen getan hätte. Aber hätte sollte Franziskus seine beiden Vorgänger düpieren sollen, indem er McCarrick bestrafte?

Und doch: als einziger der drei Päpste war es Franziskus, der – Ende Juli dieses Jahres – McCarrick tatsächlich bestrafte, indem er ihn zu einem Leben fern der Öffentlichkeit verurteilte, ihm den Kardinalstitel entzog und ein kirchliches Gerichtsverfahren einleitete. Das ging auch noch ziemlich schnell, denn erstmals waren gegen McCarrick auch Vorwürfe erhoben worden, er habe vor mehr als vier Jahrzehnten einen Ministranten, einen Minderjährigen also, sexuell missbraucht.

Viganò hatte zuvor generell von Missbrauch gesprochen, und damit – formulierungstechnisch ziemlich geschickt und reißerisch – weit größere Verbrechen angedeutet.

Tatsache war aber, dass McCarrick – so weit man weiß, bis auf den einen Fall – „nur“ sexuelle Beziehungen mit volljährigen Seminaristen und Priestern unterhielt, die er in sein Haus am Meer und dort ins Bett einlud. Das war ein Missbrauch seines Autorität als Bischof und Vorgesetzter, das waren schwere Verstöße gegen den Zölibat. Und freiwillig gingen auch nicht alle Seminaristen mit. Zwei jedenfalls haben sich bei McCarricks früheren Diözesen eine Entschädigung, ein Schmerzensgeld für sexuelle Nötigung eingeklagt. Erfolgreich. Nur: weder diesseits noch jenseits des Atlantiks betrachtete die kirchliche Hierarchie die homosexuellen Verfehlungen McCarricks gegenüber Erwachsenen als strafwürdig.

In der katholischen Kirche der USA und im Vatikan war McCarricks Verhalten seit den Zeiten Johannes Pauls II. bekannt. Eingeschritten ist niemand. Nicht ausgeschlossen allerdings ist nach dem heutigen Stand der Recherchen – doch das könnte nur der emeritierte Papst aufklären – dass Benedikt den Kardinal in persönlichem Gespräch zu mehr Zurückhaltung gemahnt hat. Aber selbst Edward Pentin vom konservativen US-Blatt „National Catholic Register“, der bei jeder Gelegenheit als Kronzeuge gegen Franziskus auftritt und sich dabei immer großer Nähe zu Benedikts Umgebung rühmt, schreibt am Ende dieser konvulsiven Woche, der zurückgetretene Papst könne sich „nicht mehr sehr gut erinnern“, wie er das mit McCarrick vor zehn Jahren geregelt habe. Ein förmliches Sanktionsdekret, so mittlerweile auch Pentin, gibt es wohl nicht, vielleicht ein „privates Ansuchen“ Benedikts an McCarrick. Höchstens. Pentin zitiert „eine Quelle aus Benedikts Nähe“ mit dem Satz: Wenn die Medien mal nicht hinschauten und etwas eingeschlafen sei, „ist es manchmal besser, es schlafen zu lassen.“

Auch Viganò zieht mittlerweile zurück: „Bestimmt“, so schränkt er gegenüber Pentin ein, habe er als Nuntius in den USA Anweisung bekommen, wie er gegenüber dem Kardinal verfahren solle, aber in welcher Form das geschehen sei, „da hilft mir mein Gedächtnis nicht mehr weiter.“

Wenn sich also keiner erinnert: War dann was? Selbst wenn etwas war: Warum sollte Franziskus etwas wissen, was offenbar selbst Benedikt vergessen oder als unwichtig betrachtet hat?

Und, siehe oben: Franziskus, obwohl der Vertuschung beschuldigt, hat genau das Gegenteil getan: Er ist der einzige, der schriftlich, amtlich, nachweislich, öffentlich gegen McCarrick eingeschritten ist.

Was also bleibt von diesem Sturm?

In der Hauptsache, darauf kam’s ihm an, hat Carlo Maria Viganò mit den elf Seiten seiner Philippika eine Attacke gegen alle „homosexuellen Netze“ unter Priestern, Bischöfen, Kardinälen geritten. „Gedeckt von Geheimhaltung und Lüge strangulieren sie mit der Kraft von Kraken-Armen die ganze Kirche.“

So weit war das ein wüstes homophobes Pamphlet, das man als Frust- und Wutausbruch eines nicht Kardinal, stattdessen Renter gewordenen Erzbischofs betrachten und zur Seite legen konnte. Viganò hat aber den aktuellen Papst hineingezogen und in der Pointe des Schreibens diesen auch noch zum Rücktritt gedrängt. Das hat der Sache die Brisanz gegeben – zumal Viganò auch noch in der ersten Reihe jenes (erz-)konservativen Flügels der katholischen Hierarchie steht, welcher kirchenpolitisch gegen den Öffnungskurs von Franziskus rebelliert und welchem für die dazugehörigen Intrigen offenbar jedes Mittel recht ist. Der Kardinal des portugiesischen Marien-Wallfahrtsorts Fatima, António dos Santos Marto, sprach dieser Tage von einer „Kampagne von Ultrakonservativen“, die den knapp 82-jährigen Franziskus „zu Tode verletzen“ solle.

Es bleibt noch etwas anderes, eine bittere Frage. Wieso konnte ein zum Zölibat verpflichteter Erzbischof McCarrick unter dem Wissen aller seine homosexuellen Neigungen über Jahre hinweg ungehindert ausleben? Wieso dürfen das stillschweigend auch zahlreiche andere mehr oder weniger hochrangige Kleriker – während auf der anderen Seite im Jahr 1995 ein Bischof von Basel schnellstmöglich in die Wüste geschickt worden ist und während das unverzüglich auch all den anderen passiert, die sexuelle Kontakte zu Frauen unterhalten? Sind allein die Kinder, die daraus entstehen und die man nicht so leicht unter der Decke halten kann wie eine schwule Liebelei, der Skandal? Oder ist da etwas anderes schief?

Autor: Paul Kreiner, 02.09.2018

Anmerkung: Mangels eigener belastbarer Kontakte in die USA verdankt sich der vorliegende Text der Arbeit journalistischer Blogger-Journalisten dort. Vorwiegend sind das (auch in ihrer Gegensätzlichkeit): https://cruxnow.com und www.ncregister.com, sowie der Jesuiten-Blog https://www.americamagazine.org
Geistig anregend auch: der gar nicht franziskusfreundliche, aber gut argumentierende Kolumnist der New York Times, Ross Douthat (auf Twitter: @DouthatNYT)

Blogs, die journalistisch nicht seriös, sondern nur polemisch unterwegs sind (egal mit welcher Stoßrichtung und auf welcher Seite des Atlantiks) habe ich hier nicht aufgeführt.

Was wusste Franziskus?

Der Aufstand konservativer Kräfte in der katholischen Kirche hat sich zu offenen Rücktrittsforderungen verdichtet.

Papst Franziskus hat einmal gesagt, der Dritte Weltkrieg habe bereits begonnen; nur finde dieser „in einzelnen Stücken“ statt und falle deshalb als Ganzes nicht auf. Sicher ist: Seit dieser Woche hat Franziskus den Krieg im eigenen Haus. Der seit drei Jahren „in einzelnen Stücken“ immer höher brodelnde Widerstand konservativer Bischöfe und Kardinäle gegen seine offenere Kirchenführung hat sich zu einer konzertierten Aktion verdichtet; massive Stimmungsmache findet statt in den einflussreichen franziskus-feindlichen Blogs (bis in die deutsche AfD-Szene hinein) – und offen wird der Rücktritt des Papstes gefordert. „Ein unerhörter Vorgang“, wie der Münchner Kirchenrechtler Stephan Haering erklärt.

Ausgelöst hat den kirchen-erschütternden Wirbel ein Offener Brief, der gezielt zu Franziskus‘ Besuch in Irland am vergangenen Wochenende übers Internet verbreitet worden ist – zeitgleich mehrsprachig, was auf ein organisiertes Vorgehen schließen lässt. Darin wird der Papst beschuldigt, die Missbrauchsaffären des US-amerikanischen Erzbischofs Theodore McCarrick vertuscht, ja den heute 88-jährigen gar zu seinem Ratgeber gemacht zu haben. „Und wie viele schlechte Hirten unterstützt Franziskus immer noch bei ihrer Zerstörung der Kirche!“, heißt es in dem Brief: „Franziskus ermutigt die Wölfe, die Schafe der Herde Christi zu zerfleischen.“

Geschrieben hat das – nun ja, wer? Als Autor bekennt sich der pensionierte italienische Erzbischof Carlo Maria Viganò (77); sein „Gewissen“, sagt er, treibe ihn dazu. Mittlerweile ist herausgekommen, dass sich Viganò beim Formulieren von einem bekannten Franziskus-Gegner hat helfen lassen, dem römischen Journalisten Marco Tosatti, der erklärtermaßen darauf geachtet hat, was „journalistisch verwendbar“ war. Auf deutsch: Wie man Schlagzeilen produziert.

Viganò behauptet also, Franziskus stehe im Bunde mit jenen unter Klerikern weit verbreiteten „homosexuellen Netzwerken“, welche „die Kirche strangulieren“. Und die Sanktionen, die Papst Benedikt XVI. gegen Erzbischof McCarrick verhängt habe („Leben in Buße und Zurückgezogenheit“), habe Franziskus aufgehoben.

Das alles liest sich merkwürdig, denn genau Franziskus war es, der McCarrick vor wenigen Wochen in einer seit hundert Jahren nicht mehr vorgekommenen Bestrafung den Kardinalstitel entzogen hat – während offenbar kein Mensch von Sanktionen wusste, die Benedikt gegen McCarrick verhängt haben soll. Der Erzbischof bewegte sich jedenfalls zu Benedikts Amtszeit (2005-13) völlig frei in der Kirche.

Viganò wiederum war kirchlicher Karrierediplomat und im vatikanischen Staatssekretariat zuständig für die Kontakte für die Botschaften in aller Welt sowie für interne Personalfragen. Unter Benedikt eckte er aber mit seinem Ehrgeiz und seiner Aufdecker-Attitüde für Korruption dermaßen an, dass er 2011 als Vatikanbotschafter in die USA wegbefördert wurde – und alle seine Protestbriefe halfen nichts. Anders als erwartet, wurde Viganò auch nicht Kardinal, sondern 2016 von Franziskus ganz regulär in die Rente entlassen.

Stark hat sich Viganò in den USA dem mächtigen rechtskonservativen Flügel der zerstrittenen Bischofskonferenz dort angenähert. Viganò steht auch in vorderster Reihe jener Bischöfe und Kardinäle, die Franziskus offen der „Ketzerei“ beschuldigen oder als „Antichrist“ bezeichnen, weil er etwa die Kommunion für wiederverheiratete Geschiedene oder für evangelische Ehepartner für möglich erklärt hat oder weil er – vielleicht – die kirchlichen Verbote gegen Homosexualität aufweichen will. Amerikanische Bischöfe haben auch sehr stark gegen Franziskus‘ Kapitalismuskritik („Diese Wirtschaft tötet!“) opponiert – und zuletzt dagegen, dass der Papst in Änderung der kirchlichen Lehre die Todesstrafe strikt verboten hat.

Dass hinter Viganò die größere erzkonservative Front steckt, lässt sich auch aus der Wortmeldung des Kurienkardinals Raymond Leo Burke (70) schließen, den Franziskus als einen seiner erbittertsten Gegner aus der Präsidentschaft des obersten Vatikan-Gerichts entfernt und zum Hausgeistlichen des Malteser-Ordens degradiert hat. Burke sagt, die Rücktrittsforderung an den Papst sei erlaubt: „Wenn ein Hirte bei der Ausübung seines Amtes schwer versagt…“

Franziskus selber hat zu Viganòs Brief bisher nur eines gesagt: Das Dokument spreche für sich; Journalisten sollten es lesen und ihre eigenen Schlüsse daraus ziehen. So einfach wird er nicht davonkommen. Selbst kirchliche, papstfreundliche Medien in den USA und in Rom stellen dieser Tage die drängende Frage: Was war wirklich mit McCarrick? Und was wusste Franziskus von dessen Verbrechen?

Autor: Paul Kreiner, 28.08.2018
Copyright: Stuttgarter Zeitung