Tod unter sengender Sonne

Vor dem Oberlandesgericht München hat der Prozess gegen eine 27-jährige Deutsche begonnen, die als Mitglied der IS-Terrormiliz eine fünfjährige Jesidin als ihre Sklavin hat verdursten lassen. So jedenfalls steht es in der Anklage.

Klein, schmächtig, bleich. Weiße Bluse, schwarze Brille, schwarze Jacke, die hüftlangen schwarzen Haare hochgesteckt zum Dutt. Doch Jennifer W. trägt keinen Schleier, ganz anders als früher; sie verlangt auch nicht, einen tragen zu dürfen. Und das Kreuz an der Wand des Sitzungssaals B277 im Münchner Oberlandesgericht, das, so sagt es Verteidiger Ali Aydin, habe auch niemanden gestört. Es sieht so aus, als wollte Jennifer W. alles Religiöse oder jedenfalls dessen islamistische Ausartung aus diesem Prozess draußen halten und sich mit offenem Gesicht einem Teil ihres erst 27-jährigen Lebens stellen, den sie – wie immer das Urteil ausfällt – nie mehr loswird.

Denn eines bestreitet auch der Verteidiger am ersten von mehr als zwanzig geplanten Prozesstagen nicht: Jennifer W., die Deutsche aus dem niedersächsischen Städtchen Lohne, sie hat sich mit 23 Jahren dem „Islamischen Staat“ angeschlossen. Aber was sie in Syrien und dem Irak getan hat, als Ehefrau eines fundamentalistischen Frontkämpfers, in den vom IS grausam eroberten Städten wie Falludscha und Mossul, das muss der Prozess erst noch zweifelsfrei klären.

Die Anklage klingt brutal, jetzt schon. Denn sie ist im Dezember 2018 geschrieben worden, noch bevor die wohl einzige Zeugin überhaupt gefunden und vernommen werden konnte. Mehrere hundert Seiten verschärfendes Beweismaterial hat die Generalbundesanwaltschaft bis hinein in die vergangene Woche nachgeliefert, und weil die Verteidiger erst mal Zeit gefordert haben, das alles zu sichten, macht der spektakuläre Prozess gleich nach seiner nur halbstündigen Eröffnung an diesem Dienstag erst einmal drei Wochen Pause.

Jennifer W. hat am ersten Tag noch gar nichts gesagt. Es hat sie nach Verlesung der Anklage auch kein Richter befragt. Sie soll mit schuld sein am grausamen Tod eines fünfjährigen Mädchens. Als Sklavin sollen sie und ihr Mann das Kind und dessen Mutter auf einem „Kriegsgefangenenmarkt“ in Falludscha gekauft und dann zuhause malträtiert haben. Das Mädchen wurde krank, und als sie im Sommer 2015 ihr Bett einnässte, drehte der Mann von Jennifer W. durch: Er packte das ohnehin abgemagerte Kind und kettete es mit Handschellen auf dem Hof an, unter sengender Sonne, bei 45 Grad Celsius. Das Mädchen verdurstete, ihre gleichfalls versklavte Mutter musste hilflos zusehen – und Jennifer W., die Hausherrin, sie tat nichts. Weder brachte sie dem Kind Wasser, noch löste sie die Ketten.

So steht es in der Anklage der Generalbundesanwaltschaft. Da steht auch noch, dass Jennifer W. nicht einfach nur Heimchen am Herd eines Gebieter-Mannes gewesen sei. Vielmehr habe sie den Terror des IS aktiv unterstützt. Ausgerüstet mit einer Kalashnikow, einer Pistole, einer Sprengstoffweste soll die junge Deutsche als Mitglied der Sittenpolizei „Hisba“ durch die Parks von Falludscha und Mossul patrouilliert sein, um das Verhalten und die „ordentliche“ Bekleidung der Frauen dort zu überwachen und diese einzuschüchtern.

Wie die Staatsanwaltschaft das alles erfahren hat? Durch Jennifer W. selbst. Anfang 2016 erwartete sie ein Kind und wollte es offenbar in Deutschland zur Welt bringen. Sie reiste zur deutschen Botschaft nach Ankara, beantragte neue Papiere – und wurde beim Verlassen des Gebäudes von türkischer Polizei festgenommen. Es folgten die schnelle Abschiebung nach Deutschland, die Geburt einer Tochter. Doch Jennifer W. fand sich „zuhause“ nicht mehr zurecht. Sie chattete weiter mit islamistischen Kreisen, sehnte sich – ideologisch offenbar unbekehrt – zurück ins Kampfgebiet und stieg samt Kind zu einem Schleuser ins Auto, der versprach, sie wieder in den Irak zu fahren.

Der Mann allerdings war ein Mitarbeiter der Polizei – oder gar des FBI, die Angaben sind bisher nicht eindeutig –, und der Wagen von den Ermittlern voll verwanzt. Jennifer W. erzählte und erzählte, über einige Stunden hinweg, und in der Autobahn bei Neu-Ulm griff die Polizei zu. Seither sitzt die junge Frau in Untersuchungshaft.

Bisher beruhte die Anklage tatsächlich auf dem, was Jennifer W. selbst erzählt hatte. Und das machte sie schwach. „Es kann ja einer viel erzählen, wenn er cool wirken will“, sagt Verteidiger Ali Aydin: „Vielleicht wollte sie ja nur angeben.“ Und Beweise etwa für die Tätigkeit in der IS-Sittenpolizei habe er im Material der Anklage bisher nicht gesehen, sagt Aydin.

Für die Tötung der fünfjährigen Kindersklavin indes ist nun, vor wenigen Wochen erst, die Augenzeugin schlechthin aufgetaucht: Die Mutter. Jedenfalls eine Nora B., von der sich die Staatsanwaltschaft absolut sicher ist, dass es die Mutter ist. Was sie bisher schon dem Generalbundesanwalt in Karlsruhe gesagt hat, macht den Prozess noch ungleich dramatischer. Und Nora B. wird auch im Münchner Prozess aussagen. „Sie möchte aussagen. Sie möchte erzählen, was ihr und ihrer Tochter widerfahren ist. Sie will Gerechtigkeit.“ So sagt es ihre Berliner Anwältin Natalie von Wistinghausen, die in einem internationalen Juristen-Netz zusammenarbeitet mit der Anwältin und Menschenrechtlerin Amal Clooney – der Frau des Hollywoodstars George Clooney.

Durch Nora B.s Aussagen zeichnet sich selbst in den Augen des Verteidigers ab, dass der Münchner Prozess „viel umfangreicher“ wird als geplant. Bisher spricht die Anklage „nur“ von Kriegsverbrechen; nun könnten nach dem Völkerstrafgesetzbuch aber „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ hinzukommen: Versklavung (auch der Mutter), Folter, Freiheitsberaubung. Und sie rücken in einen größeren Horizont, als es der Generalbundesanwalt noch beim Schreiben der Anklage vermutet hatte. Die Karlsruher Behörde wusste im Dezember vergangenen Jahres nämlich noch nicht, dass das getötete Mädchen wie ihre ganze, nun zerrissene Familie zu den Jesiden gehörte, zu jener religiösen Minderheit im Irak also, die vom IS besonders grausam vertrieben, verfolgt, vergewaltigt und systematisch abgeschlachtet worden ist, und aus deren Reihen auch die Friedensnobelpreisträgerin des Jahres 2018, Nadia Murad, stammt.

Die Tötung der Fünfjährigen ist damit mehr als „nur“ brutale häusliche Gewalt, ausgeübt von einem einzelnen, haltlosen Patriarchen. Sie rückt in den Horizont des Völkermords des IS an den Jesiden. Dass Jennifer W.‘s Mann durchaus wusste, was er tat, dafür sprechen die Angaben der Mutter, er habe das kleine Kind – diese „Ungläubige“ in seinen Augen – mit Gewalt gezwungen, „muslimisch korrekt“ zu beten. Und die „Bestrafung für das Bettnässen“, das Verdurstenlassen, wäre damit – während des muslimischen Ramadan 2015 – ein ins Maßlose übersteigerter Zwang zum Einhalten der Fastenvorschriften gewesen. Das müssen sogar die „Glaubensbrüder“ des Mannes von Jennifer W. so gesehen haben. In Medienberichten heißt es, selbst die IS-Leute hätten diesen Mann mit Schlägen bestraft und mit dem Abschneiden von Haar und Bart. Wo er heute lebt, irgendwo in der türkisch-irakischen Grenzregion, wissen die Ermittler offenbar nicht.

Für die Jesiden wiederum, von denen gerade Deutschland viele als Flüchtlinge aufgenommen hat, sei der Prozessauftakt in München „ein großer Tag“ gewesen, sagt Anwältin von Wistinghausen: „Es ist das erste Mal, dass einer ihrer Verfolger vor Gericht steht. Und sie hoffen, das könnte eine Initialzündung sein.“

Die Anklage ihrerseits sieht den Prozess in der Linie, die Generalbundesanwalt Peter Frank ausgegeben hat: Man werde bei der Verfolgung von IS-Kämpfern und -Beteiligten stärker auch Frauen ins Visier nehmen. Viele sind es noch nicht. Von den 855 neuen Ermittlungsverfahren des Jahres 2018 richteten sich nur dreißig gegen weibliche Beschuldigte. Rechtskräftig verurteilt worden sind seit 2015 vier Frauen, darunter eine 17-jährige. Der nächste Prozess beginnt am 3. Mai in Stuttgart. Vor dem Oberlandesgericht dort steht eine Sabine Ulrike Sch., wie die Generalbundesanwalt sie nennt; 32 Jahre ist sie alt.

Am Rand des Münchner Prozesses hat man Verteidiger Ali Aydin gefragt, ob Jennifer W. denn inzwischen Reue zeige für den Tod der Fünfjährigen. „Der Tatvorwurf“, antwortet er, „lässt niemanden kalt, schon gar nicht eine Mutter.“ Jennifer W.‘s eigene Tochter ist mittlerweile drei Jahre alt. Aydin sagt: „Sie ist bei der Oma. Ihr geht es gut.“

Autor: Paul Kreiner, 09.04.2019
Copyright: Stuttgarter Zeitung

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Hochschule und Wirtshaus

In Bayern startet die bundesweit erste Akademie fürs Volksmusik. Für die junge vor allem.

Volksmusik lebt. Besonders stark ist die bayerische, seit es hier ausgerechnet die Könige waren, die „Volkes Musik“ gefördert, ja teils erst begründet haben: als  pädagogisches Mittel der Identitätsbildung für ihr Fleckerlteppich-Reich. Die Musikhochschule in München ist bis heute die einzige in Deutschland, an der man Volksmusik studieren kann. Unter den „pädagogischen“ Studiengängen, immer noch. Und jetzt startet in Bayern auch noch die bundesweit erste Akademie für Volksmusik.

Volksmusik ist auch jung. Gemeint ist hier nicht der „volkstümliche Schlager“ à la Musikantenstadl, Marianne und Michael, Hansi Hinterseer. Es gibt in Bayern neben den braven Blaskapellen immer mehr junge Gruppen, die Landler, Polka, Zwiefache wieder aufleben lassen – mit unbändiger Spielfreude, atemberaubender Virtuosität und der Lust am Ausprobieren. Da werden Grenzen getestet und überschritten: zum Jazz, zur türkischen Musik; und wenn sie aus ihrer „Steirischen“ (Harmonika) aus lauter Gaudi einen Bossa Nova ziehen, dann klingt auch der noch authentisch.

Eine Heimat für alle und für dieses „ganze Bauchgefühl“ der Volksmusik soll nun die Akademie in Freyung bieten. „Ganz hinten im Bayerischen Wald“, sagt mancher; Bürgermeister Olaf Heinrich, der durchaus mehr Leben dort haben möchte, der spricht eher von einer nach allen Seiten – auch Tschechien und Österreich – offenen Region; und wenn in der Volksmusik ohnehin die Grenzen verschwimmen…

Jedenfalls haben sie für elf Millionen Euro einen alten Brauereistadl instand gesetzt und mit schalldichten und aufnahme-tauglichen Proberäumen auch noch so aufgerüstet, dass er es akustisch mit dem Mozarteum in Salzburg aufnehmen kann. Seminare gibt’s dort fürs G’stanzlsingen, für Volkstanz, Zitherspiel und alles andere, einen Meisterkurs für die Steirische, und wer – als einzelner oder als Blaskapelle – Platz fürs Probewochenende braucht, der ist auch willkommen. Der Publikumstest kann dann gleich in den nahen Wirtshäusern erfolgen. Ohnehin sagt Roland Pongratz als der künstlerische Leiter, das Wirtshaus sei schlechterdings „die“ Hochschule für bayerische Volksmusik. „Gewesen“, fügt er hinzu. Denn jetzt gibt’s ja eine Akademie.

Autor: Paul Kreiner, 10.04.2019
Copyright: Stuttgarter Zeitung

 

 

Status confusionis

Ökumene: Können Kirchen in den drängenden sozialethischen Fragen der Zeit noch mit einer Stimme sprechen?

Straubing in Niederbayern. Traditionsverbundene, tiefgläubige Gegend, überwiegend katholisch, bestes Ackerland, Heimat von starken, reichen Bauern. Das in Bayern jüngst so erfolgreiche „grüne“ Volksbegehren zur Rettung der Umwelt und zum Artenschutz ist dort als einzige Attacke auf die herkömmliche Großlandwirtschaft empfunden worden. Und was sagt der Herr Pfarrer? Der katholische: lieber gar nichts. Und der evangelische? Der lässt sich mit den Unterstützern des Volksbegehrens fotografieren, fürs Plakat.

Den Leuten aufgefallen ist dieses unterschiedliche Verhalten. Aber lässt sich daraus etwas Grundsätzliches ableiten für das Verhältnis der beiden christlichen Konfessionen zueinander? In Kirchenkreisen wächst ja seit längerem die Sorge, dass sich Evangelische und Katholische in moralischen und sozialethischen Fragen dermaßen auseinanderentwickeln, dass ihre über Jahrzehnte mühsamst ausgehandelte theologische Annäherung – die epochale Verständigung über die Rechtfertigungslehre wird im Oktober zwanzig Jahre alt – fürs praktische Leben bald nichts mehr wert sein könnte. Die Kardinäle Walter Kasper in Rom und Rainer Maria Woelki in Köln sehen beispielsweise bei Gender-Fragen, bei der Ehe für alle, der Pränataldiagnostik, beim Embryonenschutz in der Stammzellenforschung durchaus Konfliktpunkte, die das Zeug zu neuer Spaltung haben. Evangelische wiederum werfen der katholischen Kirche einen Rigorismus „von vorgestern“ vor, der an der Lebenswirklichkeit heutiger Gesellschaften vorbeigehe.

Beide zusammen befürchten, kirchliche Argumente „zugunsten der Würde und der Rechte von Menschen“ könnten in der öffentlichen Diskussion untergehen, wenn man – wie jüngst eben zur Pränataldiagnostik oder zur gleichgeschlechtlichen Ehe – nicht mehr mit einer Stimme spreche. So erzählt der Freiburger Moraltheologe Eberhard Schockenhoff, nach einem Vortrag im Kreise von Politikern hätten diese ihm gesagt: „Schön und gut, aber vor zwei Wochen war Ihr evangelischer Kollege da und ist zu einem ganz anderen Ergebnis gekommen. Was sollen wir denn nun tun?“

Bischöfe und Theologen beider Seiten haben sich nun in der Evangelischen Akademie Tutzing zusammengesetzt, um Inventur zu machen: des Gemeinsamen und des Trennenden. Beauftragt von der Deutschen Bischofskonferenz und der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche in Deutschland (VELKD) haben sie zwar schon vor zwei Jahren eine Studie vorgelegt, derzufolge der ethische Dissens zwischen den Konfessionen „thematisch eng begrenzt“ und vor dem Hintergrung eines „tief verwurzelten und breit gefächerten Konsenses“ im Menschenbild auf keinen Fall kirchentrennend sei. Aber symptomatisch für den Stand der Dinge: im aktuellen Gebrause ist die Studie kaum wahrgenommen worden. Dennoch hält der katholische Neutestamentler Thomas Söding auch heute noch wacker fest, es gebe „keinen Grund, warum die Kirchen nicht mehr mit einer Stimme sprechen könnten.“ Und er bekommt Applaus. Im engen Kreis der Arbeitsgruppe jedenfalls. Und selbst diese wagt sich nicht an das Thema Pränataldiagnose. Das sei zu schwierig, heißt es.

Das eingangs zitierte Beispiel Straubing ist demgegenüber banal; trotzdem lassen sich daran einige Fragen aufzeigen, die den Konsens der Kirchen begrenzen. Im Ziel, der „Bewahrung der Schöpfung“, sind sie sich einig. Die Bibel kennt aber keine eindeutigen Rezepte dafür – wie so oft bei heute drängenden Fragen. Und selbst biblische Prinzipien lassen sich nicht eins zu eins in Handlungsnormen übersetzen. Das Lehramt – im katholischen Bereich – kann sich zu praktischen sozialethischen Fragen nicht letztverbindlich äußern, abgesehen davon, dass es „unter den Trägern dieses Lehramts derzeit Diskussionen gibt, die an Intensität nichts zu wünschen übrig lassen“, wie der Regensburger Moraltheologe Herbert Schlögel im Blick auf die schweren Zerwürfnisse unter den katholischen Bischöfen (mit und ohne Papst) anmerkte. Im evangelischen Bereich, wo es ein solches Lehramt gleich gar nicht gibt, ist ohnehin jeder einzelne auf sein persönliches Gewissen verwiesen – und die Ergebnisse sind entsprechend.

Für das unterschiedliche Verhalten – beispielsweise – der zwei Straubinger Pfarrer oder überhaupt der ökumenischen Akteure in den Kirchen können auch biographische Hintergründe oder parteipolitische Präferenzen eine Rolle spielen, die entweder offengelegt oder verschwiegen oder theologisch bemäntelt werden. Auch sieht sich der katholische Pfarrer eher dem Land, den Bauern, verpflichtet, der evangelische eher seiner urbanen „Klientel“. Ökumene, sagen die Experten in Tutzing, komme ohne „Mannschaftsspieler“ nicht aus, und vielleicht stimmt ja manchmal die Chemie zwischen den konkret Beteiligten nicht, sonst würden sie einen gemeinsamen Abend ansetzen, um ihren – wie das ökumenepolitisch korrekt heißt – „differenzierten Konsens“ auszudiskutieren.

Vielleicht hat sich ja die ökumenische Großwetterlage überhaupt verdüstert; so könnte man es aus dem bewussten Auseinandergehen bei den neuesten Bibelübersetzungen, also ausgerechnet bei den „Basics“, schließen. Und überhaupt weiß keiner, wie die Basis – Straubing nur als Beispiel – denkt: Haben die zwei Pfarrer jeweils ihre Kirchengemeinden hinter sich? Handeln sie eigenmächtig? Oder geht die Konfliktlinie womöglich gar nicht zwischen evangelisch und katholisch hindurch, sondern quer durch die Konfessionen, quer durch jedwede Kirchengemeinde – wie etwa bei der „Ehe für alle“ oder bei der Migrationsfrage, was gemeinsame Äußerungen „der“ Kirchen noch schwieriger macht. „Von wessen Konsens reden wir eigentlich?“, fragte man sich in Tutzing.

Eine „Hermeneutik des Vertrauens“ fordern die Experten, also die Bereitschaft, im unterschiedlichen Handeln der Konfessionen prinzipiell den gleichen christlichen Geist zu erkennen. Beim Lernen, warum die anderen zu anderen Ergebnissen kommen, solle man sich selbst „theologisch bereichern“ lassen. Scharfmacher wie Kardinal Woelki allerdings sehen in einer solchen „Umdeutung konfessionsbegründender Unterschiede“ allerdings nicht weniger als einen „Etikettenschwindel.“

Die Unterschiede reichen durchaus in die Kernbereiche christlicher Moral hinein. Das ließ sich live sogar in Tutzing besichtigen, wo nun wirklich die fachlich und menschlich Verständnisvollsten der Lutheraner und der Katholiken Deutschlands beisammensaßen. Moraltheologe Schockenhoff machte den Protestanten den Vorwurf, mit ihrer Unterstützung der „Ehe für alle“ entleerten sie den christlichen Ehebegriff. „Im Gegenteil, wir stärken ihn auf neue Weise“, gab ihm von der anderen Seite der Bochumer Theologe Traugott Jähnichen zur Antwort.

Schockenhoff machte in klassisch katholischer Argumentationsweise „vier Grundprinzipien“ der Ehe geltend (Unauflöslichkeit, Treue, Verbindung von Mann und Frau, Fruchtbarkeit) und warf den Evangelischen vor, mit ihrem Votum für die Homosexuellen-Ehe bleibe „von den vier Pfeilern nur noch die Monogamie übrig“, und das womöglich auch nicht mehr lange. Die evangelischen Kirchen, so Schockenhoff, hätten beim Verzicht auf eine Verteidigung der althergebrachten Ehe „ihre starken theologische Ressourcen nicht zum Ausdruck gebracht“; implizit war das der unausrottbar katholische Verdacht, die Protestanten seien allzu abhängig vom Zeitgeist.

Von „Grundprinzipien der Ehe“ mochte Jähnichen – klassisch evangelisch – in der Tat nicht reden. Er sagte, die Evangelischen hätten sich leiten lassen vom Anti-Diskriminierungsgedanken und von den „Leidenserfahrungen der Homosexuellen, die ihre Lebensform gewürdigt sehen wollten.“ In diesem Sinne stecke in der protestantischen Position „auch eine gewisse Schuldaufarbeitung der Kirche.“

Gleichzeitig gab Jähnichen zu, die Evangelische Kirche in Deutschland befinde sich mit ihrem Ja zur Schwulenehe „im Welthorizont in einer Minderheitenposition.“ Kann es dann überhaupt einen „katholisch-evangelischen“ Dialog geben, wenn die Ansprechpartner und die jeweiligen gesellschaftlichen Umgebungen so verschieden sind?

Bisher war das die klassische Schwierigkeit der Katholiken mit den Protestanten – aber auch katholischerseits lösen sich derzeit viele Gewissheiten auf: in einem einerseits beweglicher gewordenen, andererseits in seiner Autorität zunehmend bestrittenen Lehramt ebenso wie im Empfinden der Gläubigen, die bei schwindender Kirchenbindung dem Zeitgeist – neutral gesagt: der gesellschaftlichen Entwicklung – genauso ausgesetzt sind wie die  Protestanten. Das „Sprechen mit einer Stimme“: es wirkt da fast wie ein Sehnsuchtsrelikt aus unwiederbringlicher Zeit.

Autor: Paul Kreiner, 13.03.2019

Die Kirche – ein Schlachtfeld

Der Papst lädt zum Krisengipfel, aber allzu viele arbeiten längst daran, seine Autorität zu beschädigen

Als Papst Franziskus sein Amt antrat, beschrieb er die Kirche als ein „Feldlazarett“. Offen, voller Barmherzigkeit, sollte sie sein für Menschen jedweder Herkunft, die ihre von Welt und Leben (und Kirche!) geschlagenen Wunden behandeln lassen wollten. Heute, sechs Jahre danach, gleicht die katholische Kirche dem, was sie eigentlich heilen sollte. Sie ist ein Schlachtfeld geworden. Tief zerfurcht das Terrain von den Granaten immer neuer Missbrauchsmeldungen aus allen Kontinenten, bebend unter dem „friendly fire“ aus eigenen Rohren und Rohrkrepierern; desertierendes Fußvolk; die einst im Kampf gegen eine „feindliche Welt“ so geordnete Schlachtreihen in heller Auflösung. Und wohin gehen? Keiner weiß es.

Zwischen den Truppenteilen hetzen Emissäre mit Strategiepapieren und in verschiedenste Richtungen strebender Besserwisserei hin und her; die Offiziere, wenn nicht diskreditiert oder heillos zerstritten wie die deutschen, stehen reg- und ratlos herum. Und gerade diejenigen, die früher immer strenge Folgsamkeit gegenüber dem General als das entscheidend Katholische propagiert haben, sie blasen nun zum Aufstand gegen Franziskus. Dieser Papst übe Hochverrat an der wahren Lehre, führe die Gläubigen in die Irre. Und wenn nicht er vorangehe, dann müssten es andere tun. Ziemlich unverhohlen ist das der Tenor jenes „Glaubensmanifests“, das Kardinal Gerhard Ludwig Müller jetzt vorgelegt hat – der frühere Chef der Glaubenskongregation, den Franziskus wegen gravierender Illoyalität im Amt gefeuert hat.

Müller ist nicht der einzige Kardinal, der diesen Papst so schnell wie möglich loshaben will. Und die Rechthaber-Fronde in Rom ist auch nicht die einzige in der Kirche. Von den Schlachten um Franziskus, wie sie derzeit unter amerikanischen Bischöfen toben, hat man in Deutschland schlicht keine Vorstellung. Von der politischen Erpressung – dem Entzug von Millionen Dollar an Spendengeld – auch nicht. Da hat eine Kirche infolge ihrer fortgesetzten, massenhaften, vertuschten Missbrauchstaten den Boden unter den Füßen verloren. Immer wieder werden Oberhirten als verstrickt entlarvt. Wem sie wirklich trauen können, wissen oft nicht einmal die eigenen Amtsbrüder. Und so sucht man in der eigenen Desorientierung den Feind außerhalb. Man findet ihn – wohlfeil – in einem Papst, der auch noch die unverzeihliche Sünde begangen hat, scharf gegen das kapitalistisch-neoliberale System zu schießen („Diese Wirtschaft tötet!“). Und in der Nähe von Rom hat bereits Steve Bannon eine Strategiezentrale eingerichtet, wo er auch konservative Kardinäle hofiert. Man darf annehmen, dass der frühere Trump-Stratege mit seinen bewährten Waffen nun bereits fürs nächste Konklave rüstet: mit gezielter Des- und Falschinformation. Hochprofessionell. Und diabolisch. Denn der griechische Ausdruck „Dia-Bolos“ meint einen, der alles bewusst durcheinanderstürzt und Verunsicherung derart zum Geschäftsprinzip macht, dass man nichts mehr glauben kann.

Franziskus weiß ja jetzt schon nicht mehr, wem er vertrauen kann. Von den neun Kardinälen, die er 2013 in seinen engsten Beraterkreis zur Kirchenreform geholt hat, mussten drei inzwischen ausscheiden, weil sich herausgestellt hat, dass sie daheim Leichen im Keller haben. Der Australier George Pell ist mittlerweile sogar direkt wegen Missbrauchs von Minderjährigen verurteilt. Von Bischöfen, die tagtäglich die Wahrheit des Evangeliums (laut katholischer Lehre authentisch)  predigen, sollte man Ehrlichkeit erwarten dürfen. Wer dem Papst belügt oder ihn hintergeht, der übt nicht  nur – hier  ist das Wort angebracht – Verrat an Franziskus, sondern am Prinzip der katholischen Kirche. Gleiches tut, wer wie Gerhard Ludwig Müller laut alle möglichen „katholischen Wahrheiten“ verbreitet, die Führungsrolle des Papstes aber zu erwähnen vergisst. Wer also voreilig meint – wie Bischöfe und Medien das zunehmend tun –, Franziskus habe seine Glaubwürdigkeit und sein „Erneuerungspotenzial“ verspielt, der sollte bedenken, in welche Lage ihn die eigenen Leute gebracht haben.

Das also ist die Situation, in der diese Woche der Weltbischofsgipfel stattfindet. Überflüssig zu sagen, dass er nicht einmal das Problem lösen wird, für das Franziskus ihn einberufen hat: den klerikalen Missbrauch von jungen Leuten.

 

Autor: Paul Kreiner, 17.02.2019
Copyright: Stuttgarter Zeitung

 

 

Nun bricht alles auf

Der bevorstehende Bischofsgipfel im Vatikan (21.-24.02.2019) beschäftigt sich mit dem Kampf gegen den Kindesmissbrauch. Nun reden aber auch die Frauen. Und im Hintergrund aber harren viel größere Strukturprobleme einer Bewältigung. Am Problembewusstsein fehlt es ebenso wie an klaren Reformvorstellungen. Da und dort auch am Willen zur Veränderung.

Um den „Schutz von Minderjährigen“, so die offizielle Überschrift, sollen sich die führenden Bischöfe der katholischen Weltkirche bei ihrem Gipfeltreffen im Vatikan kümmern. Schmerzlich ist nun aber in den vergangenen Wochen ein weiteres Thema aufgebrochen – noch einmal eines von jenen, die man kirchenamtlich jahrzehntelang unter der Decke gehalten hat: der Missbrauch von Ordensschwestern durch Priester und Bischöfe.

Der Osservatore Romano selbst, also die Zeitung des Papstes, hat den Skandal angeprangert und ausdrücklich auch so benannt. Genauer gesagt: es war das Frauenmagazin des Osservatore, wo sich die Chefredakteurin Lucetta Scaraffia den Mund ungern verbieten lässt. Sie schreibt offen von der „Tragödie“ nicht nur der sexuellen Gewalt, sondern auch der Zwangsabtreibungen und der Priesterkinder, die nicht anerkannt werden. Scaraffia erinnert daran, dass „mutige Ordensfrauen“ im Vatikan schon vor mehr als zwanzig Jahren „genaue Anzeigen“ solcher Taten erstattet hätten (aus Afrika damals) und dass sich seither ein Schweigen darüber gebreitet habe, das den geistlichen „Gewalttätern immer mehr Sicherheit gegeben hat, nie bestraft zu werden.“

Auch Papst Franziskus hat – kürzlich auf dem Rückflug von Abu Dhabi – offen von Priestern und Bischöfen gesprochen, „die es getan haben.“ Und hinzugefügt: „Ich denke, es geschieht noch immer. Das ist ja nicht etwas, das in dem Moment aufhört, in dem man es wahrnimmt.“ Immer mehr Ordensfrauen, traditionell zu Gehorsam und Unterwürfigkeit unter den Klerus erzogen, trauen sich nun zu reden; im November vergangenen Jahres hat die Welt-Vereinigung der Generaloberinnen alle Schwestern sogar aufgefordert, „über jegliche Form des Missbrauchs zu sprechen.“

Im bisher tiefkatholischen Polen tun sie es. In Südindien tun sie’s auch. Obwohl man den Schwestern eines Konvents in Kerala kirchlicherseits (!) mit Gewalt und Versetzung gedroht hat, sind sie einer der ihren beigesprungen, die vom örtlichen Bischof vergewaltigt worden war. Den Bischof hat der Vatikan mittlerweile suspendiert. In Deutschland erregt die frühere Ordensfrau Doris Reisinger (geb. Wagner) neues Aufsehen, weil in der vatikanischen  Glaubenskongregation nach zehn  Jahren jener Abteilungsleiter zurückgetreten ist, dem sie in ihren Büchern vorwirft, sie beim Beichten sexuell bedrängt zu haben. Der österreichische Geistliche beteuert nach wie vor seine Unschuld, aber der Wiener Kardinal Christoph Schönborn, der sich jüngst – auf eigene, in der Kirche bisher einzigartige Initiative – mit der 35-jährigen zu einer vierstündigen Aussprache in einem Studio des Bayerischen Rundfunks getroffen hat, bekannte hörbar erschüttert über Doris Reisingers umfassende Berichte von Vergewaltigung und Missbrauch im Orden: „Ich glaube Ihnen. Ja.“

Doris Reisinger und Lucetta Scaraffia sind sich in der Betrachtung der Übergriffe einig. Da gehe es nicht einfach nur um „sexuelle Sünden“, sondern um einen Missbrauch geistlicher Macht durch Priester. „Fleischliche Sünden“, schreibt Scaraffia, „kann man durch persönliche Bekehrung heilen. Aber hinter Machtmissbrauch steckt ein Übel namens Klerikalismus. Und dafür braucht es eine komplette Revision der kirchlichen Kultur.“

Das sieht auch der Jesuit Hans Zollner so, und hier liegt das Element, das kirchlichen Frauen- und Kindesmissbrauch verbindet. Zollner, geboren 1966 in Regensburg, ist der führende Anti-Missbrauchs-Experte des Papstes. Zur Sensibilisierung und zu Schulungen der Kirchen vor Ort – vor allem in Sachen Vorbeugung – reist er wortwörtlich pausenlos durch die Welt. Auch er sagt: „Es geht nicht einfach nur um den sexuellen Missbrauch als solchen. Das Problem ist viel tiefer verwurzelt, als wir uns das vorstellen. Und mir ist klar geworden, dass wir über viel mehr reden müssen: über kirchliche Strukturen, Machtausübung, Lebensformen, Lehre und so weiter.“

Ein derart umfassender Ansatz macht natürlich einen gerade mal viertägigen Gipfel zu einem hoffnungslosen Unterfangen. Zumal, wie Zollner auch sagt, in den unterschiedlichen Kulturen der (katholischen) Welt auch ein ganz unterschiedliches Problembewusstsein herrscht. Oder gar keines. Oder Missbrauch wird – wie es Zoller aus Asien und teils aus Afrika berichtet – derart  tabuisiert oder familiarisiert, dass von außen niemand drankommt.

Ungewiss ist da schon allein, ob der römische Bischofsgipfel die Oberhirten auf einen gemeinsamen Stand bringt. Kardinal Schönborn sieht nun erst mal einen „Prozess“ eingeleitet. Es sei, sagt Schönborn, „sehr weise“ von Papst Franziskus, die Bischöfe zu einem gemeinsamen Umgang mit der Missbrauchskrise zu bewegen, sie in ihrer Verantwortlichkeit einzubinden. Für die allfälligen größeren Umbauten von Kirchenstrukturen braucht er sie danach ja auch wieder.

Das zeigt längst der gnadenlose Streit zwischen Konservativ-Dogmatischen und Reformern, in den Franziskus selbst geraten ist: Wie die katholische Lehre ändern? Wie die Sexualmoral modernisieren? Wie mit der Homosexualität umgehen (auch jener von Klerikern)? Zölibat abschaffen oder nicht – was hilft das eine, was das andere? Was überhaupt sind allzu wohlfeil-vorschnelle, was nachhaltige Rezepte? Generell: Wie wiedererkennbar wird eine strukturreformierte katholische Kirche sein? Offene Baustellen, wohin man blickt.

Autor: Paul Kreiner, 14.02.2019
Copyright: Stuttgarter Zeitung

 

 

Bauchschmerzen eines Regierungschefs

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In Südtirol ist die christlich-konservative Volkspartei notgedrungen mit der rechtspopulistischen, ausländer- und europafeindlichen Lega eine Koalition eingegangen. Für Landeshauptmann Arno Kompatscher ist das ein Drahtseilakt, wie er offen schildert. 

Vergangene Woche war Arno Kompatscher noch Ehrengast bei der CSU in Kloster Banz. „Sehr viele Fragen“, sagt der Südtiroler Landeshauptmann, habe es dort an ihn gegeben – und das zu auch noch zu einem Thema, „unter dem ich besonders leide.“ Die Christlich Soziale Union will ja neuerdings alle populistischen, europafeindlichen Bewegungen bekämpfen. Und Arno Kompatscher von der Südtiroler Volkspartei, die genauso christlich-konservativ ausgerichtet ist und wie die CSU der Europäischen Volkspartei angehört, hat soeben ein Regierungsbündnis mit einer ganz besonderen Spezies von Populisten geschlossen: Mit der rechten Lega des rabiaten italienischen Innenministers Matteo Salvini. Ausländerfeindlich und hetzerisch, dazu noch europa- und euro-feindlich, aber auf nicht zu bremsendem Vormarsch: um die 33 Prozent bekäme die Lega, wenn heute Wahlen wären in Italien.

Diesen Freitag, 25.01.19, ist Kompatschers Koalitionsregierung vom Südtiroler Landtag bestätigt worden, und während beispielsweise die „Süddeutsche Zeitung“ von einer „Zäsur ohne Drama“ spricht, ruft die Lega mit ihrem überraschend starken Vordringen in primär deutschsprachiges Gebiet schon den „Beginn einer neuen Ära“ aus.

Kompatscher wiederum sagt, er habe „Bauchschmerzen“ seit jenem unglücklichen Wahlabend im Oktober. Damals hatte die Südtiroler Volkspartei (SVP), die die Provinz seit 1948 durchgehend regiert, ihr historisch schlechtestes Resultat erzielt: von 45,7 war sie auf 41,9 Prozent gefallen. Noch folgenreicher aber waren zwei weitere Ergebnisse. Zum einen verlor die SVP ihren bisherigen, bequemen Koalitionspartner, den sozialdemokratischen Partito Democratico, die einstige Regierungspartei, die derzeit in ganz Italien zerbröselt. Sie holte nur mehr einen Sitz – untauglich für eine Mehrheit.

Zum anderen fand Kompatscher auch auf der konservativen Seite keine klassische Partei mehr, mit welcher er hätte regieren können. Silvio Berlusconis Forza Italia, auf nationaler Ebene nur noch ein Schatten ihrer selbst, kam in Südtirol gar nicht mehr in den Landtag. Und weil Kompatscher nicht mit den deutschsprachigen Ultrarechten koalieren wollte, die vom Wähler ja noch viel drastischer abgestraft worden waren als die SVP, dann blieb ihm als Partner nur noch Salvinis Lega. Sie hatte aus dem Stand 11,1 Prozent und vier Mandate errungen viermal so viel wie bei der Wahl 2013. Ein Pakt mit der Lega, sagt Kompatscher, sei schon deshalb „praktisch vorgegeben“ gewesen, weil Salvinis Partei bei den italienischsprachigen Südtirolern – vor allem in der Provinzhauptstadt Bozen – mit mehr als 25 Prozent stärkste Partei geworden ist, und weil eine Südtiroler Regierung nach dem Autonomiestatut auch die Italienischsprachigen einbinden muss. Ferner ist die Lega die einzige Koalitionspartei, mit der Kompatscher bei der italienischen Regierung in Rom einen Fuß in die Tür bekommt. Mit allen anderen*) wäre Südtirol auf sich allein als entlegene Provinz zurückgefallen und hätte sich bei Fragen von übergeordneter politischer Bedeutung jedesmal einen neuen Ansprechpartner bei der Zentralregierung suchen müssen.

Aber wie zähmt man eine rassistisch-hetzerische Lega? Wie führt man als hundertprozentig pro-europäische SVP einen glaubwürdigen Europawahlkampf, wenn man sich mit Europafeinden verbandelt, deren Druck im Land auch noch wächst? Es gibt, sagt Kompatscher, praktisch zwei Möglichkeiten: „Die einfachere Lösung heißt ausgrenzen, sich abgrenzen. Aber es ist die Frage, ob sie die erfolgreichere ist.“ Die Alternative heißt: einbinden. Auch um die rechtspopulistisch üblichen „Opfermythen“ zu vermeiden, „nach denen das Establishment die Stimme des Bürgers nicht hört.“ Er hoffe, sagt Kompatscher, damit größeren Erfolg zu erzielen.

Kompatscher vertraut auf den „Wertekatalog der SVP“, der nun in der Präambel des Koalitionsvertrags so akribisch wie noch nie festgeschrieben ist. Vorsichtshalber. „Wenn wir diese Basis verlassen, wird es keine weitere Zusammenarbeit geben.“ Da steht – ohne irgendein Aber – das Bekenntnis zum europäischen Einigungsprozess und zum Euro. Da steht ein Verbot „jeglicher Form von Ausgrenzung“ und die Selbstverpflichtung für eine „Gesellschaft der Toleranz und der Offenheit.“

Und es ist von der „aktiven Teilhabe aller im Lande lebenden Menschen an der positiven Entwicklung des Landes“ die Rede – zur selben Zeit übrigens, in der Lega-Chef Salvini mit einem nach ihm benannten Gesetz weit mehr als hunderttausend „aus humanitären Gründen“ Geduldeten alle Rechte nimmt, die sie bisher hatten. In ganz Italien rebellieren Regionalpolitiker, Bürgermeister und Bischöfe gegen die „Legge Salvini“. Kompatscher rebelliert nicht. Er sagt aber, er habe im persönlichen Gespräch von Salvini Änderungen an diesem „rechtlich und humanitär bedenklichen Gesetz“ eingefordert und werde sich von weiterer Kritik auch nicht durch seine Koalition mit just dieser Lega abhalten lassen.

In den Europawahlkampf ziehen will Kompatscher nicht mit der Lega: „Das wäre ja absurd.“ Er schließt sich lieber an die CDU/CSU an und an die österreichische ÖVP. In Italien selber sind ihm mit dem Zerbröseln der Volksparteien die Partner abhanden gekommen. Es bleiben da nur die letzten Splitter von Berlusconis Forza Italia und der einstigen Christdemokratie.

Der neuen Südtiroler Regierung besteht aus sieben SVP- und zwei Lega-Politikern; im Landtag stützt sie sich auf 15 SVP- und vier Lega-Mandate. Inhaltlich, so meldet der Österreichische Rundfunk, habe sich „die Lega der SVP gebeugt“. Aber es gibt auch in der Bozener Koalition Leute, die Angst haben, mit einem weiteren Anschwellen der Lega in Italien könnte auch in Südtirol die Dämme brechen. Kompatscher stellt sich als „Garant“ dar, dass dies nicht passiert. In der Nachbarprovinz Trient aber stellt die Lega nach den Wahlen im Oktober sogar schon den Landeshauptmann.

 

Autor: Paul Kreiner, 25.01.2019
Copyright: Stuttgarter Zeitung ( https://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.koalition-mit-der-lega-in-suedtirol-die-bauchschmerzen-des-landeshauptmanns.662189a3-6039-4d39-986e-654e24e12419.html )

*) Ergänzung – auf Nachfrage und der Vollständigkeit halber:
Rechnerisch hätte Arno Kompatscher durchaus zwei andere Möglichkeiten gehabt, eine Koalitionsregierung mit Mehrheit im 35-köpfigen Landtag zu bilden. Gegangen wäre es im Dreierbündnis mit den Grünen (3 Mandate) und dem letzten PD-Abgeordneten. Die Grünen treten in Südtirol als einzige sprachlich gemischte Partei auf; eine Koalition mit ihnen hätte die Vorgaben des Autonomiestatuts also ohne weiteres erfüllt. Aber ähnlich wie die CSU in Bayern bringt auch die SVP in Südtirol keinerlei Begeisterung für Schwarz-Grün auf.

Rechnerisch möglich und mit noch weit stärkerer Mehrheit ausgestattet gewesen wäre eine Koalition aus SVP und dem eigentlichen Wahlsieger: dem „Team Köllensperger“. Der 48-jährige Unternehmer Paul Köllensperger (Internet, neue Energien) war erst im Wahljahr aus dem „Movimento 5 Stelle“ von Beppe Grillo ausgetreten, weil er dieses zu italienisch-römisch-zentralistisch fand. Köllensperger hatte dann ebenso freihändig wie kurzfristig eine Riege von bis dahin eher unpolitischen Kandidaten um sich geschart und bei der Wahl im Oktober aus dem Stand 15,2 Prozent der Stimmen geholt; umgerechnet sind das sechs Mandate. Gegen eine Koalition mit Köllensperger sprachen bei der SVP allerdings mehrere Argumente: Köllensperger war im Wahlkampf dezidiert als Gegner der Volkspartei aufgetreten, um deren „Vorherrschaft endlich mal zu brechen“. Er hatte im selben deutschsprachig-konservativen Klientel gefischt wie die SVP. Diese hätte sich also den größten und auch noch aufstrebenden Konkurrenten in die Regierung geholt und ihm die Chance zu weiterer Profilierung verschafft – unter dem Gesichtspunkt des langfristigen Machterhalts war dies eher nicht anzuraten. Außerdem, heißt es, stimme die Chemie zwischen Kompatscher und Köllensperger einfach nicht.

Die gewaltige Mehrheit von 503 Ja-Stimmen zu 16 Enthaltungen, mit der eine SVP-Landesversammlung den Pakt mit der Lega am 7. Januar schließlich gebilligt hat, zeigt auch, dass man sich der Logik dieser sehr speziellen Koalition mit Überzeugung gebeugt hat.

Die Frage ist – und sie steht durchaus hinter diesem Artikel hier -, was im Herbst drei ostdeutsche CDU-Verbände tun werden, wenn sie sich nach ihren Landtagswahlen vor ebenso großen mehrheitsrechnerischen Schwierigkeiten wiederfinden – und sich als Koalitionspartner nur noch die AfD aufdrängt…

 

Dauerstress, härter als jedes Gestein

Werner Bätzing legt einen neuen Bildband über die Alpen vor. Anders als in seinen früheren Standardwerken schreibt aber nicht mehr von „Geschichte und Zukunft einer Kulturlandschaft“, sondern illustriert deren Verschwinden.

Die Alpen stehen unter Stress. Von unten, aus dem Erdinneren, drückt immer neues Gestein nach. An den Gipfeln reißt der Sturm und das Wasser an den Graten. Der Klimawandel lässt Gletscher so schnell dahinschmelzen wie noch nie. Der Permafrost weicht: So verlieren riesige Felsmassive den Kitt, der sie zusammenhält. Und der Mensch? Der weiß nichts Vernünftiges mehr anzufangen mit den Bergen: In weiten Teilen lässt er sie im Stich, in anderen überfordert er sie mit Verkehr und Industrie und immer aggressiveren Skianlagen. Aus Siedlungen, die sich mit der Alpenlandschaft arrangiert haben, werden Städte wie die draußen im Flachland auch: nicht nur der Größe nach, auch gedanklich. Und man weiß nicht, was schlimmer ist.

Kurz und gut: Die Alpen verschwinden. So bringt es Werner Bätzing auf den Punkt. Er kennt sich aus. Ein Leben lang hat der heute 69-jährige Geographieprofessor und Kulturhistoriker das bergige Herz Europas erforscht. Nicht nur am Schreibtisch, sondern viel mehr in Wanderstiefeln. Seine Bücher über die Alpen sind Standardwerke. Jetzt hat er einen neuen Bildband vorgelegt – und mit sehr vielen, vorwiegend selbst aufgenommenen Fotos das „Verschwinden einer Kulturlandschaft“ dokumentiert.

Das sind nicht immer schöne Bilder, und sie sollen es auch nicht sein; die „Romantik“ überlässt Bätzing den zahllosen Hochglanzkalendern, die jetzt zum Jahresbeginn wieder aufgeblättert werden. Er selbst dokumentiert durchaus auch die Brutalität der Alpen: dort, wo sich die Landschaft in Verwitterung und Erosion selbst zerlegt und dort, wo der Mensch sich allzu breit macht.

Selbst wenn der Begriff so nie auftaucht: Bätzing sucht, was „alpengemäß“ ist. Die Alpen sind bei ihm das geologisch recht junge Hochgebirge, dem man die eine oder andere Flegelhaftigkeit nicht zur Last legen sollte. „Sprunghafte Naturereignisse“ werden zur „Naturkatastrophe“ ja erst dort, wo Menschen nicht sachgemäß mit der Landschaft umgeht. Dabei sind menschliche Eingriffe an sich gar nicht das Problem. Im Gegenteil: immer schon, jedenfalls seit 6000 Jahren, hat der Mensch „die Alpen für seine Zwecke tiefgreifend ökologisch verändert“. Ohne „künstliche“ Raumgestaltung sähen wir die Alpen heute nicht in unserem Lieblingsdesign, als eine liebliche, abwechslungsreiche, offene Landschaft. Wir sähen überhaupt nichts, denn ohne menschliche Nutzung wären die Alpen komplett bewaldet. Und sie werden es wieder, denn dort, in großen Teilen der französischen und der italienischen Berge, wo Abwanderung aus wirtschaftlichen Gründen, wo das Verlassen von Höfen und Almen eine im Einklang mit der Natur über Jahrhunderte geformte Kulturlandschaft preisgibt, schlägt die Wildnis zurück.

Auch dort, wo er bleibt, verändert der Mensch das „Wesen“ der Alpen. Weil Berge und Täler nicht genügend hergeben, um Ernährung und Wohlstand der Bewohner zu sichern, importiert er Industrien, „die nichts mit den Alpen zu tun haben“ und deren von Jahr zu Jahr wachsende Produktionshallen ganze Tallandschaften verunstalten. Oder es werden die Alpen, gerade an ihrem nördlichen Rand mit der Nähe zum Ballungsraum München, gleich ganz zu Vororten der Großstadt – mit allen Folgen: Verkehr, Wohnungsdruck, Zersiedelung, Umweltschäden.

Das ist kurios, denn damit zerstören städtisches Denken, städtisches Gehabe eigentlich eine Gegend, die Städter deswegen so sehr lieben, weil sie in ihnen sehnsuchtsvoll die Gegenwelt zum eigenen Alltag sehen: Luft um die Nase, freier Blick, reine Natur.

Aber wollen Städter das Land überhaupt so begreifen, wie es ist? Sehen sie die Alpen, die sie einstmals gewissermaßen „meditativ“ erwandert haben, heute nicht vielmehr als einen Freizeitpark automatisierten Gepräges, von dem sie Erlebnisperfektion auf Knopfdruck erwarten dürfen? Der Erlebnishunger scheint so groß, dass die Berge, so wie sie sind, nicht mehr reichen. Die Tourismusgemeinden überbieten einander in wildem Wettbewerb um die atemberaubendsten Hängebrücken oder um gläsern-verwegene Aussichtsplattformen über dem Nichts; sie konstruieren Hochseilgärten, die „längste“ Rodelbahn, das „größte zusammenhängende“ Pistengebiet. Doch die immer neuen Attraktionen, wenn nicht jedes Jahr gesteigert, sie nutzen sich auch schnell ab. Es drohe, diagnostiziert Bätzing, ein „Erlebnis-Burnout“.

Davor sind auch die Alpenvereine nicht gefeit, mit den Bätzing eine nicht eben idyllische Beziehung verbindet. Sie deklarieren sich als Naturschutzverband, propagieren aber in höchsten Tönen – gerade in ihrer aktuellen Kampagne – die Schönheit und die Erlebniswelt der Berge. Dabei wissen sie sehr wohl, beispielsweise die in München, dass jede Werbung nur die Staus auf den Zufahrtsautobahnen verlängert – längst nicht mehr nur am Wochenende: mit der wachsenden Zahl rüstiger Rentner geraten die Alpen auch an Werktagen immer stärker unter Druck, und drei Viertel der einschlägigen Abgasbelastung geht auf Kosten der An- und Abreise.

Überhaupt nimmt die Zahl der Touristen immer weiter zu. Bei einer Wohnbevölkerung von 5,7 Millionen Menschen in den zentralen Alpenregionen (der Schweiz und Bayerns, in Tirol, Südtirol, Salzburg, Vorarlberg, Belluno und Trentino) zählte man dort 2017 stolze 34,5 Millionen touristische Ankünfte und fast 122 Millionen Übernachtungen. Weil die Ankünfte (plus 4,6 Prozent gegenüber 2016) stärker steigen als die Übernachtungen (plus 2,9 Prozent), weil sich also mehr Leute für kürzere Urlaube in Bewegung setzen, bedeutet das auch eine stärkere Zunahme des Verkehrs – und das ist zu 80 bis 90 Prozent (!) dessen automobiler Anteil.

In Tirol und Südtirol wird die Belastung schon als derart groß empfunden, dass man über Obergrenzen für den Tourismus diskutiert. Die Gesamttiroler und Trentiner Heimatpfleger haben am 10. Dezember 2018 eine gemeinsame Warnung herausgegeben: „Die Grenzen des Wachstums sind vielerorts erreicht!“ Das Wachstum produziere „neben bedrohlich anschwellenden Verkehrslawinen zu viel Beton und zu viele Betten; es lässt die Preise auf Kosten der Ansässigen steigen; es bringt einen erhöhten Verbrauch von Landschaft und Ressourcen mit sich.“

Früher hingegen – nein: früher war nicht alles besser. Ganz und gar nicht. Früher aber, sagt Werner Bätzing, hätten die Menschen in den Alpen noch etwas gepflegt, was „heute als überholt und unzeitgemäß scheint: den Respekt vor den Bergen.“ An dessen Stelle ist heute anderes getreten. Die „Überheblichkeit“ zum Beispiel, mit technischen Mitteln und riesigen Bauten die Natur beherrschen und nach Gusto formen zu können. Talsiedlungen und ihre Industriegebiete wuchern bewusst in überflutungs- und erdrutschgefährdete Zonen hinein – man hat ja die Maschinen, um immer noch höhere Schutzwälle und noch gigantischere Lawinenmauern zu bauen.

Und um noch mehr „Pistenspaß“ zu bieten, werden im Hochgebirge noch mehr Hänge glattgewalzt, kilometerlange Strom- und Wasserleitungen in den Boden eingelassen, Schneekanonen aufgestellt, Speicherseen fast auf Grathöhe in den Fels gesprengt – häufig ohne die Frage zu stellen, die für Frühere essentiell war: Wie langfristig stabil ist das alles?

Es geht hier nicht nur um nackte Selbsterhaltung. Es geht auch um Ethik und um Verantwortung. Denn die ökologischen Probleme, die man heute aus kurzfristigem Profitdenken – oder aufgrund einer Torschlusspanik im Zeitalter des Klimawandels – negiert, die lädt man kommenden Generationen in den Rucksack. Und man riskiert, was alte Bauern niemals riskiert hätten: dass der Berg den eigenen Kindern auf den Kopf rutscht. Die meisten Skigebiete, sagt Bätzing, werden aufgrund der Klimaerwärmung zu schließen sein: „Wenn sie dann nicht aufwändig und mit großen Kosten zurückgebaut werden, dann entstehen ökologische Zeitbomben mit sehr großem Gefahrenpotenzial.“

Was dann? Bätzing schlägt vor, die alte Kleinräumigkeit der Alpen neu zur Geltung zu bringen, den Tourismus nicht auf Mega-Ski-Arenen zu konzentrieren, sondern in die Dörfer zu verteilen, gerade so viel, wie jedes einzelne eben verträgt. Unter den Wirtschaftsformen sollten sich „in ausgewogener Doppelnutzung“ die importierte Industrie und die „alpenspezifische“ ergänzen, die alpine aber den Vorrang haben. Erzeugung und stärkere Vermarktung lokaler Agrarprodukte sollten nicht nur ein einheimischen Bauern stärken, sondern auch zum Aufwertung einer „kulturellen Identität“ beitragen, die allzu häufig einer geistigen, medial geformten Allerwelts-Verstädterung gewichen sei.

Und natürlich: Rentabilitätsgesichtspunkte sind nicht alles. Bätzing verlangt einen Staat, der mit fördernden, stützenden Eingriffen ein alpines Leben tragfähig erhält, dem das selbst erarbeitete Geld nicht reicht. In der Praxis fehlt es da allerorten: Projekte zur Wiederbesiedelung und -belebung von Dörfern gerade in den italienischen und den französischen Alpen hängen derzeit vollständig an oft gut gemeinten privaten Initiativen. Auch wenn Bätzing selbst vor langen Jahren dort mit der (Wieder-)Erweckung der „großen Alpendurchquerung“, der „Grande Traversata delle Alpi“, versucht hat, sanften Tourismus als Wirtschaftsfaktor anzulocken: Viel Geld bleibt nicht hängen – und junge Einheimische ziehen das angenehme Leben in der Stadt der rauen Alpenrealität vor. Und ohne Menschen keine Dörfer.

Man hat Bätzing vorgeworfen, er sperre sich in sentimentalem Rückblick auf eine angeblich heile Alpenwelt jeder sinnvollen Erneuerung. Das jedoch tut er nicht. Wenn er verlangt, dass die Alpen „ein schnelles Internet erhalten müssen“, dann denkt er ja nicht (nur) an irgendwelche jungen Leute im Gebirge, die ihre Netflix-Serien genauso ruckelfrei konsumieren wollen wie die draußen. Er denkt an die Förderung „neuer, dezentraler Arbeitsplätze.“ Das verändert die Wirtschaftsstrukturen durchaus – in einer Weise allerdings, die nach Bätzings Hoffnung – „auf den Ressourcen des Alpenraums basiert und sie auf eine umwelt- und sozialverträgliche Weise nutzt.“ Damit entstehen „neue alpenspezifische Lebensformen“, und es entstehen neue Kulturlandschaften, die „im Detail anders aussehen werden als die traditionellen.“ Wir Alpenkunden müssen uns also auf die Dauer von liebgewordenen Alpenbildern verabschieden. Doch welche neuen wir sehen werden, das weiß offenbar noch noch keiner.

BUCHHINWEIS:

Werner Bätzing, „Die Alpen – Das Verschwinden einer Kulturlandschaft“, Verlag wbg Theiss, Darmstadt; erschienen September 2018, 220 Seiten, 38 Euro. Das eBook kostet 31,99 Euro, ist aber nur für Lesegeräte ratsam, die Fotos in hoher Auflösung zeigen können.

Autor: Paul Kreiner, 12.12.2018
Copyright: Sächsische Zeitung ( https://www.saechsische.de/plus/das-verschwinden-der-alpen-5024942.html )

 

 

 

 

 

Wie wird der Stier zum Ochsen?

Die verwickelte Geschichte einer weihnachtlichen Fehlbesetzung

Auch wenn er seit gut 1700 Jahren dort steht: An der Weihnachtskrippe ist der „Ochse“ eine Fehlbesetzung. Daran ändert auch das Wort des Propheten Jesaia nichts, das immer als Ursprung des frommen Streichelzoos zitiert wird: „Der Ochse kennt seinen Besitzer und der Esel die Krippe seines Herrn.“ Dieser Spruch ist nämlich falsch übersetzt. Es gibt, so schreibt der Kölner Theologe Klaus Koenen, im Althebräischen keinen Ausdruck für „Ochse“. Und: „Die Kastration von Stieren lässt sich für Israel nicht belegen.“

Also: Wenn Tier, dann Stier. Der passt auch viel besser auf die religionsgeschichtlichen Weiden. Antike Fruchtbarkeitsriten wären mit Ochsen sinnlos gewesen; selbst Israels Gott Jahwe bestand auf „unverschnittenen“ Opfertieren. Und der Mithras-Kult, der im zweiten bis vierten Jahrhundert dem Christentum Konkurrenz machte – mit Bezügen hin und her – der basierte auf dem Mythos von der Opferung eines Ur-Stiers zur (Er-)Zeugung der Welt. Wie Mithras dann mit dem „Unbesiegten Sonnengott“ (Sol Invictus) verschmolz, dessen Geburtstag die Römer am 25. Dezember feierten, so sahen die Christen in Jesu Geburt zur Wintersonnenwende den Aufgang einer neuen Zeit.

Und der „schor“, der hebräische Stier des Jesaia? Den gaben die ersten Bibelübersetzer mit griechisch „bous“ und lateinisch „bos“ wieder. Und da wird’s schwammig. Denn beide Ausdrücke heißen „Rind“ allgemein (auch „Kuh“), und bei den Männern lassen sie nicht gleich einen Blick zwischen die Hinterbeine zu. Warum haben sich dann spätere Übersetzer für den Ochsen entschieden? Weil er braver, sanftmütiger ist als der Stier, nicht lust- und triebgesteuert, also verträglicher mit der christlichen Morallehre? Vielleicht.

Vielleicht handelt es sich auch eher um ein sprachliches Problem. Ein Blick ins Grimm’sche Wörterbuch lehrt nämlich, dass es auch das ältere Deutsch mit der Unterscheidung zwischen „Ochse “ und „Stier “ nicht immer so genau genommen hat. In Meyers Großem Konversationslexikon , Ausgabe 1905, gilt der Ausdruck „Ochs“ – wie einst „bous/bos“ – ganz allgemein als Synonym für „Rind“.

Man sollte „Ochs“ also in diesem älteren Sprachsinn verstehen: als Gattungsbegriff für „Rind“ (so wie heute noch in „Auerochse“). Erst dann stimmt die Sache. Selbst Jesaia wäre zufrieden. Und wer dezidiert an einen Stier denken will – bitte.

 

Autor: Paul Kreiner, 19.12.2018
Copyright (kürzere Fassung): Stuttgarter Zeitung

 

 

Anmerkungen:

1. Absatz: Der Artikel von Klaus Koenen findet sich im Online-Lexikon der Deutschen Bibelgesellschaft ( https://www.bibelwissenschaft.de/de/wibilex/das-bibellexikon/lexikon/sachwort/anzeigen/details/rind/ch/a8bce78d971731a94ee920c166042e67/ ).
Auch das Lexikon für Theologie und Kirche (LThK) hält unter „Stier“ fest: „Das Hebräische differenziert nicht zwischen Ochse und Stier.“ —
Das seit frühesten Christentagen berühmte, als einschlägig betrachtete Prophetenwort steht bei Jes 1,3. Es ist allerdings von Anfang an gnadenlos überinterpretiert. Dem Propheten ging es ja nicht um Aussagen über die Natur irgendwelcher Tiere, sondern um eine Kritik am Volk Israel, das im Gegensatz selbst zu den blödesten Lebewesen nicht wusste, zu wem es gehörte und wem es seine Nahrung verdankte…  

2. Absatz: Das Verbot, kastrierte Tiere fürs Opfer zu verwenden, steht bei Lev 22,24.

3. Absatz: Die „Ur-Texte“ der Bibel (in hebräisch / griechisch / lateinisch) lassen sich bequem konsultieren bei https://www.bibelwissenschaft.de/online-bibeln/ueber-die-online-bibeln/

4. Absatz: Das Grimm’sche Wörterbuch ist verfügbar unter: http://woerterbuchnetz.de/cgi-bin/WBNetz/wbgui_py?sigle=DWB

5. Absatz: „Selbst Jesaia wäre zufrieden“. Noch korrekter im Sinn seiner Polemik wäre wohl die barsche Übersetzung: „Sogar Rindviecher  … kennen die Krippe ihres Herrn.“ (Siehe Anmerkung zu Absatz 1)

Allgemeine Lese-Empfehlung:
Gerald HUBER, „12.000 Jahre Weihnachten. Eine Reise zu den Ursprüngen des Fests“. Volk Verlag München, 2018, 28 Euro — Eine gut dreihundertseitige, von Details überquellende, unterhaltsame Kulturgeschichte auf bayerisch-volkskundlicher Basis, die allerdings die hier gestellte Frage ausspart: „Warum Ochse und nicht Stier?“

 

Die Kapitulation der Bischöfe

Hilft gegen Missbrauch nur ein Totalumbau der katholischen Kirche?

Jedes Jahr am 20. September gedenkt man in Rom des „Durchbruchs an der Porta Pia“. Dort waren 1870 die Truppen des italienischen Staates in die Stadt eingedrungen, hatten Rom der Herrschaft des Papstes entrissen und den Kirchenstaat vernichtet. Kann sein, dass der 25. September 2018 genauso in die Geschichte eingeht. Angesichts des fortgesetzten Missbrauchsskandals haben die deutschen Bischöfe die Waffen gestreckt. Kardinal Reinhard Marx als Vorsitzender der Bischofskonferenz gibt offen zu: Mit dem bisherigen „Wir kriegen es irgendwie schon alleine hin, wir Kleriker unter uns“, kommt die katholische Kirche nicht mehr weiter. Fachleute von außen sollen jetzt ran, womöglich eine „Wahrheitskommission“ wie in Südafrika zur Aufarbeitung der Apartheid.

Aber das ist noch lange nicht alles. Die Expertenkommission, die nun ihre Studie vorgestellt hat, zielte ja mit ihren Befunden ins Herz der katholischen Kirche. Missbrauch von Minderjährigen ist demnach nicht eine Reihe einzelner Taten, die man mit hinreichender Entschlossenheit eine nach der anderen sanktionieren könnte und mit der man irgendwann fertig wäre. Missbrauch ist nach Ansicht der Experten „ein strukturelles Problem des Klerikalismus.“ Das heißt: So lange die Kirche gebaut bleibt auf die organisatorische Macht des Weihepriestertums und auf dessen Macht über die Seelen, wird sie auch nicht mit ihrem „systemischen“ Missbrauch fertig.

Dies radikal ernstzunehmen würde das Ende der katholischen Kirche bedeuten – zumindest aber einen mindestens hundertjährigen Totalumbau. Und selbst wenn nun der Funke einer solchen Ahnung in Deutschland eingeschlagen sein sollte, stellen sich zwei Probleme: Wohin will man umbauen? Auch die so „unklerikale“ protestantische Kirche ist von Missbrauch ganz und gar nicht frei. Zweitens ist die katholische Kirche ein Weltverband, wo es länder- und kontinenteweise noch ungleich zähere klerikalere Strukturen gibt als in Mitteleuropa. Und registrieren muss man schon auch: Selbst unter Annahme einer erheblichen Dunkelziffer sind neun von zehn deutschen Klerikern ohne Schuld.

Gut möglich aber, dass es gar nicht ohne Radikalität geht. Das Erschreckendste in der Studie sind ja weniger die Zahlen von Tätern und Opfern. Der Spur nach konnte man die Lage kennen. Den grausigsten Blick in den Abgrund rissen die Forscher mit ihrer Ansicht auf, die Missbrauchsquote sei gar nicht gesunken. Und das, obwohl spätestens seit den Skandalen in den USA 2002 und in Deutschland 2010 die Sensibilität gewachsen sein müsste. Gerade in Deutschland gibt es Verfahrensrichtlinien seit 2002; es gibt Präventions-Schulungen, mit denen die katholische Kirche durchaus Maßstäbe setzt für andere Organisationen. Aber offenbar kommt wenig davon an. Die absoluten Missbrauchszahlen sind offenbar nur zurückgegangen, weil es weniger Priester gibt.

Mit dem Rückgang der Priester aber wachsen die Belastungen für die verbleibenden. Ja, man kann mit strengerer Auswahl die tatsächlich krankhaften Pädophilen unter den Seminaristen ausfiltern. Aber wer begleitet die Pfarrer, die für acht, neun Gemeinden gleichzeitig sorgen sollen, dabei an „Macht“ und Amt zerbrechen, vereinsamen, zu viel trinken? Auch das führt laut Studie durchaus zu sexuellen Übergriffen. Den Zölibat aufheben? Ein Mittel gegen Vereinsamung von Weltpriestern wäre das. Gegen Missbrauch in Klöstern hülfe es gar nichts. Mit Homosexualität offen umgehen, damit verdruckste Strukturen endlich aufbrechen? Auch das empfehlen die Forscher – wobei sie sagen: Weder Zölibat als solcher noch Homosexualität per se sind schuld am Missbrauch. Verlangt aber wird gereifte Sexualität – damit nicht durchs Fenster zurückschleicht, was man bei der Haustür meint hinausgeworfen zu haben. Für die Priesterausbildung bleibt da, trotz großer Fortschritte, viel zu tun.

Die Opfer hätten Anspruch auf Gerechtigkeit, sagt Kardinal Marx. Dazu würde aber gehören, dass nicht nur Täter, sondern auch Vorgesetzte, die – so Marx – „allzu lange weggeschaut, vertuscht, geleugnet“ hätten, zur Rechenschaft gezogen werden. In Chile passiert das. Aber in Deutschland?

Autor: Paul Kreiner, 25.09.2018
Copyright (verkürzte Fassung): Stuttgarter Zeitung