Behandlung nur bei guter Prognose?

Deutsche Bischofskonferenz gegen ärztliche Fachgesellschaften: Bei der Vergabe von Intensivbetten im Corona-Notfall müsse auch die Bedürftigkeit von Patienten angerechnet werden – gegen eine einseitige Benachteiligung älterer Menschen. 

Noch ist es in Deutschland nicht so weit, aber ausschließen kann es niemand: dass Ärzte nämlich bei einer weiteren Zunahme schwerer Corona-Erkrankungen angesichts begrenzter Klinikplätze eines Tages entscheiden müssen, wem sie eine tendenziell lebensrettende Intensiv-Behandlung zukommen lassen – und wen sie abweisen. Nach welchen Kriterien sollen sie vorgehen bei diesem Auswahlprozess, bei dieser „Triage“? Dazu hat sich an diesem Mittwoch, nach den „klinisch-ethischen Empfehlungen“  ärztlicher Fachgesellschaften und nach dem Deutschen Ethikrat, auch das Sekretariat der Deutschen  Bischofskonferenz (DBK) mit einer „Argumentationsskizze“ geäußert. 

Prinzipiell gehen die drei Papiere einhellig davon aus, dass alle Menschen von gleicher Würde sind, gleichen Schutz genießen und niemand – etwa aufgrund seines Alters, seiner Prominenz, seines Geschlechts – ein höheres Recht auf Intensivbehandlung hat als der genauso kranke Nachbar. Der Ethikrat meldet aber Bedenken an dem Ziel an, möglichst viele Menschen retten zu wollen – weil damit Einzelne womöglich dem Gedanken der „großen Zahl“ geopfert werden. Und wie der Ethikrat protestiert auch die Bischofskonferenz dagegen, dass bei der Triage abgestellt werden könnte auf die „Zahl der erwartbaren Jahre geretteten Lebens“, so wie es Ärzteverbände in Italien empfohlen haben. Das nämlich würde bedeuten, dass Jüngere zu Lasten Älterer bevorzugt würden – dass also letztlich der Gedanke des gesellschaftlichen Nutzens (womöglich gar eine volks- oder krankenhauswirtschaftliche Aufwands-Ertrags-Rechnung) die Oberhand gewinnt.

In diesem Sinne wendet sich das Sekretariat der DBK indirekt, aber klar gegen das Ärzte-Papier. Die sechs medizinischen Fachgesellschaften plus die „Akademie für Ethik in der Medizin“ haben ja vorgeschlagen, Patienten nach dem „Kriterium der klinischen Erfolgsaussicht“ auszuwählen. Notfall- oder intensivmedizinisch behandelt werden sollten Personen, „die dadurch eine höhere Überlebenswahrscheinlichkeit bzw. eine bessere Gesamtprognose (auch im weiteren Verlauf) haben.“ 

Das Kirchenpapier ist demgegenüber der Ansicht, eine solche Triage  müsse „in ethischer Perspektive klar verworfen werden.“ Denn den Blick „einzig auf die Prognose“ zu richten, sagen sie, „würde unweigerlich bedeuten, junge, nicht vorerkrankte Patienten mit leichterem Verlauf gegenüber älteren vorerkrankten Patienten bei der Intensivbehandlung vorzuziehen.“ Dass Jüngere „auch ohne Intensivbehandlung eine immer noch gute Prognose haben, fiele dann weniger oder gar nicht ins Gewicht.“

Die DBK verlangt demnach, dass neben der Prognose auch die Bedürftigkeit des einzelnen Patienten zum Kriterium der Triage wird. Beides müsse „sorgfältig individuell abgewogen werden.“ Als Modell dafür sehen die Bischöfe die Regeln, die in Deutschland bereits für die Verteilung von Organspenden gelten. Härten blieben trotzdem unvermeidbar: „Eine zu schlechte Prognose schließt auch bei erheblicher Bedürftigkeit von der Behandlung aus.“

Der Deutsche Ethikrat scheint in diesem Punkt näher bei den Bischöfen als bei den ärztlichen Fachgesellschaften. Er warnt vor einer „reinen Ergebnisorientierung“ in der Triage. Damit könnten die „Grenzen des Verfassungsrechts überschritten“, also im wesentlichen der Grundsatz der gleichen Menschenwürde für alle, verletzt werden. Allerdings räumt der Ethikrat ein, dass es „unterschiedliche Ebenen“ in der Umsetzung von Normen gibt, und Ethik sich somit am konkreten Krankenbett womöglich anders darstellt als in staatlicher Überfliegerperspektive formuliert. So „könnten und sollten Fachgesellschaften im Rahmen der Grundvorgaben wichtige Orientierungshilfen geben, welche inhaltlich über das hinausgehen, was staatlicherseits zulässig wäre“, schreibt der Ethikrat.

In der Notlage könnte sich noch ein viel schmerzlicheres ethisches Problem stellen: Dürfen laufende Intensivbehandlungen abgebrochen werden, um Betten für neu herandrängende Patienten freizubekommen? Das heißt: darf  man jemanden, der zur Vermeidung von Lebensgefahr die maximale Behandlung erhält, plötzlich neu einer maximalen Lebensgefahr aussetzen, um einen anderen Menschen zu retten, dem man womöglich eine bessere Prognose ausstellt?

Im DBK-Papier steht, das sei „klar abzulehnen.“ Der Ethikrat schreibt, bei der strafrechtlichen Aufarbeitung eines Behandlungsabbruchs könnten Personen, die für eine entsprechende „ethisch begründbare und transparente Gewissensentscheidung“ verantwortlich zeichnen, zwar „mit einer entschuldigenden Nachsicht der Rechtsordnung“ rechnen. Objektiv rechtens sei aber der Abbruch einer „weiterhin indizierten Behandlung“ nicht. Damit würde eine „Erosion der Fundamente der Rechtsordnung“ einhergehen, die Staat und Gesellschaft „weniger noch ertragen könnten als selbst zahlreiche tragische Entscheidungen in Lebens- und Sterbensnotfällen.“

Autor und ©: Paul Kreiner, 08.04.2020

Gemeinschaft der Einzelnen

Was Corona aus den Kirchen macht. Ein Versuch. (Mit der Bitte um Kritik.)

Die Strecke war zwar höchstens fünfzig Meter lang, aber Bilder von dieser Wallfahrt sind um die Welt gegangen: Eine düstere Gasse mitten in Rom, schmutziggrau die hohen Fassaden, schwarz der Asphalt. An den wenigen Geschäften sind die Läden heruntergelassen; in der Ferne parkt ein Auto. Keines fährt. Die Straße ist leer bis auf vier weit verstreute Security-Männer in schwarzen Anzügen. Und bis auf ihn: den Mann in Weiß.

Papst Franziskus stapft da die Via del Corso entlang. Er tut es allein; das ist die Botschaft. Da ist kein Hofstaat mehr, keine liturgischen Gewänder, keine Ministranten; da sollen keine Bischöfe mehr ihre violetten oder roten Käppchen leuchten lassen. An jenem Sonntag Nachmittag macht sich die Kirche sozusagen nackt, sie räumt allen Prunk aus dem Weg. Einsam will der Papst pilgern. Aber wohin?

Es zieht ihn zu einem spätgotischen Kreuz, das vor einem halben Jahrtausend wahre Wunder vollbracht haben soll. Bei der Pest 1522 haben die Römer es sechzehn Tage durch ihre Stadt getragen, dann – so heißt es – war die Seuche vorbei.

Selbst wenn Franziskus persönlich daran glauben sollte, so kann er die Pestprozessionen von einst nicht wiederholen. Um Gottes Willen! Man stelle sich vor: Trauben von Menschen in einem zwei Wochen langen Zug von einem Stadtviertel ins andere, das als wundertätig geglaubte Kruzifix unablässig berührend und küssend…

Tausende von Altarbildern und Fresken gibt es, auf denen Päpste oder andere Bischöfe mit dem bloßen Kreuz in der Hand irgendwelche Feinde abwehren: Hunnen, Vandalen, Katharer. Oder auf denen hoch aufgerichtete Heilige mitten in einer verzweifelt die Hände ringenden Menge das Kreuzzeichen schlagen, um Seestürme zu beruhigen, Vulkane am Ausbrechen zu hindern, teuflische Pestilenzen hinwegzuwedeln.

Der Kirche heute steht all das nicht mehr zur Verfügung. In Deutschland hat ihr der Staat sogar alle Gottesdienste verboten – und widerstandslos ließen die Bischöfe diesen Übergriff in ihre Sphäre geschehen. Geradezu eine geistliche Brutalität aber hat der Statthalter des Papstes für die Diözese Rom begangen: Kardinal Angelo De Donatis ließ alle Kirchengebäude zusperren – bis ihn Franziskus am Tag darauf zurückpfiff. Wegen Übertreibung.

Denn wenn Gläubige, die im Gebet heutzutage zwar vielleicht keine Wunder mehr, aber doch persönliche Tröstung in ihrer Angst erwarten, ihre dafür heiligsten Orte verriegelt sehen: grassieren dann nicht irgendwann Verzweiflung und Virus in gleichem Maße? Wenn Epidemiologen nur steigende Ansteckungskurven und Politiker nur immer strengeren Zwang verkünden können: woher kommt dann noch Trost? Es ist im übrigen ja – postmodern-säkular gesprochen – so mancher Kirchenbau auch ein „Kraftort“ für Menschen, die sonst nicht glauben.

Aber wenn Kirchenbauten offen bleiben, so ist doch – weil die spärlichen Beter sich darin so weit wie möglich vereinzeln – eklatant sichtbar, dass der aktuelle Umgang mit der Corona-Pandemie genau das Gegenteil von dem ist, was Kirche sein und leisten soll. Sie, die Menschen zur Gemeinschaft zusammenführen will, atomisiert sich genauso wie der Rest der Gesellschaft. Jedes „Mehr“ ist verschwunden. „Seelsorger sind nicht die besseren Virologen“, hat unlängst ein Erfurter Kirchenmann gesagt. Man dehnt das heute automatisch auf den Satz aus: „Glaube ist nicht die bessere Virologie.“ Und in Italien sind bereits 50 Priester am Coronavirus gestorben, vorwiegend Krankenseelsorger, also Kämpfer, Tröster in vorderster Linie.

Die Kirche ist nackt; das hat Franziskus mit seiner einsamen Pilgerfahrt so symbolkräftig demonstriert – in dem Widerspruch, in dem er selber steckt: Genau der Papst, der seiner Kirche das „Hinausgehen“ aus ihren Mauern so stark verordnet und vorgelebt hat wie kein anderer, er kann nur allein nach draußen; seine Messen muss er im stillen Kämmerlein feiern. Kein Ostern auf dem Petersplatz; der weltweite Höhepunkt christlichen Lebens findet in der Abgeschiedenheit einer Hauskapelle statt. Nur die Videokamera schaut in stummer Einäugigkeit zu.

Immerhin: sie tut es. In der Hoffnung, millionenfach verbreitete Bilder von Einsamkeit könnten bei Millionen vereinzelter Empfänger ein Mosaik zusammenpuzzeln, über dem als Titel „Neue Gemeinsamkeit“ steht. Vielleicht gelingt es. Viele Pfarrer und Bischöfe in Deutschland, evangelische genauso wie katholische, streamen die Gottesdienste aus ihren leeren Kirchen ja auch schon; der öffentlich-rechtliche Rundfunk baut seine Sendeplätze dafür aus; das Internet ist ohnedies grenzenlos offen.

Kann sein, dass daraus tatsächlich ein neues Verständnis gläubiger Zusammengehörigkeit oder gar Gemeinsamkeit entsteht – von zwei verschiedenen Seiten aus. Katholiken, die die Hochform ihres Gottesdienstes nicht mehr in den Kirchen mitfeiern können, sondern nur am Bildschirm, lernen in Zeiten des Mangels mit „weniger“ auszukommen (das müssen sie wegen fortschreitenden Priestermangels ohnehin). Und Protestanten, die bisher zu einem viel geringeren Anteil als Katholiken zum „echten“ Gottesdienst gehen, entdecken womöglich erst, was Gemeinsamkeit im Beten sein kann.

„Hauskirchen“ bilden, die Familie als eine solche zu etablieren, war zu Zeiten von Papst Johannes Paul II. ein Lieblingsmotto der Mission nach innen. Heute kehrt das Projekt von außen in die Kirche zurück. Das muss nicht das Schlechteste sein. Die Juden feiern Pessach, das zentrale und volksbegründende Fest ihres Glaubens und das Ur-Ostern der Religionsgeschichte, in erster Linie als Fest in den einzelnen Familien. Sie tun das seit der Zerstörung des Jerusalemer Tempels im Jahr 70, über alle Jahrhunderte der Verfolgung hinweg. In ihrer weltumspannenden Zerstreuung haben sie damit ihre Identität, ihr Zusammengehörigkeitsgefühl bewahrt. Und überlebt.

Autor und Copyright: Paul Kreiner, 23.03.2020

Zwischen Pest und Corona

Oberammergau muss seine weltberühmten Passionsspiele verschieben – nur acht Wochen vor der geplanten Premiere.

Es ist, als schlüge die Pest zurück. 387 Jahre, nachdem die Oberammergauer mitten in der Epidemie gelobten, „das Leiden, Sterben und Auferstehen unseres Herrn Jesus Christus“ alle zehn Jahre als Theaterstück aufzuführen, haben sie nun die unmittelbar bevorstehende Wiederholung abgesagt. „Corona“ oder „Covid-19“ heißt heute, was 1633 „Pest“ hieß. Und galt das Gelöbnis seinerzeit für den Fall, dass Oberammergau von der Seuche verschont bliebe, so ist die fromme Rettungsabsicht diesen Donnerstag an einer „Risikoeinschätzung“ der staatlichen Gesundheitsamtes zerschellt.

Am 16. Mai sollte die Premiere sein; 103 Aufführungen waren bis hinein in den Oktober geplant; 450.000 Gäste aus buchstäblich der ganzen Welt hatte man in Oberammergau erwartet. Dort war schon seit Monaten das halbe Dorf auf den Beinen. Von 5000 Einwohnern wollten etwa 2400 an dem Schauspiel mitspielen oder mitwirken, junge, alte, alle; seit Aschermittwoch 2019 wuchern Bärte wie Haupthaar bei den Darstellern und Darstellerinnen; 15 Millionen Euro waren jetzt schon für die Vorbereitungen ausgegeben – und das Volk hatte bei Temperaturen um den Gefrierpunkt stundenlang die Massenszenen im offenen Schauspielhaus geprobt, unter der furiosen Regie eines Christian Stückl, der immer in Hemd und offener Jacke herumwirbelte.

Corona ist zwar bis heute ebensowenig nach Oberammergau vorgedrungen wie 1633 die Pest, aber Gesundheits- und Landratsamt in Garmisch-Partenkirchen sind sich sicher, das werde nicht so bleiben. „Bis in den Herbst hinein“, so heißt es in der behördlichen Risiko-Analyse, werde „eine Veranstaltung in der Größenordnung der Passionsspiele nicht möglich“ sein, ohne Mitwirkende und Gäste zu gefährden. Selbst wenn sich die heute exponentielle Zunahme der Erkrankungen unterbrechen ließe, so bestehe doch „über einen langen Zeitraum ein hohes Risiko, dass immer wieder Infektionen auftreten.“ Fazit: „Aus gesundheitspräventiver Sicht ist die Veranstaltung daher zu untersagen.“

Lange haben Gemeindet, Landratsamt und Spielleitung um den Entschluss gerungen. Noch am Dienstag sagte der Jesus-Darsteller und Pressesprecher Frederik Mayet: „Wir wissen nichts, wir wissen nichts.“ Der Gemeinderat diskutierte alle möglichen Szenarien, auch die versicherungsrechtliche, sprich die Frage: Wer trägt am Ende die Kosten einer Absage?

Heraus kam folgendes: um auf der sicheren Seite zu sein, wird die Passion 2020 nicht um Wochen oder ein paar Monate, sondern gleich um zwei Jahre verschoben. Premiere soll am 21. Mai 2022 sein. Auch dafür gibt’s eine geschichtliche Analogie: schon 1920, also vor genau hundert Jahren, hat Oberammergau die Spiele verschoben. Damals taten sie es wegen der vielen Gefallenen im Ersten Weltkrieg, und irgendwie trug das Abstandhalten schon damals seine Früchte: für das Passionsspiel 1922 schließlich verzeichnet die Oberammergauer Chronik einen „unerwartet hohen Besucherandrang.“

Autor: Paul Kreiner, 19.03.2020

Copyright: Stuttgarter Zeitung

„Es kann sehr schlimm werden“

Bayern ruft den Katastrophenfall aus und schließt nach Schulen und Kitas nun auch sämtliche Kultur- und Freizeitstätten. An Ladengeschäften bleibt nur offen, was der Grund- und Nahrungsversorgung dient – dann aber auch sonntags.

Wie stark sich das Coronavirus (auch) in Bayern verbreitet, hat Gesundheitsministerin Melanie Huml am Montag Früh deutlich gemacht. Waren am Sonntag Mittag nur 886 Infektionen im Freistaat bekannt, so ist diese Zahl innerhalb von weniger als 24 Stunden um weitere 150 gestiegen. Schon der Anstieg von Samstag auf Sonntag lag bei gut 30 Prozent. „Wenn das so weitergeht“, sagte Huml, „dann haben wir schon nächstes Wochenende mehrere tausend Fälle.“ Auch Ministerpräsident Markus Söder (CSU) sagt, er wolle derzeit keinen Optimismus verbreiten: „Es wird noch vieles auf uns zukommen. Es kann sehr schlimm werden.“ Die Corona-Pandemie stelle nicht nur einen Stresstest, sondern auch einen „Charaktertest“ für Gesellschaft und Wirtschaft dar.

Um als Staat handlungsfähig zu bleiben, bürokratische Prozeduren abzukürzen, Durchgriffsmöglichkeiten zu haben und eine „klare Steuerung“ aller Maßnahmen zu erreichen, hat der Freistaat Bayern am Montag Vormittag den Katastrophenfall ausgerufen. Er gilt laut Ministerpräsident Markus Söder mit sofortiger Wirkung und soll erreichen, dass die Verbreitung des Coronavirus so weit wie möglich eingedämmt wird. „Da wir keine Impfungen und Medikamente dagegen haben“, so Söder, gehe das nur mit einem „Herunterfahren und Verlangsamen“ des öffentlichen Lebens und mit einer Ausdünnung der sozialen Kontakte.

Bei einer nur im Fernsehen und im Internet übertragenen Pressekonferenz teilte Söder die von der Landesregierung beschlossenen Maßnahmen mit. Geschlossen werden von diesem Dienstag an sämtliche Freizeit- und Kultureinrichtungen: Museen, Bibliotheken, Bäder, Kinos, Clubs, Bars, Spielhallen, Musikschulen, Fitness-Center, Sportplätze, Jugendhäuser und ähnliches. Auch Bordelle. Sie gehören nicht zur Grundversorgung. Veranstaltungen sind nicht mehr erlaubt. Eine Ausgangssperre, so Söder, werde aber nicht verhängt: „Jedenfalls derzeit nicht.“

An Ladengeschäften bleibt nur offen, „was der Grundversorgung dient“, also vor allem Lebensmittel- und Getränkemärkte, Banken, Apotheken, Drogerien, Post, Baumärkte, Tierbedarf. Um Menschenansammlungen zu vermeiden, erlaubt Bayern längere oder gar neue Öffnungszeiten: wochentags bis 22 Uhr und Sonntags von 12-18 Uhr. Söder sagte, um die Nahrungsversorgung zu sichern, rede die Regierung „mit den großen Ketten und mit dem Einzelhandel“. Es bestehe „kein Grund zu Hamsterkäufen.“

In der Gastronomie dürfen lediglich Speiselokale und Betriebskantinen geöffnet bleiben, allerdings auch nur zwischen 6 und 15 Uhr; für die Gäste muss ein Mindestabstand von 1,5 Metern gesichert sein, und es dürfen sich höchstens 30 Personen im Raum aufhalten. Liefer- und Abholdienste sowie „Drive in“-Betriebe dürfen auch nach 15 Uhr allfällige Kundschaft bedienen.

Gesundheitsministerin Huml sagte bei der Pressekonferenz, man bemühe sich, die derzeit schon im Durchschnitt zu 80 Prozent ausgelasteten 4000 bayerischen Intensivbetten auszubauen. „Zum Glück“ sei der Höhepunkt bei der saisonalen Influenza-Welle bereits vorbei: „Stellen Sie sich vor, was in den Kliniken passiert wäre, wenn Influenza- und Corona-Welle zusammengetroffen wären!“ Huml schloss nicht aus, dass beispielsweise in Messehallen spezielle Corona-Zentren aufgebaut werden könnten. Bayern habe tausend Beatmungsgeräte gekauft und werde auch eine Meldepflicht für freie Beatmungs- und klinische Behandlungskapazitäten verhängen; das gälte dann auch für Schönheitskliniken.

Zudem, so Huml weiter, bräuchten die Krankenhäuser „dringend“ medizinisches Personal. Zur Mithilfe aufgerufen seien nun beispielsweise auch Mediziner, die bereits im Ruhestand sind oder auch Studenten. Um Personal zu bekommen, garantierten die von dieser Woche an flächendeckend geschlossenen bayerischen Schulen und Kitas eine Notbetreuung für die Kinder beispielsweise von Pflegekräften und von Medizinern. Ausbauen will Bayern auch die Testzentren und die Hilfs-Hotlines. Ohne Wartezeiten, so Huml, werde es dort auch künftig nicht gehen: „Aber wir tun unser Menschenmögliches.“

Wirtschaftsbetriebe und Kultureinrichtungen, welche durch die verfügten Schließungen oder überhaupt durch Corona in Existenzschwierigkeiten kommen, können per „Schnellantrag“ unbürokratische Soforthilfen aus der Staatskasse erhalten; dafür stellt Bayern 10 Milliarden Euro zur Verfügung; zum Teil, so Söder, werde dafür die gesetzliche Schuldenbremse außer Kraft gesetzt. Man wolle „mit maximalem Einsatz den größtmöglichen Schutz erreichen.“

Der Katastrophenfall ist in Bayern bisher nur örtlich oder regional begrenzt ausgerufen worden – etwa bei Überschwemmungen oder beim alpinen „Schneechaos“ vor einem Jahr –, niemals aber landesweit. Er soll einheitliche Aktionsstrukturen in den Behörden schaffen und diese unter zentraler Leitung bündeln; er erlaubt – etwa bei den Gesundheitsämtern – deren akut bedarfsgemäßen Umbau; der Staat kann auch nötige Hilfsmittel direkt beschlagnahmen oder auch Helfer rekrutieren. Jeder Bürger ist dann zum Einsatz „in Form von Dienst-, Sach- oder Werkleistungen“ verpflichtet. So sieht es das bayerische Katastrophenschutzgesetz von 1997 vor.

Autor und Copyright: Paul Kreiner, 16.03.2020

Größer als der Zölibat

Papst Franziskus spart in seinem Schreiben über das „Geliebte Amazonien“ die Reizwörter aus und lässt erkennen, dass zumindest aus Rom keine Kirchenreformen mehr kommen. Den Katholiken bleibt nichts anderes übrig: Sie müssen sich auf die eigenen Füße stellen.

Am Amazonas brennen die Wälder; dem Weltklima bekommt das nicht, und die Diskussion, was die katholische Kirche da tun kann, hat sich auf den Slogan reduziert: „Zölibat abschaffen!“ Gewiss, das ist jetzt etwas zugespitzt. Aber die große Amazonas-Synode, zu der im Oktober vergangenen Jahres knapp 300 Bischöfe aus Region und Welt im Vatikan zusammengetreten waren, wurde in der Außenwahrnehmung fast zur Gänze von der Frage dominiert: Lässt Papst Franziskus endlich auch verheiratete Männer zum Priesteramt zu, weil die anderen an allen Ecken und Enden fehlen? Da das in Deutschland nicht anders ist als in Südamerika, wurde einer solchen Reformentscheidung gewaltige Bedeutung beigemessen. Dies auch unter der durch die aktuellen Skandale befeuerten, wissenschaftlich nicht zwingenden Annahme, wer zur sexuellen Enthaltsamkeit verpflichtet sei, suche sich ein Ventil im Missbrauch anderer.

Und jetzt: die Enttäuschung. In dem mit Spannung – bei konservativen Gruppen mit steigender Nervosität – erwarteten „Nachsynodalen Schreiben“, das Franziskus nun vorgelegt hat, taucht der Begriff „Zölibat“ nicht auf, nicht mal in Andeutungen oder Umschreibungen. Das Thema existiert nicht – obwohl sogar die Amazonas-Bischöfe mit Zweidrittelmehrheit die Priesterweihe für „geeignete und in der Gemeinde anerkannte“ Familienväter vorgeschlagen haben. Zwar betont auch der Papst, die katholische Kirche „brauche“ die Messfeier als ihren grundlegenden und lebensspendenden Ritus, aber wie der dafür nötige „priesterliche Dienst“ gewährleistet werden soll, lässt Franziskus offen. Er verlangt nur, es müsse „ein Weg gefunden werden.“ An den Zölibat traut sich auch dieser Papst nicht heran. Und was er zur Rolle der Frauen in der Kirche sagt – das nächste Reiz- und Zukunftsthema – bleibt erschreckend

blass. Die Weihe von Priesterinnen und offenbar sogar von Diakoninnen schließt Franziskus aus; das wäre ja nur eine zusätzliche Klerikalisierung. Sagt er. Man kann es durchaus anders sehen.

Aber was heißt das? Ist der mit so großspurigen Erklärungen angetretene und demnach mit Erwartungen überfrachtete Franziskus am Ende? Nicht unbedingt. Sicherlich: aus Rom kommt nichts Konkretes mehr. Es ist offenbar auch falsch, darauf zu warten. Andererseits hat der Papst schon recht: wenn unten, in den Ortskirchen, kein neuer Schwung entsteht, kann von oben  kommen oder nicht, was will. Wenn es etwa dem frisch begangenen „Synodalen Weg“ in Deutschland nicht gelingt, die Gemeinden in den Aufbruch mitzunehmen, bleibt er die x-te Insiderrunde von Berufs- und Gremienkatholiken, die man zu Recht gleich wieder vergisst.

Ideen gibt es genug. Die Amazonas-Bischöfe haben mindestens so viele formuliert wie die Deutschen, und Franziskus stellt sich an die Seite der Vorschläge, die von den Ortskundigen kommen. Er nimmt sie auf und lässt der Entwicklung Raum, ohne auch irgendetwas im klassischen vatikanischen Stil abzuwürgen. Im Gegenteil: er fordert Laien als Gemeindeleiter – was seine Kurie gerade noch dem Trierer Bischof Stephan Ackermann untersagt hat, weil sich damit zwangsläufig das Priesterbild ändert. Weihe, sagt Franziskus, bedeute nicht, dass Kleriker anderen Gläubigen übergeordnet seien. Schon diese Einsicht, sobald sie in der Praxis durchdekliniert werden darf, könnte vieles bewegen.

Im übrigen war die Fixierung auf den Zölibat von Anfang an verfehlt. Die Probleme Amazoniens sind unendlich viel größer. Es sind Weltprobleme. Darauf weist Franziskus neben seiner allzu üppigen Naturpoesie drastisch hin: Ökologie ist auch eine immense soziale Frage. Den Kolonialismus hält der Papst nicht für überwunden; Globalisierung heutigen Typs sieht er als ein System menschenunwürdiger Ausgrenzung. Wer also mit dem Finger auf die Kirche als ein reformunfähiges System zeigt, der hat durchaus Anlass, auch mal über anderen Reformbedarf nachzudenken. Und womöglich tätig zu werden. Auf wen sollen wir denn noch warten?

Autor: Paul Kreiner, 12.02.2020

Copyright (leicht veränderte Fassung): Stuttgarter Zeitung

Aufruhr in den Festungen

e19-synodalDie katholische Kirche in Deutschland begibt sich auf einen zweijährigen „Synodalen Weg“ der Erneuerung. 230 handverlesene Delegierte treffen sich im Frankfurter Dom, das Volk der Gläubigen darf von außen zuschauen – immerhin per streaming in Live-Übertragung. Diskutiert werden soll „ohne Redeverbote und Denkblockaden“.

Wieder einmal reden sie mit- und untereinander. Exakt vor zehn Jahren ist in der katholischen Kirche der erste große Missbrauchsskandal aufgeflogen, der erste von vielen, und schon 2011 entwickelten die Bischöfe einen „Dialogprozess“, um „verlorenes Vertrauen wiederzugewinnen.“ Fünf Jahre und fünf Treffen später versandete das Projekt, ohne große Spuren zu hinterlassen, und dass die mehrtausendfachen klerikalen Übergriffe gegen Minderjährige aufgearbeitet worden wären, lässt sich – das hat auch der Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung, Johannes Wilhelm Rörig, aktuell wieder bemängelt – bis heute nicht sagen.

Nun aber soll alles besser werden. Diesen Donnerstag Abend ziehen 230 Vertreter des katholischen Deutschlands feierlich in den Frankfurter Dom ein, um dort zunächst einmal betend jenen „Synodalen Weg“ zu starten, der in den nächsten beiden Jahren zur Erneuerung der katholischen Kirche führen soll. „Ich versichere Ihnen“, sagt Kardinal Reinhard Marx, der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, „jeder, der sich in den Prozess begibt, wird verändert wieder herauskommen. Es kann gar nicht anders sein.“

Aber will man denn Veränderung? Zumindest drei der 27 Diözesanbischöfe haben sich der Satzung des „Synodalen Wegs“ verweigert. Öffentlich taten das Rainer Maria Woelki in Köln und Rudolf Voderholzer in Regensburg. Beide befürchten Hochverrat. Von „gewissen Pressure-Groups mit kräftiger Unterstützung der führenden Medien wird die Anpassung der Kirche und des Priesteramts an einen vermeintlich aufgeklärten Mainstream gefordert“, polterte Voderholzer von seiner Kanzel. Das sei „Missbrauch des Missbrauchs“, wettert der Dogmatikprofessor, der  sich als Lordsiegelbewahrer Ratzinger’scher Theologie in Deutschland versteht: „Die Empörung über den Missbrauch ist das Feuer, auf dem die Suppe des Synodalen Weges gekocht werden soll.“ Wie Woelki, so behält sich Voderholzer ausdrücklich vor, bei Nichtgefallen vom Tisch zu gehen. Nur hat Woelki es vor Beginn der Beratungen  nach eigenen Angaben geschafft, dass die vier Foren – also die eigentlichen Diskussionsgruppen im „Synodalen Weg“ – in seiner Perspektive „ausgewogen“ besetzt werden. Wer also von den 230 Synodalen kommt nicht in diese Gruppen, die jeweils eine Stärke von 30 Personen haben sollen? Es bleiben rechnerisch 110 Synoden-Mitglieder draußen. Als Beteiligte zweiter Klasse? Als Staffage?

Der Streit zwischen Konservativen und Reformern ist vor allem deshalb so hart, weil es beim „Synodalen Weg“ nicht um einzelne Vergehen einzelner Priester und Bischöfe gehen soll (die womöglich längst tot sind, und über die man deshalb leicht reden könnte), sondern um die „systemischen Ursachen“ innerhalb der Kirche, um die Strukturen also, die Missbrauch begünstigt und Vertuschung gefördert haben. Über „Maßnahmen zu Aufarbeitung, Aufklärung, Prävention“ will man da gar nicht im einzelnen reden; in der Satzung heißt es nur, die Deutsche Bischofskonferenz „berichtet regelmäßig“ darüber.

Dafür diskutiert man über grundlegende Kirchenstrukturen, so wie es Wissenschaftler mit ihrer 2018 veröffentlichten großen Missbrauchsstudie den Bischöfen aufgegeben haben. Als „systemisch“ wichtig haben sie vor allem zwei Punkte herausgearbeitet: Erstens das Machtgefälle innerhalb der katholischen Kirche vom Klerus oben hinab zu den „Laien“; diese von keinem Gegengewicht ausbalancierte, von keinem Gericht kontrollierbare Stellung, die unter dem Mantel geistlich-sakramentaler, dogmatisch begründeter „Vollmacht“ allzu leicht in ganz handfest-irdische Übergriffe aller Art mündet. Missbrauch von Macht, so hat es der Hildesheimer Bischof Heiner Wilmer in extremer Zuspitzung formuliert, „steckt in der DNA der Kirche,“

Zweitens, auch wenn kein direkter Zusammenhang zwischen Zölibat und Pädophilie nachweisbar ist, steht die „Priesterliche Existenz heute“ – so der Titel eines Synodalforums – zur Diskussion. Hilft es den nicht selten vereinsamten, von Arbeit überforderten, von allzu hohem Sendungsauftrag überlasteten Klerikern, wenn sie daheim familiäre Geborgenheit erfahren dürfen? Hilft das auch der Kirche? Hilft eine Weihe verheirateter Männer gegen den für die katholische Kirche in Europa zunehmend existenzbedrohenden Priestermangel?

Woelki, Voderholzer und Gleichgesinnte lehnen jede Reform des Priestertums radikal ab. Und der Trierer Bischof Stephan Ackermann, der vor lauter Priestermangel kürzlich auch eine Gemeindeleitung durch katholische Laien festschreiben wollte – man kann das auch als Entthronung von Priestern betrachten – wurde kürzlich vom Vatikan in vollem Lauf gestoppt.

Neben Macht und Priestertum sind beim „Synodalen Weg“ zwei weitere Diskussionsforen geplant. Über dem einen steht verschämt: „Liebe in gelingenden Beziehungen – Liebe leben in Sexualität und Partnerschaft.“ Wie beim Priesterforum den Begriff „Zölibat“, so vermeidet man hier das nächste Reizwort: „Sexualmoral.“ Und sollte das vierte Forum anfangs ganz im Stil einer Forderung heißen: „Zugang von Frauen zu Weiheämtern“, so ist – um den Aufruhr in den konservativen Festungen zu begrenzen – nun „Frauen in Diensten und Ämtern der Kirche“ daraus geworden.“

Die Frauen kamen ohnehin erst als letzte auf die Tagesordnung – stark eingefordert vom Zentralkomitee der Deutschen Katholiken (ZdK), das nur unter dieser Bedingung willens war, den „Synodalen Weg“ der Bischofskonferenz als gleichberechtigter Partner mitzugehen. So sitzen denn nicht nur die 69 deutschen Diözesan- und Weihbischöfe im Frankfurter Dom, sondern genauso viele Abgeordnete der katholischen Laienverbände, die im ZdK zusammengeschlossen sind. Hinzu kommen Vertreter der diözesanen Priesterräte, sowie eine Reihe von Laien als Experten für einzelne Sachgebiete oder sonstwie Engagierte. Ausgewählt wurden sie alle auf verschlungenen internen Wegen; eine Beteiligung des Kirchenvolks hat nicht stattgefunden.

Immerhin haben die Laien – was den Vatikan schon zu Rüffeln veranlasst hat – das gleiche Stimmrecht wie die Bischöfe. Es gibt mit 123 zu 107 sogar ein leichtes Übergewicht der Ungeweihten in der Versammlung. Wenn auch eine Reihe von Bischöfen eher auf der Seite der reformdurstigen Laien steht als auf der Seite konservativer Mitbrüder, so beschränkt sich faktisch die Mitwirkung der Laien wieder einmal auf das katholische „Beratungsrecht“. Denn für Beschlüsse braucht der „Synodale Weg“ nicht nur eine numerische Zwei-Drittel-Mehrheit, sondern innerhalb dieser auch noch eine Zwei-Drittel-Mehrheit der Bischöfe. Und nachher – diese Machtposition steht fest gemauert im Kirchenrecht – ist jeder einzelne Bischof auch noch vollkommen frei darin, die Beschlüsse in seiner Diözese umzusetzen oder eben nicht.

Außerdem kann eine deutsche Kirchenversammlung keine Beschlüsse fassen, die weltkirchliche Vorschriften ankratzen oder gar außer Kraft setzen. Was immer Frankfurt beispielsweise zum Zölibat der Priester oder zur Diakoninnenweihe von Frauen beschließt, wird der Vatikan bestenfalls zur Kenntnis nehmen.

In der Kurie dort überwiegt ohnehin das chronische Misstrauen gegen die „allzu unruhigen“ Deutschen. Der Rückenwind, den Papst Franziskus selber per Brief dem „Synodalen Weg“ mitgegeben hat, ist nicht so stürmisch ausgefallen, wie die Reformer sich das erhofft hatten. Wenigstens, so versichert Kardinal Reinhard Marx, habe „Rom keine Stoppschilder aufgestellt.“ Deshalb werde man in Frankfurt „ohne Redeverbote, rote Linien und Denkblockaden“ zumindest loslegen. Wie und wo das alles endet, weiß niemand.

Autor: Paul Kreiner, 29.01.2020
Copyright (gekürzte Fassung): Stuttgarter Zeitung

Nobel geht der Skandal zugrunde

Die römische Adelsfamilie Torlonia hält eine der größten Antikensammlungen der Welt unter Verschluss. Erst jetzt hat sie einer vorsichtigen Öffnung zugestimmt. Achtung: Updates vom 01.01.2020 am Ende des Textes.

Sie gilt als eine der größten und wichtigsten Antikensammlungen der Welt. Mit den Vatikanischen Museen und den Kapitolinischen Museen in Rom spielt sie durchaus in einer Liga. Nur: es bekommt sie so gut wie niemand zu sehen. Die Sammlung ist privat. Sie gehört der römischen Fürstenfamilie Torlonia, und diese hält dermaßen eisern die Hand über ihre Schätze, dass selbst Denkmalschützer und Kunsthistoriker monatelang auf Einlass warten müssen – wenn sie überhaupt Gelegenheit dazu bekommen. Abgesehen davon: Gut 600 Kunstwerke, knapp die Hälfte des Bestands, sind seit vier Jahrzehnten sowieso in Plastikfolie eingepackt und weggeräumt.

In Rom gilt das als fortwährender Skandal. Aber keiner Regierung, keinem Bürgermeister ist es bisher gelungen, die Familie umzustimmen; genutzt haben weder Geldangebote in bis zu dreistelliger Euro-Millionenhöhe noch nackte Enteignungs-Drohungen. Doch jetzt, am Dienstag dieser Woche, hat Kulturminister Dario Franceschini die “historische Wende” verkündet: Ministerium und Familie haben einen Vertrag unterzeichet, der als erstes – wenn auch frühestens  für Ende 2017 – eine Ausstellung repräsentativer Werke als Kostprobe vorsieht. Für später, so heißt es in dem Abkommen auffallend vorsichtig, hätten die beiden Parteien „ein organisches Programm im Sinn“, um die ganze Sammlung dauerhaft der Öffentlichkeit zu präsentieren. In der Summe ist das zwar auch nur die halbe Wahrheit, aber Roms Zeitungen registrieren voller Verwunderung die neue Einsicht im Hause Torlonia, diese Schätze seien „Erbgut der gesamten Menschheit.“

Die Torlonia sind unter den Colonna, Barberini, Pamphilj, Orsini, Borghese, Odescalchi und wie sie alle heißen, die Jüngsten im römischen Hoch- und Stadt-Adel. Im 18. Jahrhundert, ohne jedes „von und zu“, aus Frankreich eingewandert, wurden sie als Spekulanten und Banker steinreich. Sie ließen sich Kredite an die verarmende, später auch noch von Napoleon erpresste römische Nobilität gerne in Ländereien, antiken Fundstücken und ganzen Familiensammlungen zurückzahlen. Als die schließlich größten  Grundbesitzer im Kirchenstaat rafften die Torlonia an Statuen, Büsten, Sarkophagen ferner alles zusammen, was der eigene Untergrund hergab.

1866 gelang ihnen der bedeutendste Coup: die Torlonia kauften auf römischem Stadtgebiet die “Villa Albani”, in welcher ein kunstsinniger Kardinal dieses Namens, geleitet vom deutschen Archäologen und Kunsthistoriker Johann Joachim Winckelmann, mit die edelsten Marmor- und Bronzeskulpturen der römischen Antike zusammengetragen hatte, dazu eine Reihe ägyptischer Statuen. Die sehr gepflegte „Villa Albani”, umgeben von einem weitläufigen, eher vernachlässigten Park, präsentiert sich bis heute im Originalzustand des 19. Jahrhunderts – fürs Publikum aber ist diese Wunderkammer unzugänglich. Maximal hundert Besucher pro Jahr erhalten Zutritt, und einer der Kustoden wirbt beim Rundgang um Verständnis: Die Villa sehe zwar aus wie ein Schloss, sei aber nie als Wohn- und Prunkpalast angelegt worden, sondern nur als eine Art kleiner feiner Ausstellungsvitrine, deren schmale Gänge, kleine Kabinette und alte Parkettböden für keinerlei Massenzustrom geeignet seien: „Dann wäre in einem halben Jahr alles kaputt.“

So schließt der Vertrag zwischen dem Haus Torlonia und dem Ministerium die “Villa Albani” ausdrücklich von der Öffnung aus. Zugänglich wird nur die zweite Hälfte des Familienbesitzes, der “Palazzo Torlonia” aus dem 17. Jahrhundert im Stadtviertel Trastevere, und der hat seine eigene, nicht eben ruhmreiche Geschichte.

In 77 Sälen waren dort 620 Kunstwerke ausgestellt; Experten hatten durchaus Zutritt – bis Fürst Alessandro als Familienoberhaupt vor gut vierzig Jahren bei der Stadtverwaltung um eine Genehmigung für die „Ausbesserung des Daches“ nachsuchte. Was er dann ohne jegliche Genehmigung tat, war allerdings etwas ganz anderes: Er baute den Palazzo in eine Ansammlung von 93 lukrativen Mietwohnungen um und verräumte die antiken Schätze in ein Untergeschoss, wo sie bis heute stehen, „zusammengedrängt auf unglaubliche Weise in engen, gefährlichen, ungeeigneten Räumen und nach kulturellen Gesichtspunkten für einen sicheren Tod bestimmt“, wie das italienische Höchstgericht schon 1979 befand – ohne dass sich seither viel daran geändert hätte.

Dass die Aufbewahrung nicht eben optimal ist, mussten die Torlonia im Vertrag mit dem Ministerium indirekt auch zugeben – sie verpflichteten sich deshalb auch, die Statuen vor ihrer öffentlichen Präsentation auf eigene Kosten zu restaurieren. Das klingt entschieden nobler als vor ein paar Jahrzehnten, als Fürst Alessandro als Gegenleistung für eine Öffnung der Schätze die Baugenehmigung für ein Großparkhaus auf denkmalgeschütztem Stadtboden verlangt hatte.

Was aber hat die Torlonia heute zum Umdenken bewogen? Zum einen, so heißt es, seien es finanzielle Gründe gewesen, die sogar bei immens reichen, aber von gewaltigen musealen Erhaltungspflichten bedrängten Großgrundbesitzern irgendwann eine Rolle spielen mussten: „Und wer staatliche Zuschüsse will, muss seine Schätze zumindest in minimalem Umfang öffnen“, sagt ein römischer Kunsthistoriker.

Zum anderen hat die neue Strategie, wie die weit verzweigte Familie einräumt, „mit dem Generationswechsel und den häufig damit verbundenen Spaltungen und Nachfolgeregelungen“ zu tun. Fürst Alessandro, nunmehr 90 Jahre alt, hat die Familiengeschäfte in die Hände seines jüngsten Sohnes Giulio (52) gelegt; die vier Geschwister dieser Generation haben den Besitz zumindest in großen Teilen von der Familie selbst in eine – passenderweise auch noch Steuern sparende – Stiftung transferiert. Diese wird verwaltet vom Enkel des Fürsten, Alexander Poma Murialdo, der darüber hinaus Präsident der hauseigenen Privatbank „Banca del Fucino“ ist. Poma Murialdo war es auch, der  nach neun Verhandlungsmonaten „in glücklichem Zusammentreffen der Interessen“ nun den Vertrag mit dem Kulturministerium unterzeichnet hat. „Mit dessen aktuellen Vertretern“, wie Poma Murialdo als aktueller Torlonia betont, auch hier einen Schlussstrich ziehend unter Jahrzehnte fruchtlosen Neben-  und Gegeneinanders.

Autor und Copyright: Paul Kreiner, 17.03.2016

Aktuell – Stand 01.01.2020 – hat sich folgendes entwickelt: Die Familie Torlonia und das italienische Kulturministerium sind übereingekommen, wenigstens 96 der bedeutendsten  „privaten“ Skulpturen erstmals öffentlich zu zeigen, und zwar in den Kapitolinischen Museen. Die Ausstellung geht von 25.03.20 bis 10.01.2021 – und ist bestimmt schon deswegen sehenswert, weil sie eine Ahnung von dem liefern könnte, was weiterhin nicht zu sehen sein wird. Ich weiß, wovon ich rede: als einem von maximal 50-100 Menschen pro Jahr ist es mir vor etlichen Jahren gelungen, die sagenhaft bestückte, auch künftig verschlossene „Villa Albani“ zu besichtigen…

Hier noch zwei Links: der erste führt zum britischen „Telegraph“, der am 01.01.20 erstmals über die Ausstellung berichtet; der zweite zum italienischen Kulturministerium mit näheren Details.

https://www.telegraph.co.uk/news/2020/01/01/worlds-important-private-collection-ancient-roman-art-go-display/

https://www.beniculturali.it/mibac/export/MiBAC/sito-MiBAC/Contenuti/MibacUnif/Comunicati/visualizza_asset.html_53157967.html

 

Das Brodeln unter den Füßen

Kardinal Reinhard Marx, Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz, befürchtet soziale Unruhen in Deutschland. Polarisierungen kritisiert er auch in der Kirche – und er sucht in den eigenen Reihen nach finanzieller Solidarität zur Entschädigung von Missbrauchsopfern.

„Ich habe das Gefühl“, sagt er, „unter meinen Füßen brodelt es.“ Die Folgen der Klimaerwärmung, eine wachsende Ungleichheit in der Bevölkerung, die schrumpfende Möglichkeit für viele Menschen, Vermögen zu bilden, eine bezahlbare Wohnung und überhaupt „in dieser Gesellschaft ihren Teil zu finden“, das alles versetzt den Münchner Kardinal, Reinhard Marx, wie er sagt, in große Sorge: „Die sozialen, ökologischen und politischen Folgen eines ungebremsten Kapitalismus kommen jetzt auf die Tagesordnung.“ Und: „Diese Dramatik haben wir bisher unterschätzt.“

Marx, der auch Vorsitzender der katholischen Deutschen Bischofskonferenz ist, er warnt. Auch vor dem international um sich greifenden Populismus, von der „Suche nach Schwarz-Weiß-Antworten“ und einem „Ruf nach dem starken Mann.“ Noch, so sagt der 66-jährige, „haben wir in Deutschland keine Gelbwesten. Noch geht es uns gut, noch ist es ruhig. Ob das so bleibt, daran habe ich meine Zweifel.“

Marx ist, wie jedes Jahr kurz vor Weihnachten, zum Jahresrückblick in den Münchner Presseclub gekommen. Da spricht er auch über polarisierende Tendenzen, die in der Kirche ähnlich sind wie außerhalb: „Wir sind ja auch Gesellschaft; die Kirche nimmt teil an den Spannungen und Veränderungsprozessen.“ Auch in der katholischen Kirche mit ihren immer härteren Zwist zwischen „Konservativen“ und „Liberalen“, zwischen Papst-Gegnern und –Franziskus-Freunden, kritisiert Marx die „Suche nach schlichten Antworten“, die Rechthaberei, die Aus- und Abgrenzung. Etwa diejenige, die sich jetzt am Beginn jenes „Synodalen Wegs“ zeigt, mit dem die katholische Kirche Deutschlands in den nächsten beiden Jahren einen Ausweg aus ihrer Krise finden will. Da gebe es Gruppen, sagt Marx, die zögen jetzt schon ihre „roten Linien“. Ihnen richtet er aus: „Kommt mal alle schön runter von Euren hohen Rössern – oder Eseln!“ Er selber, sagt er, wünsche sich eine „vielfältige Kirche“ mit einer „gemeinsamen Suche“ nach dem Weg, nicht mit vorgefertigten Antworten.

Neulich hat der Münchner Erzbischof – was ihm auch unter den eigenen Amtsbrüdern nicht immer passiert – starken Applaus bekommen. Auf offener Predigt-Szene sogar, im Liebfrauendom. Da hatten Marx und der evangelische Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm zu einem ökumenischen Gottesdienst eingeladen. Um das Schicksal der Flüchtlinge, um die vielen tausend Toten im Mittelmeer ging es. Und Marx rief ins Kirchenschiff: Diese Ertrunkenen seien „die Prüfsteine des christlichen Abendlandes.“ Von „fünf einfachen Prinzipien“ müsse sich die europäische Politik leiten lassen: „An unseren Außengrenzen kommt niemand zu Tode. Jeder, der an die Grenze kommt, wird menschenwürdig behandelt. Jeder Asylsuchende bekommt ein faires Verfahren. Niemand wird zurückgeschickt, wo Tod und Verderben drohen. Und wir tun alles in den Herkunftsländern der Migranten, dass dort Perspektiven für die Menschen sind.“

Marx gilt als Macher-Typ. Ihn nervt sichtlich, wie lange manche Verläufe in der katholischen Kirche dauern – auch Prozesse gegen Geistliche, die des sexuellen Missbrauchs verdächtig sind. Alles müsse über Rom laufen, weil man im katholischen Deutschland keine eigenen Gerichtsinstanzen dafür habe. Eine „kirchenrechtliche Erneuerung“ sei zwingend, sagt Marx.

Langsamer als gedacht, sagt Marx, komme man auch bei der Entschädigung für Missbrauchsopfer voran: „Klar ist, wir brauchen eine bessere Anerkennung des Leids.“ Um das auch auszudrücken, reichten die bisher bezahlten etwa 5000 Euro Entschädigung nicht aus, sagt Marx. Eine von der Bischofskonferenz bestellte Arbeitsgruppe hat gestaffelte Schmerzensgelder in Höhe von bis zu 400.000 Euro vorgeschlagen – was bei der Vollversammlung der Deutschen Bischöfe im September  einige Würdenträger heftig schlucken ließ. Marx schließt nun aus, dass (auch) künftig jeder seiner Amtsbrüder nach eigenem Gutdünken vorgehen kann: „Wir suchen in Deutschland nach einer gemeinsamen Sache.“ Da die Bistümer allerdings von „unterschiedlicher Finanzkraft“ seien, müsse erst einmal geklärt werden, „wie eine Solidarität der Diözesen aussehen kann.“ Ferner brauche man einen Überblick, „welche Summen auf uns zukommen.“ Erst danach könne über die Frage entschieden werden, die schon heftige Diskussionen ausgelöst hat: Dürfen die Entschädigungen aus der Kirchensteuer bezahlt werden – kommen also alle Katholiken für die Verbrechen einzelner Kleriker auf? Oder muss die katholische Kirche auf ihre anderen Vermögenswerte zurückgreifen, auf Grundstücke etwa? Marx wendet ein, auch solches Vermögen sei letztlich Eigentum aller Katholiken: „Es gehört nicht der Kirchenleitung.“ Jedenfalls, so sagt er, „hoffe ich, dass das bis zum Frühjahr geklärt ist.“

Autor und Copyright: Paul Kreiner, 17.12.2019

Der Strippenzieher im Vatikan

Franziskus hat das „Päpstliche Geheimnis“ über Missbrauchstaten aufgehoben, und jetzt verliert auch noch der ranghöchste Kardinal, Angelo Sodano, sein Amt. Jahrzehntelang hat er übergriffige Kleriker gedeckt und ihre Taten verniedlicht.

Der Auftritt war skandalös. Er fand statt im April 2010, als die katholische Kirche in Deutschland zutiefst von der ersten großen Missbrauchs-Welle erschüttert wurde, als Irland in den Enthüllungen schier unterging und erste Bistümer in den USA schon gezwungen waren, Millionen von Dollar als Entschädigung an die Opfer von Klerikern zu zahlen. Die Medien der Welt warfen auch dem Vatikan, dem damaligen Papst Benedikt XVI., Vertuschung vor.

Da stand Angelo Sodano auf. Es war am Beginn der im Fernsehen weltweit übertragenen Ostermesse auf dem Petersplatz, und Sodano war Ranghöchster im Kreis der Kardinäle. Im Bruch mit sämtlichen liturgischen Abläufen richtete er eine Solidaritätsadresse an Benedikt XVI., diesen „süßen Christus auf Erden“. Neben allen Kardinälen, versicherte Sodano, stehe auch das ganze Volk Gottes an der Seite des Papstes und lasse sich „nicht beeindrucken vom Geschwätz des Augenblicks.“

Jetzt, neuneinhalb Jahre nach solcher Verniedlichung klerikalen Missbrauchs und im Alter von 92 Jahren, ist Angelo Sodano von seinem Amt als Dekan des Kardinalskollegiums zurückgetreten. Papst Franziskus hat das am Samstag bei seiner Weihnachtsansprache an die römische Kurie verkündet – just noch in derselben Woche, in der er selbst das „Päpstliche Geheimnis“ über alle Missbrauchsfälle und –prozesse in der Kirche aufgehoben und damit die praktisch letzte Bastion vatikanischer Vertuschungspraxis eingerissen hat. Ob dieser Erlass und Sodanos Abschied nur zeitlich zufällig zusammentrafen oder ob das programmatisch so geplant war, bleibt offen. Jedenfalls endet damit eine Ära.

Denn Angelo Sodano, als Kardinalstaatssekretär (1991 bis 2006) zweiter Mann im Vatikan und Chef der Kirchenverwaltung, gehörte jahrzehntelang zu jenen Kräften in der Kurie, die Missbrauch vertuschten. Der Wiener Kardinal Christoph Schönborn hatte das 2010, kurz nach jener Ostermesse, sogar öffentlich gesagt: Sodano habe verhindert, dass gegen den einschlägig berüchtigten, früheren Wiener Erzbischof Hans Hermann Groer ein vatikanisches Ermittlungsverfahren eingeleitet wurde. Doch Schönborn hatte Sodanos Macht unterschätzt: Benedikt XVI. zitierte ihn nach Rom; da musste Schönborn sich öffentlich bei Sodano entschuldigen – und Sodano, so bekräftigte Schönborn erst kürzlich, „sagte mir ins Gesicht, er glaube den Berichten nicht: ,Opfer? Das sagst Du!‘ “

Dass der im Vatikan bis zuletzt als unantastbar geltende Sodano den Ordensgründer der „Legionäre Christi“, Marcial Maciel Degollado, über Jahre gedeckt hat, gilt als gesichert. Degollado, kokainabhängig, den Zölibat predigend, hatte selbst mehrere Kinder mit mehreren Frauen und 60 Fälle von sexuellem Missbrauch an Minderjährigen auf seinem Konto. Der Mexikaner hatte aber auch immer dicke Bündel von „Spendengeld“ dabei, wenn er im Vatikan vorbeischaute, und mit seinem politisch rechtskonservativen Denken stand er Sodano recht nahe.

Dieser war ja auch Apostolischer Nuntius in Chile gewesen (1977-88) und hatte sich dort – was er als „neutraler“ Botschafter gar nicht durfte – offen auf die Seite von Diktator Augusto Pinochet geschlagen. Ferner hatte Sodano in Chile eine Reihe von Bischöfen promoviert und Priester unterstützt, die politisch in seinem Sinne zwar „korrekt“, aber auch als Missbrauchstäter und –vertuscher aktiv waren.  Hauptsache, auf die „Institution Kirche“ kam nichts. Entsprechende Kritik konterte Sodano regelmäßig mit Verweis auf eine „böse Welt“, von der Kirche und Papst immer schon attackiert worden seien – wie Christus persönlich, der laut Evangelium gesagt habe: „Wenn sie mich verfolgt haben, werden sie auch euch verfolgen.“

Sodano ist im Vatikan nun auch das letzte Amt los – wobei nicht alle glauben, dass der gelernte, gewiefte Diplomat nun auch sein Lieblingshobby abgibt: das des Strippenziehers. Nicht ohne Grund hat Franziskus mit dem Aus für Sodano als Kardinaldekan auch gleich bekanntgegeben, dass dieses bisher lebenslange Wahlamt auf fünf Jahre begrenzt wird. Übrigens: Dass Sodano, der Sprecher der Kardinäle, auch einmal Papst Franziskus öffentlich in Schutz genommen  hätte, zum Beispiel gegen die Häresie-Vorwürfe und die Rücktrittsforderungen aus den eigenen Reihen, das ist nicht bekannt geworden. Dabei hätte auch das zu seinen Aufgaben gehört.

Autor: Paul Kreiner, 22.12.2019
Copyright: Stuttgarter Zeitung

Die Fassungslosen

Im eigentlich ganz ruhigen Augsburg wird ein 49-jähriger erschlagen – und wo still die Gedenkkerzen brennen, polemisieren Leute gegen Zuwanderer. Dabei sind alle sieben Täter in Augsburg geboren und aufgewachsen.

Eine Idylle ist der Königsplatz in Augsburg nicht. Sonst hätten sie dieses weitläufige Beton- und Asphalt-Dreieck im Zentrum der Stadt, diesen Hauptknotenpunkt von Trambahnen und Buslinien, nicht mit 15 Videokameras bestückt, mit den „technisch besten, die es auf dem Markt gibt“, wie der Augsburger Polizeipräsident Michael Schwald beteuert. Und doch: auch sie konnten nicht verhindern, was da nun geschehen ist, und was, laut Schwald, sogar in professionellen Polizeikreisen für „Bestürzung und Fassungslosigkeit“ gesorgt hat.

Gerhard Zintl, der Leiter der Augsburger Kripo, erzählt bei der Pressekonferenz am Montag [am 9.12.2019] zumindest, was die Kameras gesehen haben: Eine Gruppe von sieben jungen  Leuten, 17 bis 20 Jahre alt und untereinander seit längerer Zeit bekannt, bewegt sich [am 6.12.2019] im Rahmen der allgemeinen, großen Freitagabend-Flaniererei „nicht gerade schleichend-still“ über den Platz. Sie werden von zwei Männern überholt; einer von diesen dreht sich dann, ohne dass ein sichtbarer Grund vorläge, zur Gruppe zurück, geht auf sie zu, wird von den sieben umringt und bekommt dann „unvermittelt, von der Seite und mit voller Wucht“ einen solchen Schlag gegen den Kopf, dass er zu Boden geht und noch im Rettungswagen stirbt.  Geschlagen wurde auch der zweite Mann. Er kam lebend, aber mit schwerer Gesichtsverletzung davon. Unverletzt blieben die Ehefrauen; sie waren auf dem Heimweg vom Weihnachtsmarkt vorausgegangen.

Am Montag darauf stehen ein paar hundert Kerzen an der winterkahlen, grauen Blumenrotunde, an der die für Augsburg extrem ungewöhnliche Gewalttat geschah. Dutzende von Menschen gedenken des Getöteten: eines 49-jährigen Berufsfeuerwehrmanns aus der Stadt. Sie legen Rosen hin und Amaryllis. Viele schweigen, manche bekreuzigen sich. Und viele andere polemisieren. Wie dieser Bär von einem Mann, der eigentlich gar nicht reden kann, weil die Tränen immer wieder seine Stimme ersticken. In seiner aktiven Berufszeit sei auch er Feuerwehrmann gewesen, sagt er; deswegen geht ihm der Tod des jungen Kollegen so nahe: „Aber jedes Arschloch darf nach Deutschland rein. Und hinterher heißt’s dann, der Vater sei Alkoholiker gewesen, die Mutter Nutte, er selber ohne Arbeit. Und dann wird so ein Schläger freigesprochen. So schaut’s aus bei uns.“

Was die Leute auf die Palme bringt: Der Haupttäter, laut Polizei 17 Jahre alt, hatte neben seiner deutschen auch die türkische und die libanesische Staatsangehörigkeit, der zweite ist Italiener. Dass sie – wie die anderen fünf – in Deutschland, ja sogar in Augsburg geboren und aufgewachsen sind, tut für die meisten nichts zur Sache. „Umso schlimmer“, sagt eine Frau. Ein  Mann poltert: „Die müsste man an diesen Baum hier stellen und hochziehen.“ Und ein anderer: „Genauso wie diese Dame an der Spitze des Staates. Wir schaffen das, hat sie gesagt.“ Deutschland müsse „aufhören mit dem Toleranzgedudel“, ruft ein Mann – bevor ihn seine Frau wegzieht und sich eng an ihn legt. Sie weint. Der Tote war ein guter Bekannter von ihr.

Und das mit der Integration, das gehe doch „überhaupt nicht“, schimpft eine Frau: „Ich kann mich doch im Kongo auch nicht einfühlen.“ Ein Mann weist sie darauf, hin, mit Afrika oder mit Flüchtlingen habe die Augsburger Tat nun wirklich überhaupt nichts zu tun. Dann sagt er aber selber: „Stimmt schon, das eine zieht das andere nach.“

Was in den zwei Stunden, die der Reporter an der improvisierten Gedenkstätte zubringt, nicht zu hören ist, sind Stimmen, die Zugewanderte oder deren Familien in Schutz nehmen.

Eigentlich ist Augsburg mit seinen 300.000 Einwohnern eine ruhige Stadt; unter den 81 deutschen Großstädten liegt sie in punkto Sicherheit im oberen Viertel, auf Platz 17. Dass Kriminalstatistik – sogar in Bayern unter dem Durchschnitt – und Bedrohungsgefühl der Menschen aber „auseinanderdriften“, sagt selbst Polizeipräsident Schwald. Und da sind gesellschaftliche Brüche programmiert. Zwei Griechen stehen auf dem Platz, seit 35 Jahren leben sie da. „Das ist alles so unnormal für Augsburg, weißt‘ “, sagen sie, und eine Schwarze, die auch schon seit 30 Jahren in der Stadt lebt, sagt, Augsburg sei wunderbar; noch nie sei jemand ausfällig geworden gegen sie. „Es gibt halt zwei Typen von Mensch. Arschloch und Nicht-Arschloch. Aber die gibt’s überall.“

Die Bruchgefahr liegt darin: Menschen, die einen „Migrationshintergrund“ haben, stellen mittlerweile knapp 50 Prozent der Bevölkerung; Augsburg könnte eine der ersten Städte in Deutschland werden, wo sie die Mehrheit erreichen. Dass das eine psychologisch wirksame Schwelle werden oder von den einschlägigen Kräften als solche herbeigeredet werden könnte, befürchtet so mancher.

Aber was heißt Migrationshintergrund? Da werden laut offizieller Definition nicht auch Leute erfasst, die in den sechziger Jahren gekommen sind und sich als Gastarbeiter in einer quirligen Industriestadt niedergelassen haben, die Arbeitskräfte dringend brauchte. Mittlerweile lässt höchstens nur noch ihr Nachname auf nichtschwäbische Wurzeln schließen.

Ziemlich schnell hat die Polizei die siebenköpfige Tätergruppe identifiziert und ausfindig gemacht. Weniger über die Videokameras, wie die Polizeichefs Schmald und Zintl sagen, weil die Kameras keine Gesichter zeigen – als vielmehr mit klassischen Ermittlungsmethoden: über eine nächtliche Befragungstour durch einschlägige Clubs und über die persönlichen Bekanntschaften der zuständigen Kripo-Beamten in der Szene, aus welcher auch der entscheidende Tipp kam. Viel mehr Details verraten sie bei ihrer Pressekonferenz am Montag Nachmittag nicht. Außer, dass der Haupttäter „bereits durch Köperverletzung in Erscheinung getreten“ sei. Wann? Wie oft? Keine Antwort. „Aus ermittlungstaktischen Gründen“, wie Kripo-Chef Zintl sagt: Die Augenzeugen hätten dermaßen  unterschiedliche Angaben zum Geschehen gemacht, dass man sie mit weiteren Details nicht noch mehr verwirren oder beeinflussen wolle. Haftbefehle jedenfalls waren am Montag gegen alle sieben in der Tätergruppe ergangen: Gegen den 17-jährigen wegen Totschlags und gefährlicher Körperverletzung; gegen die anderen „nur“ wegen des zweiten Delikts.

Autor: Paul Kreiner, 09.12.2019
Copyright: Stuttgarter Zeitung