Das Latein? Nur vorgeschoben

Hinter der „Tridentinischen Messe“ steht ein ganz anderes Kirchen- und Gesellschaftskonzept

Diesen Text hier habe ich in Rom geschrieben am 29.06.2007 – damals als Vorgriff auf das Motu Proprio „Summorum Pontificum“ von Papst Benedikt XVI. und zur Aufklärung für die LeserInnen, worum es bei den verschiedenen Riten der katholischen Messfeier eigentlich geht. Als Hintergrund bleibt er gültig auch im Juli 2021, in dem Papst Franziskus just das „Summorum Pontificum“ zurückgenommen hat – und der Streit neu entbrannt ist, heftiger, polarisierter als noch 2007.

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Genau 400 Jahre liegen zwischen der Einführung der „Tridentinischen Messe“ und dem neuen, heute gültigen Messritus in der katholischen Kirche. Zwischen 1570 und 1970 aber hat sich die Welt gewaltig verändert. Und wie damals die große Kirchenversammlung, das Konzil von Trient (lateinisch: Tridentum) eine Antwort gesucht hatte auf einen alles erschütternden Zeitenwandel – die Reformation – so reagierte das Zweite Vatikanische Konzil vor vierzig Jahren auf die nicht minder drastischen Herausforderungen der Moderne. Ein Ergebnis beider Konzilien waren neue Messriten, die aber beide für sich in Anspruch nehmen, die urchristliche, apostolische Originalform der Gottesdienste in gereinigter Form wieder herzustellen.

Sie taten es mit den wissenschaftlichen Mitteln und unter den gedanklichen Voraussetzungen ihrer Zeit. Die „tridentinische“ Epoche dachte praktisch noch mittelalterlich: Es gab ein Volk, und es gab Bestallte „von Gottes Gnaden“, die es zu führen hatten. Spiegelbildlich dazu ist die tridentinische Messe eine Klerusliturgie, die allein der geweihte Priester vollzieht, und der die Gemeinde lediglich stumm „beizuwohnen“ hat. Regelform des tridentinischen Gottesdienstes ist gar die Messe, die der Priester still für sich allein liest; die Gläubigen sind allenfalls Beiwerk.

Theologisch begründet wurde das vor allem mit dem Opfergedanken: Die Messe als Zentralfeier der christlichen Glaubens vollziehe den Kreuzestod Jesu nach, erneuere oder wiederhole ihn gar – die „Opfertheologie“ der Messe ist hoch komplex –, und nur der „geweihte Priester“ sei berechtigt, dafür am Altar an die Stelle Jesu zu treten.

An diesen Gedanken hängen eine Reihe von Ideen, die konkrete Auswirkungen auf Kirche und Gesellschaft haben: Vorstellungen von „Reinheit“, „Heiligkeit“ auf der einen und von „Sündhaftigkeit“, „Unreinheit“ auf der anderen Seite, von Führungsanspruch und Bestimmungsmacht auf der einen, von frommen Hinnehmen und widerspruchsfreiem Nachvollziehen auf der anderen Seite.

Demgegenüber ist die Liturgie von 1970 eine Gemeindeliturgie. Sie macht Ernst mit den Wandlungen im Selbstverständnis von Mensch und Gesellschaft, wie sie sich vor allem seit der Aufklärung vollzogen haben. Untertanen (im alten Sinn jedenfalls) gibt es nicht mehr; der Mensch außerhalb und innerhalb der Kirche hat sich als eigenständige Person entdeckt, der nicht nur am Rand stehen und „beiwohnen“ will, und der das Recht auf Beteiligung hat.

Anders allerdings, als  Traditionalisten das immer behaupten, sind das keine modernistischen Gedanken, die von protestantischen Ketzern oder gar vom Teufel selbst in die Kirche getragen worden sind. Im Gegenteil:  Befreit vom  gesellschaftlichen Zwängen konnte die Kirche Ende des zwanzigsten Jahrhunderts unbefangener auf Anfänge und Grundlagen des Christentums blicken und festhalten, dass jeder Getaufte und Gläubige ein mündiger, mit allen Rechten ausgestatteter Christ ist. Allein kraft Taufe und Glaube hat er – ein uralter katholischer Gedanke, der jeweils nur verschieden akzentuiert worden ist – teil am „allgemeinen Priestertum“.

Liturgisch hat sich das so niedergeschlagen: Subjekt der Feier ist nicht mehr allein der Priester, sondern mit und unter ihm die gesamte Gemeinde. Der Priester zeigt dem Volk nicht länger die Schultern, wenn er die „heiligen Geheimnisse“ vollzieht; der Altar steht vielmehr (gedanklich meist) in der Mitte, vor aller Augen; der Geistliche murmelt nicht mehr unverständliche Gebete, sondern spricht eine  Sprache, die die Gläubigen kennen und bei der sie – als ja mündige – mitreden können und sollen.

Die „volle, bewusste und tätige Teilnahme“ der Gemeinde an der Messfeier ist denn auch das ausdrücklich erklärte Ziel des Zweiten Vatikanischen Konzils und des heutigen Messritus. Anders als bisher – und anders als viele postmoderne Fans des Tridentinischen Ritus im Sinn haben – ist also nicht die fromme, ästhetische Erbauung gewünscht, es wird auch etwas gefordert: Die Gläubigen sollen sich und „das heilige Opfer gemeinsam mit dem Priester darbringen lernen“.

Und genau im Rückgriff auf das „Letzte Abendmahl“ Jesu, das in allen Jahrhunderten als die Einsetzung der Messe überhaupt galt, ist der bisher quasi hermetisch beschränkte Opfergedanke erweitert worden. In der Messe heute, so das Konzil zwar,  „dauert das Opfer des Kreuzes fort“; sie ist aber „zugleich und untrennbar (auch) Gedächtnisfeier des Todes und der Auferstehung des Herrn, und heiliges Mahl.“ Dieser „Mahlgedanke“ bringt gegenüber priesterlichen Alleingängen wieder die gemeinschaftliche Dimension des Gottesdienstes ins Spiel.

Man sagt gemeinhin, die „Tridentinische Messe“ sei der größte Streitpunkt zwischen katholischer Kirche und den von ihr abgespaltenen Traditionalisten unter (bis 1991) Erzbischof Marcel Lefebvre und (heute) Bernhard Fellay. Aber das ist falsch. Die Messe ist lediglich die symbolträchtigste Zuspitzung eines viel gravierenderen Dissenses, bei dem es um die geschilderten kirchlich-gesellschaftlichen Folgen überhaupt geht. Die Traditionalisten lehnen das Zweite Vatikanische Konzil generell ab: die Öffnung der Kirche zu den Menschen von heute, den ökumenischen Dialog, die Anerkennung, dass auch in anderen Weltreligionen „Spuren der Wahrheit“ enthalten sein können, die Mitsprache von Gläubigen  überhaupt.

Im Prinzip wehren sie sich dagegen, dass sich der Klerus mit seinen „reinen, geweihten Händen“ nicht länger als die heilige Kaste betrachtet, der alle anderen zu folgen haben. Teile der traditionalistischen  Bewegung betrachten sogar die Päpste der letzten vierzig Jahre als illegitim. Darin besteht das größte Hindernis für eine Wiederannäherung:  Auch wenn sich die Lefebvrianer als die einzig verbliebenen, wahren Katholiken darstellen – in Wahrheit begehen sie eine zutiefst unkatholische Rebellion: Sie lehnen  die höchste Kirchenautorität ab.

Die „Tridentinische Messe“ übrigens war bereits seit Oktober 1984 wieder erlaubt. Aus Rücksicht auf Traditionalisten in den eigenen Reihen ließ Johannes Paul II. sie „unter bestimmten Umständen“ und auf Antrag zu. Die konkrete Entscheidung oblag den Ortsbischöfen. In Deutschland, so berichtete zuletzt  der Vorsitzende der Bischofskonferenz, Kardinal Karl Lehmann, werde der alte Ritus „in den meisten Bistümern“ gefeiert – die „Nachfrage der Gläubigen“ indes sei gering und „seit 1993 auf sehr niedrigem Zahlenniveau stabil“: „Ein wachsendes Interesse, von dem manchmal die Rede ist, kann nicht festgestellt werden.“

Und Latein-Fans, denen es tatsächlich allein um die unbestreitbare Schönheit der Sprache ging, mussten noch gar nie darben: Lateinische Messen im Ritus von 1970 – darauf kommt es an, nicht auf die Sprache – durften und dürfen immer schon gefeiert werden. Sie gehören zum festen und zum Fest-Programm jeder größeren Kirche.

Autor: Paul Kreiner, 29.06.2007 (!)
Copyright: Stuttgarter Zeitung

Psalm für einen Kardinal

Wie Papst Franziskus dem Rücktrittsangebot von Erzbischof Reinhard Marx einen eigenen Schluss anhängt.

Es ist „Tag eins“ nach dem aufsehenerregenden, so weltöffentlich-intimen Brief, mit dem Papst Franziskus den Rücktritt des Münchner Erzbischofs, Reinhard Kardinal Marx, ablehnt.

Es ist außerdem Freitag, und deswegen kommt mir Psalm 51 in den Sinn, der tragende, Woche für Woche gebetete Bestandteil der Laudes. Franziskus erwähnt den Text an keiner Stelle, mir ist aber, als hätte er seinen Brief nach diesem Muster gestrickt, bis hin – und darauf will ich hier hinaus – zu dessen doppeltem, in sich widersprüchlichen Schluss.

Psalm 51 ist durchgängig ein  Schuldbekenntnis und ein Anrufen der Gnade Gottes gleichzeitig. Er fängt an: „Gott, sei mir gnädig nach deiner Huld, tilge meine Frevel nach deinem reichen Erbarmen“; er geht weiter mit Sätzen wie: „Verbirg dein Gesicht vor meinen Sünden“, und sogar: „Befrei mich von Blutschuld…“

Und dann geht’s auf jenes Ende zu, in dem der so sündig Betende seine schiere Unwürdigkeit vor Gott betont: „Schlachtopfer willst du nicht; ich würde sie dir geben. An Brandopfern hast du kein Gefallen. Das Opfer vor Gott ist ein zerknirschter Geist; ein zerbrochenes und zerschlagenes Herz wirst du, o Gott, nicht verschmähen.“

Hier könnte der Psalm enden: jeder Betende schleicht davon, geht in sich, sein Gewissen erforschend, und schweigt erst mal. Mit einer solche Stelle – in unausgesprochener literarischer Parallele jedenfalls – hat auch Kardinal Marx sein Rücktrittsangebot an den Papst beendet. Und beide Texte lassen offen, was danach geschehen wird.

Der Psalm geht aber weiter, und mir kommt immer vor, als hätte da die redaktionelle Hand einer verfassten Priesterschaft – unzufrieden mit einem individualistischen, letztlich dem organisierten Kult feindlichen  Schuldeingeständnis – einen Zusatz angehängt, um die eigene Institution zu retten: „In deiner Huld [o Gott] tu Gutes an Zion, bau die Mauern Jerusalems wieder auf. Dann hast du Freude an rechten Opfern, an Brandopfern und Ganzopfern; dann opfert man Stiere auf deinem Altar.“

An dieser Stelle verschwindet jedes Reden von eigener Schuld; da geht’s nur mehr darum, dass die Mauern und Bastionen des Heiligtums wieder hochgezogen werden, damit „der Betrieb“ wieder auf gewohnte Weise funktioniert und jede Störung außen vor bleibt.

Genauso lässt es Franziskus nicht bewenden bei Marx‘ Schuldbekenntnis, das dieser ja auch noch – wie der berühmte „kollektive Beter“ der Psalmen – nicht für sich allein ausgesprochen hat, sondern in wiederum weltöffentlich-intimer Inszenierung stellvertretend für alle seine Amtsbrüder. Franziskus sagt (in meiner Umschreibung): Querido hermano, lieber Bruder, du hast bei dir begonnen, und jede Erneuerung beginnt bei einem selbst; du hast mutig, zerknirscht und verantwortungsvoll deine Schuld und die der Kirche eingestanden. Aber du kannst, du darfst dich jetzt nicht im Schweigen davonschleichen. Vielmehr, lieber Bruder, mach weiter. Nicht als Büßer in einem abgelegenen Kloster, sondern an jener Stelle in der Hierarchie, an der du jetzt stehst: als Leiter einer Teilkirche, als Erzbischof, mitten in der Kirche, in vorderster Linie.

Damit ist am Ende, wie in Psalm 51, wieder einmal die Institution gerettet. Die Mauern ums Heiligtum werden restauriert, neu aufgebaut, neu geweißelt, dann hat ER wieder Freude an unseren Opfern, die so beruhigend-gewohnt ausfallen können wie vorher. Störungen bleiben draußen, „Soziologismen und Psychologismen“ ebenso.  Strukturreformen braucht es nicht, sie führen ja nur zu tendenziell hoffnungslosen Konflikten, und „ein synodaler Weg“, wie Marx ihn – selber schon halb distanziert von dem „Synodalen Weg“ in Deutschland“ – als „Wendepunkt aus der Krise“ noch anrät, taucht bei Franziskus schon gar nicht mehr auf.

Es herrscht wieder Ruhe im Land. Und das ist beunruhigend.

Autor und Copyright: Paul Kreiner, 11.06.2021

Am toten Punkt

Kardinal Reinhard Marx bietet dem Papst seinen Rücktritt an, aus
„Mitverantwortung“ für die Missbrauchsskandale in der Kirche – und er spielt deutlich auf andere an, die an ihren Sesseln kleben.

Es war der zweite Blitz aus – nun ja – nicht mehr ganz so heiterem
Himmel. Im Februar vergangenen Jahres teilte der Münchner Erzbischof, Kardinal Reinhard Marx, urplötzlich mit, er wolle nicht länger
Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz sein. Sechzehn Monate später, an diesem Freitag, gibt Marx wieder einmal ohne jede Vorwarnung bekannt, dass er auch noch von seinem Bischofsamt zurücktreten will. Er habe Papst Franziskus „sehr“ darum gebeten, „diesen Verzicht anzunehmen.“

Faktisch kehrt der 67-jährige damit aber als Vorbild oder als einer, der den Weg zeigt, an die Spitze seiner Amtskollegen zurück, deren Ansehen in Kirche und Welt er – so schreibt Marx an Franziskus – wegen der
Missbrauchsskandale stark gesunken, „ja möglicherweise an einem
Tiefpunkt angekommen“ sieht. Mit seinem Rücktritt wolle er „ein Zeichen“ setzen und persönlich Verantwortung übernehmen „nicht nur für eigene mögliche Fehler, sondern auch für die Institution Kirche, die ich seit Jahren mitgestalte und mitpräge.“

Diese Kirche, so schreibt Marx dem Papst, sei „an einem gewissen toten Punkt“ angelangt, der auch zu einem
Wendepunkt werden könne. Vielleicht, so Marx, könne sein Rücktritt ja auch als „Zeichen für neue Anfänge“ gelten. Franziskus jedenfalls hat blitzartig geantwortet: innerhalb von zwei Wochen. Und er hat das Rücktrittsangebot aus München nicht zurückgewiesen, sondern Marx nur gebeten, bis zu einer endgültigen Entscheidung sein Amt weiter auszuüben.

In dem Schreiben an Franziskus und der persönlichen Presseerklärung, die
Marx an diesem Freitag – mit ausdrücklicher Billigung des Papstes! – veröffentlicht hat, taucht nirgendwo der Ortsname „Köln“ auf. Aber die
Bezüge sind glasklar. Schon im Februar hatte sich Marx gewaltig über seinen Kölner Amtsbruder Rainer Maria Woelki geärgert. Dessen Eiertanz um die Veröffentlichung eines Missbrauchs-Gutachtens und um die Nennung der Namen verantwortlicher Hierarchen habe eine „außerordentlich negative“ Wirkung für die Kirche gehabt, sagte er damals. Jetzt schreibt er nicht minder deutlich, die Übernahme von Verantwortung dürfe sich „nicht beschränken auf die aus der Aktenlage hervorgehenden
kirchenrechtlichen und administrativen Fehler.“ Beißender kann man das Verhalten Woelkis, seiner Weihbischöfe Dominikus Schwaderlapp und Ansgar Puff, sowie des zum Erzbischof von Hamburg aufgestiegenen Ex-Kölners Stefan Heße nicht kommentieren. Sie kleben oder klebten so lange an ihren Sesseln, bis ihnen formalrechtlich, als konkreter Paragraphenverstoß, ein Vergehen nachweisbar war.

Marx hingegen schreibt, das reiche nicht aus: „Ich trage als Bischof
doch auch eine institutionelle Veranwortung für das Handeln der Kirche insgesamt.“ Die aktuellen Diskussionen hätten gezeigt, schreibt er dem Papst, „dass manche in der Kirche das Element der Mitverantwortung und damit auch Mitschuld der Institution nicht wahrhaben wollen.“ Und darum
geht es ihm ja auch: um jene Ursachen des sexuellen und des
Machtmissbrauchs in der Kirche, die in deren Struktur liegen. Um dieses
„systemische Versagen“ der Kirche zu bekämpfen, brauche es einen
„Reform- und Erneuerungsdialog“ – eben genau das, was die Kirche in
Deutschland auf ihrem „Synodalen Weg“ versucht, den Marx aufgrund der Missbrauchsstudie angestoßen hat. Und es stört ihn, dass genau die
gleichen Personen, die ihre „Mitverantwortung nicht wahrhaben wollen“, auch jeder Kirchenerneuerung „ablehnend gegenüberstehen.“ Wieder meint Marx, auch wenn er keine Namen nennt, das konservative Lager um Kardinal Woelki, das den „Synodalen Weg“ nach Kräften hintertreibt.

Einen Reform- und Dialogweg hat Marx auch für sein eigenes Bistum
initiiert. Und anders als Woelki, der seinen Sprengel zunehmend zerrüttet, die Unterstützung bei einer großen Mehrheit der leitenden
Geistlichen und beim Diözesanrat verloren hat, weiß der Münchner
Kardinal sein Kirchenvolk nahezu geschlossen hinter sich. Wohl deshalb
hat Papst Franziskus – anders als zur Zeit in Köln – auch keinen Anlass
gesehen, Spezial-Ermittler nach München zu schicken. Dabei sind auf Marx selbst zuletzt dunkle Schatten gefallen. Als Bischof in Trier (2002-2007) reagierte er nicht auf die ganz offensichtlich begründeten
Missbrauchsvorwürfe gegen einen seiner Pfarrer, der dann unbehelligt auch weiterhin Jugendseelsorge betreiben durfte. Erst auf Nachforschungen und Druck der Medien räumte Marx 2019 ein „Versäumnis“ ein: „Mein Verhalten damals bedauere ich sehr.“ Der Münsteraner Kirchenrechtler
Thomas Schüller sieht sogar „ein ganzes Bündel an gravierenden
Amtspflichtverletzungen“ bei Marx – für welche er eigentlich, so Schüller, genauso wie sein Kölner Widerpart Woelki, zurücktreten müsse.
Von diesen Fällen spricht Marx in seinem tatsächlichen Rücktrittsangebot
aber an keiner Stelle – und auch nicht von der Missbrauchsstudie für seine eigene Diözese, die für dieses Jahr angekündigt ist, aber auf sich warten lässt.

KOMMENTAR

Das Erdbeben

Respekt für Kardinal Reinhard Marx! Während sich andere katholische
Würdenträger winden wie Aale, um jedem davonzuglitschen, der sie nach
ihrer Verantwortung fragt, und um so zu tun, als hinge nicht weniger als
die „reine Lehre der Kirche“ von genau ihrem Verbleiben im Amt ab,
bekennt sich der Münchner Erzbischof zu der Schuld, die dieselbe Kirche im mehrtausendfachen Missbrauch von (nicht nur) Minderjährigen auf sich geladen hat. Und er geht.

Dabei hat auch der vordem so konservative Marx einen langen Lernweg bis zu diesem Schritt zurücklegen müssen. Opfer überhört, ein Gutachten für mehr als zehn Jahre folgenlos in die Schublade gelegt zu haben – das muss er sich zurechnen lassen. Aber er tut es. Wenigstens er. Zerknirscht. Und das ehrt ihn.

Während Amtsbrüder diskutierten, ob sie Kirchensteuermittel – also nicht ihr Geld – zur Entschädigung von Missbrauchsopfern verwenden sollten, steckte Marx den größten Teil seines Privatvermögens in eine Stiftung zur Wiedergutmachung. Das war vor einem halben Jahr, und schon damals war spürbar, wie sehr diesem Bischof so vieles andere gegen den Strich ging.

Marx‘ Rücktrittswunsch ist ein Erdbeben für die katholische Kirche nicht nur in Deutschland. Da Marx als enger Berater von Papst Franziskus gilt, wird sein publizistisch auch noch perfekt orchestrierter Schritt den Druck auf Bischöfe in anderen Ländern erhöhen. Marx hat schon recht. Es braucht neue Anfänge in der Kirche. Mehr echte (!) Demut sowieso.

Autor: Paul Kreiner, 04.06.2021

Copyright: Die Rheinpfalz

Gerechtigkeit? Nach fast achtzig Jahren?

Hier aus aktuellem Anlass ein Text aus dem Jahr 2007:

Die italienischen Prozesse gegen deutsche NS-Kriegsverbrecher gehen zu Ende und – FORTSCHREIBUNG MAI 2021 – vierzehn Jahre danach erhält der Chefermittler das Bundesverdienstkreuz. Siehe auch aktuellen Link am Ende des Textes.

Vier Jahre lang haben Marco De Paolis und Roberto D’Elia Hand in Hand gearbeitet. Jetzt glauben sie, am Ziel zu sein: Sie haben den Opfern der SS-Massaker in Italien Gerechtigkeit verschafft – soweit dies nach 60 Jahren noch möglich war.

Als Mitte Januar die zehn „Lebenslänglich“ gegen die Schlächter von Marzabotto ergangen waren, da war die größte Arbeit getan, und Roberto D’Elia verschwand in den Urlaub. „Ich habe die Telefone ausgeschaltet, kein Fernsehen mehr geschaut und mich voll in den Orient gestürzt. Es war wunderschön. Und ich brauchte das.“

Zwei Monate später ist der Oberst der italienischen Gebirgsjäger zurück in der Kaserne von Bozen. Jetzt hat er Abstand, jetzt kann er wieder reden. Jetzt lässt er diese vier Jahre Revue passieren, diese „unglaublichen Dinge“: „Zuvor war ich bei der Kripo in der Lombardei; da hatte ich schon alles mögliche gesehen, brutale Morde, herausgeschossene Gehirne auf dem Boden. Aber die  Alpträume, die habe ich erst bekommen, als ich die Akten über die SS-Verbrechen 1944 in Italien las.“

Das waren Massaker, sagt der 56jährige, durchtrainierte, hochgewachsene Offizier, „die nenne ich nicht mal mehr unmenschlich, weil ich den Begriff ,menschlich’ in diesem Zusammenhang nicht gebrauchen will; sie waren nicht mal mehr tierisch, weil ein Tier nicht einfach aus Lust tötet, sondern aus Hunger. Diese Verbrechen waren – ja was? Wenn einer Frauen, Kinder und alte Leute mit dem MG zusammenschießt, und dann, wenn sich aus dem Haufen ein Fünfjähriger befreien kann, diesem eigens nachrennt, um ihn auch noch zu erschießen – wie würden Sie das nennen? Oder wenn einer ein Neugeborenes in die Luft wirft und darauf ballert? Oder wenn einer den Bauch einer Schwangeren aufschlitzt?“

Knapp 300 Kilometer südwestlich von Bozen, in La Spezia, sitzt Marco De Paolis in einem Büro, das ähnlich düster ist wie die Kaserne von Roberto D’Elia. Nur hängen hier keine kernig-martialischen Militärfotos an der Wand, sondern Bilder und Modelle von Segelschiffen. La Spezia liegt am Meer, und wenn der 48jährige, elegante Militärstaatsanwalt Abstand braucht, dann geht er segeln.

De Paolis beschäftigt sich seit elf Jahren mit den Kriegsverbrechen der deutschen Truppen in Italien. Die Akten zwar, die Zeugenaussagen, die Vernehmungsprotokolle, die existierten schon vorher. Aber fünf Jahrzehnte lang waren sie weggeschlossen. Italien und die Alliierten hatten schon bald nach dem Zweiten Weltkrieg kein Interesse mehr daran gehabt, Nazis zu verfolgen. Ein paar wenigen Anführern – Walter Reder, Herbert Kappler – machte man den Prozess; ihre Helfer blieben unbehelligt. „Die Justiz aber“, sagt De Paolis, „kann nicht bei den Kommandierenden Halt machen. Ohne ihre Mitarbeiter hätten die nichts zuwege gebracht.“

Als Mitte der neunziger Jahre dann der „Schrank der Schande“ geöffnet wurde, und Akten um Akten herausquollen, war nur noch einer von zehn Beschuldigten am Leben, und um zumindest sie – „im Interesse der Opfer und der Angehörigen, die sich die ganze Zeit allein gelassen sahen“ – vor Gericht zu bringen, musste sich De Paolis beeilen. Er holte  Hilfe in Südtirol: Um Roberto D’Elia herum entstand ein Pool von zwölf perfekt zweisprachigen Ermittlern.

Vier  Jahre arbeiteten D’Elias Männer ausschließlich an diesen Nazi-Verbrechen. Sie spürten die Verdächtigen in Deutschland und Österreich auf, verhörten sie, durchsuchten ihre Häuser. Sie sprachen mit den Überlebenden in Italien, sahen sich gezwungen – so D’Elia –, „alte Wunden aufzureißen bei Leuten, die als kleine Kinder ihre ganze Familie, ihr Haus, ihr Dorf verloren haben und die diese Erlebnisse bis heute Bild für Bild eingebrannt tragen in ihren Köpfen“.

Regional waren diese Ermittler zuständig für alle Kriegsverbrechen, die im mittleren Italien geschahen, in der Toskana, im Apennin, in der Emilia Romagna; genau dort aber hatten die Deutschen 1944/45 auf dem Rückzug vor den Alliierten und im Kampf mit einheimischen Partisanen besonders gewütet. „Wir waren Heinrich Himmlers rasendes Kommando“, brüstete sich noch vor wenigen Jahren ein Angehöriger der 16. Panzergrenadierdivision „Reichsführer SS“. Und wo deren 12.000 Mann keine Partisanen fanden, da schossen sie auf alles, was sich bewegte. Marzabotto, südlich von Bologna, und das Bergdorf Sant’ Anna di Stazzema über dem Marmorort Carrara, das waren nur die zwei grellsten Flammen eines Flächenbrandes, der zehn- bis fünfzehntausend Zivilisten erstickte.

De Paolis wie D’Elia, beide loben die Zusammenarbeit mit den deutschen Behörden, mit Bundeskriminalamt, mit Staatsanwälten, mit Polizei und Archiven: optimal sei sie gewesen, exzellent. Bürokratische Abläufe, die in grenzüberschreitenden Ermittlungen immer noch Monate dauerten, habe man binnen weniger Tage erledigt. Und die Hilfsbereitschaft der österreichischen Behörden? Oberst D’Elia zuckt mit den Schultern, lächelt verlegen: „Ich sage nur, die Zusammenarbeit mit den deutschen war exzellent.“

Trotzdem: Einige der heute hochbetagten Beschuldigten starben, bevor sie zur Rechenschaft gezogen werden konnten. Der frühere SPD–Bundestagsabgeordnete Klaus Konrad zum Beispiel. Er war für ein Massaker in San Polo bei Arezzo angeklagt. „Ich habe sein Haus durchsucht“, sagt D’Elia: „Da fand ich, schön versteckt, eine Reihe von Urkunden, vom Führer persönlich unterschrieben. Wir wussten, dass Konrad am fraglichen Tag in San Polo war. Frauen, Mädchen, ja sogar der Ortspfarrer haben ihn um Gnade angefleht. Wir wussten von daher, dass er gut Italienisch sprach. Er selbst hat immer das Gegenteil behauptet. Dann haben wir, mit Fotos, die entsprechenden Teilnehmer-Ausweise gefunden: Konrad hat in den vierziger Jahren in Berlin italienische Sprachkurse besucht.“

Auf die Spur so mancher Verdächtiger sind D’Elias Leute nur durch kleinste Details gekommen: „Einer von denen hat einem toskanischen Mädchen seine Heimatadresse aufgeschrieben und versprochen: Du musst keine Angst haben; wir haben es ja nur auf die Besitzer der Villa da oben abgesehen.“ D’Elia macht eine kurze Pause: „Das Mädchen war die Tochter dieses Besitzers.“

Als  die Ermittler dann kürzlich an der Haustür des Beschuldigten klingelten, „da war es einer von denen, die sich angeblich an nichts erinnern konnten. Dann haben wir ihm den Zettel gezeigt. Ja, hat er gesagt, das ist meine Handschrift, das war die Adresse meines Vaters. Wo haben Sie das nur gefunden?“

Andere Beschuldigte reagierten weniger perplex. „Ha, da gab’s welche, die haben vor uns Nazilieder gesungen und gesagt, wenn die Heimat sie wieder riefe, dann wären sie wieder genauso dabei wie damals“, erzählt D’Elia. „Einer hat sich genau am Abend vor unserer Ankunft ins Krankenhaus einliefern lassen und war nicht zu sprechen. Ein anderer hat uns und die deutsche Staatsanwältin, die beim Verhör dabei war, gesagt: Sie beleidigen mich mit ihren Fragen. Dann ist er aufgestanden und gegangen.“

Und immer, sagt D’Elia, hätten sie das Echo der „Buschtrommeln“ gehört: „Diese Männer stehen untereinander im Kontakt; es sind nicht diese harmlosen alten Leutchen, als die man sie heute gelegentlich hinstellt. Ihre Hilfs- und Kameradennetze funktionieren gut.“ Wie gut, das hat der Oberst am eigenen Leib mitbekommen: Es haben ihn Drohbriefe erreicht, aber nicht an seinem offiziellen Wohnsitz, „sondern an jener Adresse innerhalb des Kasernengeländes, wo ich mich aus Sicherheitsgründen mit meiner Familie aufhalte. Diese Adresse kennen eigentlich nur meine engsten Mitarbeiter.“

Das „Tam-Tam“ der Buschtrommeln hat aber auch die Ermittlungen beeinträchtigt: „Immer wenn wir an einem Komplex zu arbeiten begonnen haben, senkte sich um die Verdächtigen der Vorhang des Schweigens.“ Deswegen sind die Italiener auch unglücklich darüber, dass die Ludwigsburger Zentralstelle für die Verfolgung von NS-Verbrechen einen der letzten „hoch interessanten“ und vor allem spektakulären Fälle bereits an die Presse gegeben hat: den Mordanschlag – in der Gegend von Florenz – auf die jüdische Familie Einstein, engen Verwandten des berühmten Physikers. „Es sieht jetzt so aus, als hätte Ludwigsburg seine Akte geöffnet“, sagt der Oberst: „Dabei waren wir es. Und die Veröffentlichung zu diesem frühen Zeitpunkt ist keine Sache, die uns hilft.“

D’Elia erzählt von tragischen Fällen. Von einer Frau, die unbedingt bei der Zeugen-Vernehmung ihres Mannes dabei sein wollte, „um zu sehen, ob sie wirklich sechzig Jahre an der Seite eines Monsters gelebt und mit ihm Kinder gemacht hat. Wir konnten sie beruhigen, wir wussten, dass der Mann vor dem Massaker in Sant’Anna verletzt worden war und nicht teilgenommen hatte. Dann hat er uns gesagt: ,Dieser Bauchschuss damals hat mir -zig Operationen und Krankenhausaufenthalte eingetragen. Zeitlebens habe ich diese Wunde verflucht! Heute segne ich sie. Sonst wäre ich mit den anderen in Sant’Anna gewesen und hätte das gleiche getan wie sie.’“ Und dann, sagt D’Elia, „haben seine Frau und er sich umarmt und nur noch geweint.“

Selbstkritik haben die italienischen Ermittler eher wenig vorgefunden. Ein einziger, „bei dem haben wir gespürt, er will reden. Dann sind wir ein zweites Mal hin, ein drittes Mal, dann hat er uns gesagt: ,Ich kann nicht mehr. Ich sehe jetzt immer wieder die Bilder von damals, Tag und Nacht.’ Dann hat er erzählt, dass auf dem Kirchplatz von Sant’Anna, wo 560 Zivilisten erschossen wurden, tatsächlich er das Maschinengewehr aufgebaut hat. Er war der einzige, der sich in einem Brief ans Militärtribunal und an die Überlebenden zu dieser Schuld bekannt hat. Angereist ist aber auch er nicht.“

Keiner von diesen Männern, so fährt D’Elia fort, habe sich wirklich geöffnet: „Ich kann ja alles verstehen, nicht aber, dass diese Leute nicht nachzudenken bereit sind. Ich hätte jedem von ihnen sagen wollen, du bist über achtzig Jahre alt, du weißt, du wirst auch bei einer Verurteilung in kein Gefängnis mehr kommen, du hast jetzt die Chance, dich am Ende deines Lebens von dieser Last zu befreien. Aber nichts ist passiert. Nichts. Ich hätte diesen Leuten sagen wollen, wenn du schon für dich selber nicht reden willst, dann tu’s wenigstens für die jungen Generationen, dass sie nicht wieder in den selben Irrtum geraten wie du damals. Der Keim ist ja immer noch lebendig. Diese Leute hätten reden können. Aber… nichts. Nichts.“

Mittlerweile sind die großen Prozesse in La Spezia abgeschlossen. Militärstaatsanwalt De Paolis bereitet noch ein paar kleinere vor; doch auch mit ihnen will er dieses Jahr zu Ende kommen. Zufrieden? „Ja“, sagt er. „Trotz der nach sechzig Jahren schwierigen Beweislage haben meine Anklagen im wesentlichen vor den Tribunalen standgehalten. Das war vor allem im Hinblick auf die Verwandten der Opfer und die Überlebenden eine moralische Genugtuung.“

Aber gibt es nicht auch in Italien Stimmen, nach sechzig Jahren seien solche Prozesse unsinnig, man solle diese alten Männer in Ruhe sterben lassen? „Ich weiß nicht“, meint De Paolis, „wie man so etwas den Hinterbliebenen von damals erklären sollte, die alles verloren haben, die all das im Stillen ausgehalten haben und deren Glauben an die Gerechtigkeit schon matt wurde. Diese Gerechtigkeit muss man ihnen verschaffen.“

Roberto D’Elia in Bozen sagt, am meisten habe ihn beeindruckt, dass von den Angehörigen der Opfer und von den Überlebenden, „von diesen einfachen Bauern, Hirten, Arbeitern nie auch nur ein Ruf nach Rache oder ein Wort von Hass zu hören“ gewesen sei: „Niemals, niemals, niemals.“

„Und ich habe in La Spezia die Gesichter dieser Leute beobachtet. Vor den Prozessen waren sie gequält, nach den Urteilen waren sie offen, frei. Da war ein anderes Licht in ihren Augen. Da hatte sich für sie nach sechzig Jahren ein Kreis geschlossen. Und sie haben geweint, ein großes befreiendes Weinen.“ Allein dafür, schließt D’Elia, „hat sich die Mühe gelohnt.“

Autor: Paul Kreiner 19.03.2007
Copyright: Stuttgarter Zeitung u.a.

Ein AKTUELLES INTERVIEW (26.05.2021) mit Marco De Paolis steht hier: https://www.kontextwochenzeitung.de/gesellschaft/530/sant-anna-7513.html – Autor: Sandro Mattioli

Die italienische Tageszeitung La Repubblica im Jahr 2007 zu den Urteilen im Fall Marzabotto: https://ricerca.repubblica.it/repubblica/archivio/repubblica/2007/01/14/marzabotto-dieci-ergastoli-assolti.html

Aber nur fast

Beinahe hätte Markus Söder der CDU die Kanzlerkandidatur ab- und seine eigenen Zweifel daran niedergerungen.  Wenn man jetzt nur wüsste, was er stattdessen herausgehandelt hat. Womöglich ist er nach dem Verzicht sogar stärker als Armin Laschet.

Es ist Januar 2016, als der Politiker Markus Söder seine beinahe einzige, bis dahin weiteste Auslandsreise unternimmt. Sie führt ihn – nach Nordrhein-Westfalen. Die Aachener Jecken dort wollen dem Karnevalistenkollegen, den sie aus der fränkischen Fastnacht in erster Linie schrill-schräg verkleidet kennen, ihren „Orden wider den tierischen Ernst“ umhängen. Und Söder kommt. Damals ist er Finanzminister in München, aber was er werden will, wenn er als 1,94-Meter-Mann mal groß ist, demonstriert er auch den Aachenern per Kostüm. Er kommt als bayerischer „Märchenkönig“ schlechthin, als Ludwig II.

Und geht baden. Söder, der exzellent reden kann, witzig, funkensprühend, selbstironisch auch, der – Maß aller bayerischen Rhetorikkünste – jedes Bierzelt bis in die letzte Reihe im Griff hat, er kommt in Aachen nicht weit. Sperrig wirken dort seine Gags, das Publikum geht nicht mit, Söder spürt den Strömungsabriss, verhaspelt sich, verliert an Selbstsicherheit, erntet dünnen Applaus.

Söder wusste schon vor dieser  Niederlage instinktiv, dass alles außerhalb von Bayern nicht seine Welt ist. Dass er sich im Jahr 2021 gegen einen Konkurrenten aus Nordrhein-Westfalen durchsetzen musste, gegen einen Mann aus genau diesem Aachen sogar, und dass dies alles nicht karnevalesk, vielmehr überhaupt nicht zum Lachen sein würde – das gehörte mit Sicherheit nie zu Söders Lebensplanung. Seit er 1983, damals 16-jährig, bei einer Wahlveranstaltung mit Franz Josef Strauß im heimischen Nürnberg seine politische Initialzündung erfuhr, wollte Söder nur eines werden: Ministerpräsident in Bayern.

Man kennt seinen Werdegang bis ins Detail. Wobei „Werdegang“ das falsche Wort ist. Söder ist nichts „geworden“; Söder hat sich seine Karriere gemacht. Im Nürnberger Ortsverband, bei der Jungen Union von der untersten Ebene hinaus an die Bayern-Spitze, in CSU und Landesregierung. Er hängte sich ein Strauß-Poster übers Bett. Er war der Eifrigste im frühen Plakatekleben, der Kreativste beim Ersinnen von Wahlkampfgags, immer da und auch noch als Erster, wo es um Selbstvermarktung und Publikumsnähe ging. Genüsslich erzählen seine Biographen von der „Süddeutschen Zeitung“, Roman Deininger und Uwe Ritzer: „Der junge Wahlkämpfer Söder rief bei einem Kleingartenverein an, er habe von einem Grillfest gehört. Ob er nicht das Fass anstechen könne? Die Kleingärtner meinten, das sei nett, aber man habe kein Fass. Söder sagte, er werde das Fass mitbringen.“

Was das Establishment der CSU über den Unruhigen dachte, interessierte ihn damals schon genauso wenig, wie er zuletzte Präsidium und Vorstand der großen Schwesterpartei CDU als „Hinterzimmer“-Gremien beleidigte. Söder boxte sich über „die Basis“ durch, manövrierte kalt alle aus, die ihm im Weg standen, machte sich lieber Feinde und nur wenig Freunde; er war sprungbereiter als andere, wenn er eine Lücke im Machtapparat erspähte, die er füllen konnte. So schaffte er es, dass in der Partei keiner mehr an ihm vorbeikam.

„Schmutzeleien“ warf ihm Parteichef  und Ministerpräsident Horst Seehofer schon 2012 vor, als er Söders Sägegeräusche an seinem eigenen Stuhl wahrnahm; der eitle Hahnenkampf der beiden um die Spitze in Bayern zog sich dann noch sechs, sieben quälende Jahre hin. Ministerpräsident wurde Söder im März 2018 (da wich Seehofer als Bundesinnenminister nach Berlin aus). Zum Parteichef stieg Söder – nach einem von Anfang an zum Scheitern verurteilten Versuch einer „Doppelspitze“ mit Seehofer – gar erst im Januar 2019 auf.

Zu Söders Strategie gehört von Anfang an eine stete Kraftmeierei ebenso wie eine bemerkenswerte Wandlungsfähigkeit in seinen politischen Positionen. Wenn CDU-Generalsekretär Paul Ziemiak nach der Kür Armin Laschets im Parteipräsidium vor einer Woche sagte, der Kanzlerkandidat der Union müsse schließlich ein Mensch sein, der „Werte“ verkörpere, so konnte man das durchaus auch als Abgrenzung oder gar als Spitze gegen Söder verstehen. Dieser ist Pragmatiker, kein Ideologe, an seinem eigenen Fortkommen ebenso wie an Umfragen und Wahlchancen orientiert. Zu den sprechendsten Beispiel dafür gehört sein Kurs in Ausländer- und Asylfragen. Söder lief der – vermuteten – Stimmung im Publikum hinterher, als er monatelang Töne anschlug, die von der AfD kaum härter kommen konnten. „Asyltourismus“ prangerte er an, „Asylgehalt“ wollte er nicht zahlen, und er riskierte bewusst, mit Seehofer zusammen, im Sommer 2018 den Bruch der Fraktionsgemeinschaft mit der CDU in der Frage der Zurückweisung von anderswo bereits registrierten Flüchtlingen an der deutschen Grenze. Dass er den Slogan von damals nachsprach, „Merkel muss weg“, ist auch überliefert.

Bis er als Wahlkämpfer in eigener Sache sah, gerade noch rechtzeitig, dass dieser Kurs den Abwärtstrend der CSU nur in Richtung Absturz verschärfte. Da wechselte Söder am 3. September 2018, sechs Wochen vor seiner ersten und bisher einzigen Landtagswahl in Bayern, per Bierzeltrede schlagartig die Tonart: Er attackierte die AfD, grenzte die CSU massiv von ihr ab und schaffte es auf diese Weise, einen Verlust von 10,5 Prozentpunkten bei den Wählerstimmen sogar noch als Erfolg, als „seinen“ Sieg zu verkaufen. Hätte ja alles viel schlimmer kommen können… Beim genauen Hinschauen zeigt sich: Während Armin Laschet seine Landtagswahl in NRW 2017 mit einem Zuwachs von 6,7 Prozentpunkten gewonnen hatte, startete Söder seine große Machtentfaltung nach der bayerischen Landtagswahl 2018 mit einer Niederlage. Eigentlich.

Doch dann gab’s kein Halten mehr. Was Söder schon im Wahlkampf alles an Projekten angekündigt hat! Milliarden hier, Milliarden dort, Familienhilfen, Innovation, Digitalisierung, bis hin zu einem bayerischen Raumfahrtprogramm. Gegner sprechen unumwunden von Wählerkauf. „Söders Geldgeschenke treffen alle, die nicht schnell genug in Deckung gehen“, schreiben Deininger und Ritzer. Und wieder kapert Söder, mit sicherem Sinn für Volkes Stimmung und vor allen anderen in seiner CSU, das nächste Großthema: Nachdem Ökoverbände und -parteien Anfang 2019 mit ihrem „Bienenvolksbegehren“ in Bayern einen Sensationserfolg erzielt haben (gut 1,7 Millionen Unterschriften), bietet Söder keinerlei Widerstand auf, sondern räumt das Thema ab, indem er dem Landtag ein „Volksbegehren plus“ als Gesetzespaket unterbreitet: Noch mehr Öko, noch besseres Öko, als selbst die Umweltfreaks es verlangen konnten. Söder tendiert zur Maßlosigkeit, mindestens zur Übertreibung. Was der Plakatierung, was den Ankündigungen dann folgt, steht auf einem anderen Blatt.

So fulminant umgesetzt wie angekündigt ist das Volksbegehren in Bayern bisher nicht; die Mühen der Ebene und das Ackern der Bauernlobby haben ihre Furchen hinterlassen. Und dass – laut Söder – sein Bayern auch ohne Grüne in der Regierung heute schon grün sei, hat ihm das Publikum ausweislich der Umfragen noch nicht abgenommen. Und immer ist bei Söder die Frage: Wann schwenkt er wieder in die andere Richtung um?

Ob ihm Corona zupass kam oder ihn letztlich – alles übersteigernd – an seinen Kipppunkt führte, darüber gehen die Meinungen auseinander. Sicher ist: Söder hat die ihm vollkommen zufällig widerfahrene Gunst der Stunde wieder mal am Zupackendsten genutzt. Als turnusmäßiger Vorsitzender der Ministerpräsidentenkonferenz konnte er sich in den ersten, langen Monaten der Pandemie immer auch als einer der bundesweit hauptverantwortlichen Politiker in Szene setzen – immer an der Seite einer Angela Merkel, die er noch kurz zuvor bekriegt hatte. Söder konnte sich als harter Hund präsentieren und die KollegInnen, auch einen Armin Laschet, als zögerliche Weicheier erscheinen lassen. Kaum ein Tag verstrich in den ganzen Pandemien-Monaten, ohne dass Söder irgendwo im Fernsehen auftrat: von Morgenmagazin bis Tagesthemen ließ er keinen Sendeplatz unbespielt, strengen Kurs fordernd gegen Corona, den Klassenprimus oder -streber gebend unter den Länderchefs und -chefinnen der Republik. Da flog Söder wieder, in der Publikumsgunst sogar dreimal so hoch wie Laschet. Ohne jeglichen Strömungsabriss diesmal – und hinauf in eine Position, die ihn offenbar auf einmal selber schwindlig machte.

Genauso wie er vor Corona mit  Berlin, mit den verwinkelten Gängen und den eigenwilligen Regeln der Politik dort nichts anfangen konnte und wollte, so hat sich Söder zuvor auch niemals ernsthaft um Rückhalt im CDU-Apparat bemüht; anders als in seiner eigenen Partei hat er bei der großen Schwester so gar kein karriereförderndes Netz an Kontakten geknüpft. Im Gegenteil: Nie hat sich Söder gescheut, CDU-Granden zu verprellen; irritierende Alleingänge blieben auch während Corona sein Markenzeichen. Systematisch Fundamente für eine Eroberung der Kanzlerkandidatur hat Söder bei der CDU niemals gelegt; nicht das war sein Ehrgeiz.

Jetzt, im Duell mit Laschet, war das auch Söders Grenze: Ihm fehlte schlicht der Rückhalt im Gefüge der CDU. So musste er jetzt recht unelegant mit dem Kopf durch die Wand. Verweisen konnte er allein auf seine Umfragewerte und – darin einem gewissen Friedrich Merz nicht unähnlich – maulen: die Basis wolle ihn ja, nur dieses seltsame „Establishment“ lege ihm Steine in den Weg. Das Establishment keilt zurück, in diesem Fall CDU-Generalsekretär Paul Ziemiak: die Union, die Republik brauche einen Kanzler der zusammenführen, der „ein Team führen“ könne. Ziemiak nannte zwar keinen Namen. Aber das war die Spitze schlechthin gegen einen Markus Söder, der seine ganze Karriere lang immer nur als „ich“ aufgetreten ist, der sich sogar in seiner bayerischen Regentschaft niemals zum Teamspieler entwickelt hat, sondern der ein alles kontrollieren, alles selbst entscheiden wollender Allein-Chef geblieben ist – und der dafür auch seine Staatskanzlei personell und fachlich so aufgebläht hat, dass sie beinahe die eigentliche Landesregierung in Bayern geworden ist.

In der CSU sagen sie schon lange, Söder raffe alles an sich, was er kriegen könne. Jetzt hat er es auch mit der Kanzlerkandidatur gemacht. Durchaus zögernd, weil er schon auch weiß, dass geographisch „da oben“ – beim Wahlvolk in Aachen, an der Waterkant, bei den „Preiss’n“ – schon zwei andere Groß-Bayern gescheitert sind, seine zwei größten Vorbilder auch noch: Franz Josef Strauß und Edmund Stoiber. Und am Ende hat er – wohl genau deswegen – aufgegeben. Die CDU hätte ihm mit vereinten Kräften den Roten Teppich ausrollen müssen; das hat sie auch infolge innerer Uneinigkeit nicht getan. So konnte Söder also nicht mit einem voll engagierten Wahlkampf zu seinen Gunsten rechnen, und er hätte sich später – falls er Kanzler geworden wäre – dauernd gegen Querschüsse enttäuschter oder eifersüchtiger Landesfürsten der großen Schwesterpartei wappnen müssen.  Und er wusste, er hätte solche Leute nicht einfach so vom Hof beißen können, wie Angela Merkel das konnte: Sie war ja Parteichefin, was Söder bei der CDU nie sein kann. Selbst wenn Söder die Wahl gewonnen hätte, wäre ihm für komfortables, handlungsfähiges Regieren nicht einmal im eigenen Lager die nötige politische Gefolgschaft für vier Jahre sicher gewesen.

Was man noch nicht weiß: Worüber haben Söder und Laschet nun eine Woche verhandelt – außer über die „Ich-oder-Du“-Frage? Welche Zusicherungen hat der eine dem anderen für einen Rückzug gegeben? Wer derzeit wie der Stärkere aussieht, ist es womöglich gar nicht. Kann sein, dass Söder bei all den Unwägbarkeiten – Akzeptanz als Bayer beim nordlichternden Wahlvolk und bei der großen Schwesterpartei – in der Tiefe seines Herzens gar nicht Kanzler werden wollte. Vielleicht hat er einfach nur das Spiel so hochgereizt und den Preis dermaßen hochgetrieben, dass letztlich er als Sieger vom Platz geht und es ihm in München egal sein kann, wer unter ihm in Berlin Kanzler ist – oder auch Kanzlerin. Denn falls die CDU mit Laschet verliert oder den aktuellen Tiefstand der Union nicht wenigstens aufbessern kann, dann bleibt Söder für immer der Umfrage-König, womöglich ein Kanzler vieler Herzen (darin liegt CSU-Generalsekretär Markus Blume womöglich nicht so ganz falsch). Und Söder wird mit dem Rückhalt seiner Landesmacht in Bayern auf jeden Fall der stärkste Unionspolitiker der Republik, an dem dann auch die nicht auszuschließende Grün-Schwarze Koalition auf Bundesebene hängt.

Wenn Söder jetzt noch, wie zugesichert, Armin Laschet „mit ganzer Kraft“ unterstützt, dann sichert auch das ihm weitere Sympathiepunkte. Und wer weiß, bei der nächsten Wahl… Immerhin ist Söder sechs Jahre jünger als Laschet; er kann warten – und hat  das größere politische Leben womöglich immer noch vor sich.

Autor und Copyright: Paul Kreiner, 20.04.2021
Bild: Urbino, Oratorio San Giovanni (Ausschnitt), ~1415

Rebell und Menschenfreund

Der große katholische Theologe Hans Küng ist tot. Damit endet auch ein jahrzehntelanger Spitzen-Zweikampf um Jesu rechte Lehre und das Wesen der Kirche. Und: Papst Franziskus hat dem Verstoßenen nach 41 Jahren Genugtuung widerfahren lassen.

Hans Küng ist tot, gestorben mit 93 Jahren am 6. April 2021. Nun steht es 1:1 in einem seit sechs Jahrzehnten laufenden Derby, das man als paradigmatisch für das Bild und den Kurs der Katholischen Kirche betrachten kann: Hans Küng auf der einen, Joseph Ratzinger auf der anderen Seite. Immer hat sich Küng im Widerstreit gesehen mit diesem anderen. Ratzinger umgekehrt wohl auch, obwohl er das im Gegensatz zu Küng nie öffentlich thematisiert hat. Und womöglich sind beide so alt geworden – Küng zuletzt 93, Ratzinger derzeit knapp 94 –, weil keiner vor dem anderen hat sterben wollen.

Küng jedenfalls hat den Rücktritt Benedikts XVI. vom Papstamt im Februar 2013 als das 1:0 für sich verbucht; es wäre ja nicht angegangen, sagte und schrieb er mehrfach und höchstens halb im Scherz, wenn Küng weg und Ratzinger noch dagewesen wäre. Ratzinger wiederum wird Küngs Tod als Punkt für sich notieren. So fern, wie man meinen könnte, liegt ihm ein solches Wettkampfdenken ja nicht. Ratzinger ist ja nicht nur der arglose, demütig-fromme Theologiegelehrte; dass er auch eitel sein und giften kann, hat er noch auf seine alten Tage bewiesen.

Hans Küng und Joseph Ratzinger – das sind zwei parallele Lebensläufe. Nahezu gleich alt, sind die beiden zum selben Zeitpunkt und bei derselben Gelegenheit, als Startheologen, als „junge Wilde“ der Kirchenreform gestartet – beim Zweiten Vatikanischen Konzil vor sechzig Jahren. Doch schon damals wurde ihr unterschiedliches Naturell deutlich: Während sich Ratzinger drinnen in die Texte und noch in die kleinsten Kommata lateinischer Dokumente vergrub, stand Küng – so beschreibt es der Ratzinger-Biograph Peter Seewald – draußen auf dem Petersplatz und erklärte in modernen Sprachen den Fernsehteams aus aller Welt, was der „Geist“ des Konzils sei und wie die katholische Kirche sich ändern müsse.

Beide wurden danach, ziemlich jung und ziemlich gleichzeitig, Universitätsprofessoren; Ratzinger wollte Küng nach Münster holen; mehr Glück hatte Küng, als er Ratzinger zu sich nach Tübingen einlud. Sie schätzten einander; ihre tiefgreifenden Unterschiede im Temperament und in den Ansichten über die Kirche aber führten bald zum Bruch. Die 68-er Studentenunruhen taten ein Übriges: Ratzinger floh aus Tübingen ins beschauliche Regensburg. Küng blieb. Und während er „das“ programmatische Buch seines Lebens schrieb, die Frontalattacke „Unfehlbar?“ aufs Papsttum, für die er Ende 1979 die kirchliche Lehrerlaubnis entzogen bekam, stieg Ratzinger – genau andersherum – fast gleichzeitig (1981) zum höchsten Hüter des Dogmas auf, zum Chef der römischen Glaubenskongregation. „Großinquisitor“, „Panzerkardinal“ schmähte ihn Küng von da an; er sprach von „Rückständigkeit und vatikanischem Größenwahn“, und als Ratzinger im April 2005 Papst wurde, nannte Küng das eine „Riesenenttäuschung“ – um gleich danach nach Rom zu schreiben und um ein Treffen mit Benedikt XVI. zu bitten. Dieser sagte ja; Folgen hatte die spätsommerliche Begegnung in Castel Gandolfo aber keine – weil all die strittigen Themen ausgeklammert worden waren.

Niemals wurde Hans Küng von der katholischen Kirche rehabilitiert. Er wollte und brauchte das auch gar nicht mehr, denn mit seinen fast durchweg Beststeller-Schriften (an der Spitze: Christ sein, Existiert Gott?, Ewiges Leben? Credo) hatte er als freier Mann ein mindestens so starkes Publikum wie Ratzinger. Und während der eine sich – schon von Amts wegen – aufs Beharren versteifte, konnte der andere einen leichteren, offeneren und trotzdem ernsthaft katholischen Glauben verkünden, einen „menschenfreundlicheren“, wie Küng selbst das nannte: „mehr Jesus, weniger Papst“, gegen einen „unbarmherzigen, geisttötenden Dogmatismus, der auf den Buchstaben schwört.“

Immer kreiste Küng um sein Zentralthema: Unfehlbar. Diesem erst 150 Jahre alten Dogma schrieb Küng fast alle Kirchenkrankheiten zu: die monarchischen und – nun ja – fast diktatorischen, zentralistischen Strukturen vom Vatikan oben bis ganz nach unten in den gesamten Klerus, die Abschottung, die Diskussionsfeindlichkeit, die Unreformierbarkeit.

Und Küngs klassische Reformforderungen, die Vorschläge also eines von der Kirche mit Lehrverbot Gebannten, sie sind heute Gemeingut der innerkirchlichen Reformbewegungen geworden, des „Synodalen Wegs“ vor allem, auf den sich die Bischöfe und die katholischen Verbände in Deutschland begeben haben: Freiheit, Gleichheit und „neutestamentliche“ Geschwisterlichkeit in der Kirche, volle Gleichberechtigung nicht zuletzt für Frauen, Abbau klerikaler Machtstrukturen und in diesem Sinne auch eine Reform des Papsttums, Wahlfreiheit für Priester zwischen Zölibat und Ehe, positive Bewertung der Sexualität, Weltbejahung und – als Gesamtslogan: „Frohbotschaft statt Drohbotschaft.“

Das Rebellische, das Anti-Autoritäre könnte Hans Küng aus dem Land geerbt haben, aus dem er kommt: aus der Schweiz. Geboren ist er am 19. März 1928 in einem Schuhgeschäft in Sursee, Kanton Luzern. Ein Häuschen mit Blick auf „seinen“ Sempachersee und aufs Alpenpanorama hat er sich dort auch behalten – als Rückzugsort zum Erholen und (bei klassischer Musik) zum Bücherschreiben: „Was brauche ich mehr?“ Priester wollte er schon sehr früh werden, deshalb ging er bereits mit zwanzig Jahren nach Rom, an die Jesuiten-Hochschule „Gregoriana“ in Rom, setzte das Studium später an der Sorbonne in Paris fort – und promovierte dort, die Bereitschaft und die Öffnung des Zweiten Vatikanischen Konzils für die Ökumene praktisch vorwegnehmend, 1957 über die Rechtfertigungslehre des evangelisch-reformierten Großtheologen Karl Barth. Schon damit wurde Küng im Vatikan auffällig: Unter der Aktennummer 399/57i legten die obersten Glaubenswächter ein Dossier über den unruhigen jungen Mann an.

Der Bischof von Rottenburg-Stuttgart, Carl Joseph Leiprecht, nahm den Unbequemen 1962, dennoch als seinen Theologie-Experten mit zum Konzil nach Rom, und ein Jahr später erhielt Küng den Lehrstuhl für Dogmatik und Ökumenischen Theologie an der Universität Tübingen. Das Grenzüberschreitende behielt er auch, als die Deutsche Bischofskonferenz dem bereits mehrfach Gerügten im Dezember 1979 auf Geheiß Roms das Lehrverbot erteilte (von dem Küng auf der Skipiste erfuhr), und er sich dem Ende seiner akademischen Karriere sehr kreativ erwehrte: Das Land Baden-Württemberg schuf extra für ihn einen von der Theologie-Fakultät und damit von amtskirchlicher Mitsprache unabhängigen Lehrstuhl – und Küng entwickelte sein zweites großes Lebenswerk: das „Projekt Weltethos.“

„Kein Friede zwischen den Völkern ohne Friede zwischen den Religionen; kein Friede zwischen den Religionen ohne Dialog; kein Dialog ohne Grundlagenarbeit“, so lautete das Motto, und Küng stürzte sich ebenso in die Erforschung aller möglichen Religionen wie in eine wortwörtlich weltumspannende Reise- und Propagandatätigkeit. 1993 verabschiedete das erst durch Küng aus hundertjährigem Schlaf geweckte „Parlament der Weltreligionen“ in Chicago eine Erklärung zu einer globalen Ethik, 2001 konnte Küng auf Einladung von Generalsekretär Kofi Annan vor der UN-Vollversammlung sprechen. Und zuletzt sah er zu seiner großen Freude einen Papst an der Kirchenspitze, der gerade im Dialog mit dem Islam, mit seiner weltumfassenden Idee der „Brüderlichkeit“, ein Konzept vorantreibt, das dem Küng’schen „Weltethos“ nicht allzu fern liegt: Franziskus.

2013 konnte der damals 85-jährige Küng dann in einem großen, auch als Buch veröffentlichten  Fernsehinterview mit Anne Will sagen: „Ich habe alle Bücher geschrieben, die ich schreiben wollte, ich habe alle Reisen gemacht, die ich machen wollte, ich bin in diesem Sinne ein glücklicher Mensch; mein Leben hat sich gerundet.“ Das war aber auch schon der lange Abend seines Lebens: Das jahrelange Leiden und das in der Demenz Dahinsterben seines engen Freundes Walter Jens hatte ihn erschüttert; Küng selber begann unter Parkinson zu leiden – er machte sich Gedanken über ein „menschenwürdiges Sterben“. Dass er – anders als Jens – den Zeitpunkt nicht verpassen wolle, an dem er in noch geistiger Freiheit selber über sein Ende bestimmen könne, sagte Küng; dass er Mitglied sei bei der Schweizer Sterbehilfe-Organisation „Exit“, und dass es Aufgabe der Kirche sei, „einem Menschen, der sterben will, hilft, gut zu sterben.“

Das aber wollte seine Kirche gerade nicht, auch unter dem „Barmherzigkeits-Papst“ Franziskus nicht. Dem, der nach eigenem Bekunden „ohne jede Angst, in ein Nichts zu fallen“, der voller Gottvertrauen, aber selbstbestimmt, gehen wollte, widersprach die Gllaubenskongregation massiv. Im September vergangenen Jahres erließ sie ein strenges Verbot für alle Gläubigen, Sterbehilfe in Anspruch zu nehmen, und untersagte – noch schlimmer – allen Geistlichen, solche Katholiken auf ihrem letzten Weg zu begleiten. Wenigstens in diesem Sinne musste Küng sich mit „seiner“ Kirche nicht mehr anlegen. Er sei, so heißt es, am Dienstag nach Ostern in seinem Tübinger Haus friedlich eingeschlafen.

Wobei: Küng, der mit seinem Gott im Reinen war, hatte just in derselben Zeit, in der die Glaubenskongregation sprach, auch seinen Frieden mit Rom gefunden. Eine förmliche Rehabilitation war auch das zwar nicht – aber in der Sache mehr als das. Auf Nachfrage durch Kardinal Walter Kasper, ob es für den schwerkranken Küng nicht „ein Zeichen der Versöhnung“ geben könnte, sagte Papst Franziskus zur ausdrücklichen Weiterleitung nach Tübingen: „Ich grüße und umarme ihn [Küng]; ich schicke ihm in der christlichen Gemeinschaft den Segen und bete für ihn.“

Für „Gemeinschaft“ verwendete  Franziskus gleich zweimal das Wort „comunione“ – und das bedeutet nicht einfach „Nähe“ oder „Verbundenheit“, sondern ist in der katholischen Theologie hinaus auch noch viel mehr: der terminus technicus für die Einheit und den Zusammenhalt, für das Wesen der Kirche. Küng bekam vom Papst damit ausdrücklich bestätigt, dass er Teil dieser Kirche war. Es war die höchste Auszeichnung – für einen Rebellen und einen großen, einen Welt-Theologen, der vielen eine hoffnungsfrohe Heimat im Glauben gegeben hat, die an der realen Kirche verzweifeln.

Autor: Paul Kreiner, 06.04.2021

Zum letzten Abschnitt siehe auch:

Starke Bilder, mürrische Papiere

Im neunten Amtsjahr von Papst Franziskus werden die inneren Widersprüche dieses Pontifikats immer deutlicher

Wo nur ist der Papst? Über diese Frage hat sich Rom, durchaus beunruhigt, an diesem Gründonnerstag den Kopf zerbrochen. Dass er den Festgottesdienst im Petersdom, das Gedenken an das Letzte Abendmahl und damit die „Ur-Messe“ der Christenheit schlechthin, ausfallen lassen würde, war nicht weiter überraschend. Das hat Franziskus schon jedes Jahr gemacht, um unter Jesu‘ Motto: „Was ihr dem Geringsten meiner Brüder getan habt…“ verschiedenen gesellschaftlichen Außenseitern die Füße zu waschen. In ganz unfeierlicher Umgebung. In Gefängnissen, Krankenhäusern, Heimen für Asylbewerber.

Dieses Jahr wusste niemand von einem „Ausflug“ dieser Art. Erst danach, am Abend, stellte sich heraus, dass Franziskus still und leise doch wieder unterwegs gewesen war, an die Grenze oder über die Grenze dessen hinaus, was ein Papst „so tut“. Er zog gewissermaßen nach Canossa, in die Privatwohnung von Angelo Becciu, um die Gründonnerstagsmesse ausgerechnet mit jenem Kardinal zu feiern, den er in einem abendlichen Zornesausbruch vor sechs Monaten gedemütigt und gefeuert hatte. Becciu war damals von der Vatikanjustiz, noch mehr aber von italienischen Medien beschuldigt worden, mehrere hundert Millionen Kirchengeld unterschlagen, verschwendet, veruntreut zu haben.

Franziskus hatte den Verdacht für begründet erachtet; er entriss  Becciu den Chefposten bei der Heiligsprechungs-Kongregation und sogar – eine extrem seltene Strafmaßnahme – das Recht, an einer künftigen Papstwahl teilzunehmen. Becciu wiederum beteuerte seine Unschuld ein einziges Mal und schwieg dann.

Zwar laufen die juristischen Ermittlungen noch, aber von den Anschuldigungen gegen den Kardinal ist wenig übriggeblieben. Und Franziskus scheint eingesehen zu haben, dass er einem hohen Mit-Geistlichen schweres Unrecht zugefügt hat. Anders lässt sich der protokollarisch geradezu unmögliche Gründonnerstags-Gang nicht erklären. 

Flankierend hatte der „Osservatore Romano“ als  offizielle Vatikan-Zeitung am selben Nachmittag auch noch ein Bild veröffentlicht, das Franziskus hinter seinem Schreibtisch hängen hat. Es zeigt Jesus, der den Verräter Judas auf den Schultern trägt wie das berühmte verlorene Lamm. „Der Skandal der Barmherzigkeit“, stand über dem Artikel daneben – und damit war signalkräftig wieder das Zentralmotiv von Papst Franziskus herausgestellt. Ohne Anspielung auf einen „Verräter“ Becciu. Aber der zeitliche Zusammenhang ist im Nachhinein nicht zu übersehen. 

Franziskus regiert mit Zeichen. Darin ist er am stärksten. Der erste Corona-Karfreitag vor einem Jahr mit den Bildern von einem Papst, der mutterseelenallein im Regen über den Petersplatz schritt und die kranke Welt mit einer Monstranz segnete, deren Gewicht er kaum tragen konnte – das hat eine kaum mehr steigerungsfähige ikonische Wirkung entfaltet. Die Papiere hingegen, die Franziskus in seinem nunmehr neunten Regierungsjahr veröffentlicht, lassen viel von der Faszination „seines“ Anfangs vermissen. Franziskus schien damals, 2013, den geraden Weg eines Reformpapstes zu beschreiten; der Papst „vom Ende der Welt“, wie er sich selbst bezeichnete, schlug ungewohnte Töne an. Heute klingt er mürrisch, starrsinnig, abweisend.

So hat der Vatikan, fünf Jahre nach Franziskus‘ tatsächlich liebevollem Rundschreiben „Amoris Laetitia“, gerade eben ein „Jahr der Familie“ begonnen – und zur Klarstellung, wer beim Feiern nicht mitgemeint ist, zerschießt die Glaubenskongregation im selben Augenblick jegliche Hoffnung von Homosexuellen, Rom könnte auch auf gleichgeschlechtliche  Verbindungen einmal freundlich blicken. Stattdessen lesen sie: „Eine Sünde kann man nicht segnen.“ Allein mit diesem Satz fällt der „Barmherzigkeits-Papst“ Franziskus zurück in eine pauschal urteilende, blanke Erbarmungslosigkeit. Denn das, was die obersten Glaubenshüter schreiben, hat er ja ausdrücklich gebilligt.

Von vergleichbarer Härte, geistlich geradezu brutal, war der Erlass vom „Guten Samariter“ (Samaritanis bonus), mit dem die Glaubenskongregation im September 2020 den katholischen Seelsorgern jedweden Beistand für Schwerkranke verboten haben, die einen Ausweg in der Sterbehilfe suchen: Priester müssen sogar den Raum verlassen, in dem ein solcher Mensch sein Leben beendet. Dieser Erlass ist nur deshalb nicht so stark aufgefallen, weil Todkranke weniger medienwirksam sind als Homosexuelle und sich kaum bemerkbar machen können.

Das Segnungsverbot für gleichgeschlechtliche Paare wiederum zielt zwar auf den „Synodalen Weg“ in Deutschland ab, bremst aber reformerisch gemeinte Kirchenversammlungen in aller Welt aus. Der Papst macht deutlich: Ehe- und Sexualmoral bleiben vermintes Terrain. Gleichzeitig aber – einer von seinen  immer zahlreicheren Widersprüchen – will Franziskus die „Synodalität“ als Prinzip auch der katholischen Kirche stärker zur Geltung bringen; in Italien befiehlt er den notorisch widerspenstigen Bischöfen sogar, eine Synode abzuhalten. Diskussionen sind also gewünscht – nur weiß bei Franziskus keiner mehr, wie weit er sie als legitim zulässt. Das meiste aus der Amazonas-Synode von 2019 hat seine Billigung gefunden, nur bei der Forderung nach verheirateten Priestern mochte er plötzlich kein Wirken des Heiligen Geistes mehr erkennen. Er lehnte ab.

So kann es nach der Aufbruchshoffnung von 2013 inzwischen mit jedem Synodenbeschluss irgendwo auf der Welt passieren: Ob eine Debatte „geistlich“ oder allzu „weltlich“ war – selbst wenn nur Bischöfe sie geführt haben –, entscheidet allein der Papst. Nach welchen Kriterien? Nach Gutdünken? Diese   Undurchschaubarkeit entmutigt alle, die auf Reformen setzen. Andererseits ist Franziskus durchaus dazu fähig, lähmend-strittige Themen abzuräumen, in Eigenregie, wenn und wann er allein es will: Der Kommunionempfang für Wiederverheiratete ist so ein Beispiel.

Bewegung und Stillstand durchdringen sich auch in der Ökumene: Franziskus hält es für legitim, dass Evangelische zur katholischen Kommunion gehen, jedenfalls nach individueller, reiflicher Gewissensentscheidung. Aber sobald sich Fachleute beider Konfessionen an eine systematische theologische Grundlage dafür machen – wie jüngst in Deutschland – schallt ihnen aus dem Vatikan ein lautes „Nein“ entgegen. Beides hat Signalwirkung für den Rest der Welt, jeweils auf seine Weise.

Unentschlossen, durch Entscheidungen seiner Vorgänger gefesselt und mutig zugleich, zeigt sich Franziskus gegenüber den Frauen. Die Priesterweihe für sie weist er zwar zurück; ob Frauen Diakoninnen werden könnten, traut er sich auch nach zwei Studienkommissionen nicht zu entscheiden. Gleichzeitig beruft Franziskus immer mehr Frauen auf ansehnliche Stellen im Vatikan, nicht nur in den theologisch unschädlichen Rat für Wirtschaft und Finanzen. Kürzlich hat er eine französische Ordensfrau, Nathalie Becquart, sogar in den geistlichen Bereich geholt und sie zur Untersekretärin der Bischofssynode gemacht. Als erste und noch einzige Frau bekommt sie  Stimmrecht in der Synodalversammlung wie sonst nur Bischöfe und Kardinäle. Widerspruch aus deren Reihen gab’s noch nicht. Eine Provokation gegenüber eingefleischtem Klerikalismus war es auf jeden Fall.

Diesem päpstlichen Mut steht Kleinmut gegenüber, Verzettelung wohl auch und Mangel an Programm: Von der umfassenden Kurienreform, die Franziskus bei seinem Amtsantritt als „vordringlich“ bezeichnet hat, ist auch nach acht Jahren noch nichts zu sehen. Das entscheidende Papier soll sich in der Begutachtung durch die Bischöfe der Welt befinden. Das kann dauern, zeigt umso mehr die Reformbedürftigkeit der katholischen Kirche – und erneuert die Frage, warum Franziskus diesen Knoten nicht einfach durchhaut. Er könnte es. Geredet ist genug.

Dazu kommen ja auch, gerade in Kurie und Vatikan, klare Verwaltungsdefizite. Die Finanzskandale sind nicht weniger geworden. An einer Reform der Reform der Reformen doktert nach Benedikt XVI. also auch Franziskus ohne dauerhafte Durchschlagskraft herum – abhängig, wie er ist, von Menschen, die man ihm in den diversen Seilschaften als kompetent empfiehlt oder die sich ihm persönlich als fromme Glieder der Kirche andienen, dann aber ihre eigenen Geschäfte machen.

Mit voller Entschlossenheit hält Franziskus offenbar nur mehr an einem Punkt fest: Am Dialog mit dem Islam. Nicht zuletzt dazu diente die Fahrt in den Irak, die einzige Reise seit Ausbruch der Corona-Pandemie, die der Papst im März gegen den Rat aller Sicherheitsexperten unternommen hat. Im Treffen mit dem Oberhaupt der irakischen Schiiten galt es offenbar etwas abzurunden, einen Weg abzuschließen in der Hoffnung, wenigstens einem Nachfolger neue Horizonte bereitzustellen.

Franziskus selbst wird die Früchte kaum mehr ernten. 84 Jahre alt ist er jetzt, amtsmüde offenbar nicht. Oder etwa doch? Ob er ans Sterben denke, wurde er kürzlich von einer argentinischen Zeitung gefragt. Ja, antwortete Franziskus. Und er werde in Rom sterben „als Papst oder als emeritierter Papst.“ Einen Rücktritt à la Benedikt XVI. schließt also auch er nicht aus. Nur eines stellt er,n klar: „Nach Argentinien kehre ich nicht zurück.“

Autor: Paul Kreiner, 02.04.2021
Copyright (kürzere Fassung): Die Presse, Wien

Verbieten geht immer

Mit dem Verbot jeglicher Segnung für homosexuelle Paare bremst der Vatikan den „Synodalen Weg“ aus. Das ist ein Signal für die ganze katholische Welt.

Eine Frage, zwei Antworten. „Darf die katholische Kirche homosexuelle Partnerschaften  segnen?“ Das wollte der Limburger Bischof Georg Bätzing von 38 Theologinnen und Theologen wissen. 32 antworteten mit Ja. „Darf die Kirche homosexuelle Partnerschaften segnen?“ fragte die vatikanische  Glaubenskongregation sich selbst – und antwortet nun mit Nein. Mehr Gegensatz lässt sich nicht denken. In dem Schreiben, das an diesem Montag (15.03.2021) erschienen ist, greift Rom gar zu jener Formulierung, die Papst Johannes Paul II. beim Verbot der Frauenpriesterweihe 1994 gebraucht hat: Die Kirche habe dazu „keine Vollmacht“. Will in fast schon dogmatischer Weise sagen: Evangelium und Lehre geben das niemals her; Schluss der Debatte.

Nun macht man in Deutschland allzu häufig den Fehler, römische Äußerungen auf die eigenen Verhältnisse zu beziehen – was eine Überheblichkeit  darstellt, denn die katholische Kirche ist sehr viel größer. Diesmal aber liegt der Zusammenhang klar zutage: In Deutschland haben sich Bischöfe und Laienverbände gemeinsam auf einen    „Synodalen Weg“ zur  Kirchenreform begeben, der in der gesamten katholischen Welt aufmerksam beobachtet wird: mit Hoffnung und Skepsis, Neid – und Feindschaft.

Zu den nicht nur deutschen Anliegen gehören Reformen bei der Sexualmoral, das Zugehen auf Menschen, deren Lebenssituation katholischerseits als „irregulär“ gilt, die sich aber ihrerseits – worüber die Kirche ja froh sein müsste – gläubig und ernsthaft um seelsorgerliche Begleitung bemühen. Wenn Rom nun die Segnung homosexueller Paare verbietet, bremst es den „Synodalen Weg“ in einem symbolkräftigen Bereich aus – und entsprechende Bestrebungen in anderen Ländern gleich auch noch. Wer die Limburger Experten-Umfrage kontert, trifft Deutschlands Kirche als ganze, denn Bischof Bätzing ist Chef der Bischofskonferenz. Nimmt man andere römische Signale hinzu, kann man nur zu dem Ergebnis kommen: das deutsche Reformprojekt ist erledigt.

Dabei redet das neue Vatikan-Dokument von Homosexuellen zunächst so freundlich wie keines vor ihm. Die obersten Glaubenshüter setzen sich sogar über die Welt-Bischofssynode von 2014 hinweg. Diese hatte damals einen Beschlussvorschlag niedergestimmt, in dem jene „gegenseitige Unterstützung bis hin zur Aufopferung“ anerkannt werden sollte, die – auch – bei   gleichgeschlechtlichen Paaren existiere. Dass es selbst in solchen, bisher untersagten Verbindungen „positive Elemente“ geben könnte, „die zu schätzen und hervorzuheben sind“, hat jetzt dennoch und immerhin Eingang in die katholische Lehre gefunden.

Aber: von seiner fixen Idee, homosexuelle Partnerschaften dienten allein dazu, widernatürliche sexuelle Akte moralisch zu legitimieren, kommt der Vatikan einfach nicht los – und auch davon nicht, dass jede auf Dauer angelegte Zweierbeziehung in leiblicher Hinsicht fruchtbar sein müsse. Weil das bei homosexuellen Partnerschaften so ja nicht geht, ist für Rom eine solche Paarung auch „nicht hingeordnet auf die in die Schöpfung eingeschriebenen Pläne Gottes.“ Als „Sünde“ darf sie den kirchlichen Segen nicht bekommen. Mit dieser Klassifizierung – dem Tiefpunkt des Dokuments – fällt die Glaubenskongregation ausgerechnet unter dem „Barmherzigkeits“-Papst Franziskus zurück in eine pauschal verurteilende, gnadenlose Erbarmungslosigkeit.

Dass die Kirche damit aber auch den Begriff der klassischen Ehe von Mann und Frau, die sie so machtvoll vor neuen Formen  schützen will, extrem verengt, fällt im Vatikan offenbar nicht auf. Dient die Ehe doch wieder nur der moralischen und formalrechtlichen Legitimation des Trieblebens? Ist ihr Zweck doch wieder allein das Kinderkriegen? Und was ist mit Liebe, mit lebenslanger Treue (schon das Versprechen zählt!), mit zeichenhafter Beständigkeit, mit gegenseitiger Bereicherung, mit geistig-geistlicher Fruchtbarkeit – auch wenn es körperlich nicht klappt? Eigentlich war man selbst im Vatikan schon weiter. Und wenn sich die Glaubenskongregation mit päpstlicher Billigung (!) nun fast genau fünf Jahre nach „Amoris Laetitia“ so barsch zu Wort meldet, dann bedeutet das ja auch etwas. Nichts Gutes.

Franziskus hat beim Amtsantritt vor acht Jahren andere Signale gesetzt – oder sich zumindest deren hoffnungsfroher Deutung nicht verwehrt. Immer stärker zeigt sich, und er sagt das auch: die Lehre als solche will er nicht antasten. Und wenn ein anderer als er versucht, Signale zu setzen und voranzugehen, dann wird verboten. Wie immer schon in Rom.

Autor: Paul Kreiner, 17.03.2021
Copyright (für kürzere Fassung): Stuttgarter Nachrichten

Die Gerechtigkeit fällt aus

Die italienische Nachrichtenagentur ANSA meldet heute (28.02.2021) den Tod der letzten beiden Nazi-Kriegsverbrecher, die wegen Gräueln gegen die Zivilbevölkerung und gegen Gefangene in der Toskana und auf der Insel Kefalonia zu lebenslang verurteilt worden waren. Deutschland hat diese Männer nie ausgeliefert; sie blieben also zeitlebens vor Strafe verschont. Hier zunächst der ANSA-Artikel in der deutschen Fassung von Radio RAI-Südtirol:

https://www.rainews.it/tgr/tagesschau/articoli/2021/02/tag-italiens-verurteilte-nazikriegsverbrecher-tot-seifert-stork-stark-priebke-40292b67-38e0-4ce3-bb07-b3f706d2ad32.html?wt_mc

… und hier meine Reportage über die italienischen Ermittlungen und die viel zu spät eingeleiteten Prozesse, geschrieben im März 2007, unter dem Titel: „Gerechtigkeit? Nach sechzig Jahren?“

VORSPANN: Vier Jahre lang haben Marco De Paolis und Roberto D’Elia Hand in Hand gearbeitet. Jetzt glauben sie, am Ziel zu sein: Sie haben den Opfern der SS-Massaker in Italien Gerechtigkeit verschafft – soweit dies nach 60 Jahren noch möglich war.

HAUPTTEXT: Als Mitte Januar 2007 die zehn „Lebenslänglich“ gegen die Schlächter von Marzabotto ergangen waren, da war die größte Arbeit getan, und Roberto D’Elia verschwand in den Urlaub. „Ich habe die Telefone ausgeschaltet, kein Fernsehen mehr geschaut und mich voll in den Orient gestürzt. Es war wunderschön. Und ich brauchte das.“

Zwei Monate später ist der Oberst der italienischen Gebirgsjäger zurück in der Kaserne von Bozen. Jetzt hat er Abstand, jetzt kann er wieder reden. Jetzt lässt er diese vier Jahre Revue passieren, diese „unglaublichen Dinge“: „Zuvor war ich bei der Kripo in der Lombardei; da hatte ich schon alles mögliche gesehen, brutale Morde, herausgeschossene Gehirne auf dem Boden. Aber die  Alpträume, die habe ich erst bekommen, als ich die Akten über die SS-Verbrechen 1944 in Italien las.“

Das waren Massaker, sagt der 56jährige, durchtrainierte, hochgewachsene Offizier, „die nenne ich nicht mal mehr unmenschlich, weil ich den Begriff ,menschlich’ in diesem Zusammenhang nicht gebrauchen will; sie waren nicht mal mehr tierisch, weil ein Tier nicht einfach aus Lust tötet, sondern aus Hunger. Diese Verbrechen waren – ja was? Wenn einer Frauen, Kinder und alte Leute mit dem MG zusammenschießt, und dann, wenn sich aus dem Haufen ein Fünfjähriger befreien kann, diesem eigens nachrennt, um ihn auch noch zu erschießen – wie würden Sie das nennen? Oder wenn einer ein Neugeborenes in die Luft wirft und darauf ballert? Oder wenn einer den Bauch einer Schwangeren aufschlitzt?“

Knapp 300 Kilometer südwestlich von Bozen, in La Spezia, sitzt Marco De Paolis in einem Büro, das ähnlich düster ist wie die Kaserne von Roberto D’Elia. Nur hängen hier keine kernig-martialischen Militärfotos an der Wand, sondern Bilder und Modelle von Segelschiffen. La Spezia liegt am Meer, und wenn der 48jährige, elegante Militärstaatsanwalt Abstand braucht, dann geht er segeln.

De Paolis beschäftigt sich seit elf Jahren mit den Kriegsverbrechen der deutschen Truppen in Italien. Die Akten zwar, die Zeugenaussagen, die Vernehmungsprotokolle, die existierten schon vorher. Aber fünf Jahrzehnte lang waren sie weggeschlossen. Italien und die Alliierten hatten schon bald nach dem Zweiten Weltkrieg kein Interesse mehr daran gehabt, Nazis zu verfolgen. Ein paar wenigen Anführern – Walter Reder, Herbert Kappler – machte man den Prozess; ihre Helfer blieben unbehelligt. „Die Justiz aber“, sagt De Paolis, „kann nicht bei den Kommandierenden Halt machen. Ohne ihre Mitarbeiter hätten die nichts zuwege gebracht.“

Als Mitte der neunziger Jahre dann der „Schrank der Schande“ geöffnet wurde, und Akten um Akten herausquollen, war nur noch einer von zehn Beschuldigten am Leben, und um zumindest sie – „im Interesse der Opfer und der Angehörigen, die sich die ganze Zeit allein gelassen sahen“ – vor Gericht zu bringen, musste sich De Paolis beeilen. Er holte  Hilfe in Südtirol: Um Roberto D’Elia herum entstand ein Pool von zwölf perfekt zweisprachigen Ermittlern.

Vier  Jahre arbeiteten D’Elias Männer ausschließlich an diesen Nazi-Verbrechen. Sie spürten die Verdächtigen in Deutschland und Österreich auf, verhörten sie, durchsuchten ihre Häuser. Sie sprachen mit den Überlebenden in Italien, sahen sich gezwungen – so D’Elia –, „alte Wunden aufzureißen bei Leuten, die als kleine Kinder ihre ganze Familie, ihr Haus, ihr Dorf verloren haben und die diese Erlebnisse bis heute Bild für Bild eingebrannt tragen in ihren Köpfen“.

Regional waren diese Ermittler zuständig für alle Kriegsverbrechen, die im mittleren Italien geschahen, in der Toskana, im Apennin, in der Emilia Romagna; genau dort aber hatten die Deutschen 1944/45 auf dem Rückzug vor den Alliierten und im Kampf mit einheimischen Partisanen besonders gewütet. „Wir waren Heinrich Himmlers rasendes Kommando“, brüstete sich noch vor wenigen Jahren ein Angehöriger der 16. Panzergrenadierdivision „Reichsführer SS“. Und wo deren 12.000 Mann keine Partisanen fanden, da schossen sie auf alles, was sich bewegte. Marzabotto, südlich von Bologna, und das Bergdorf Sant’ Anna di Stazzema über dem Marmorort Carrara, das waren nur die zwei grellsten Flammen eines Flächenbrandes, der zehn- bis fünfzehntausend Zivilisten erstickte.

De Paolis wie D’Elia, beide loben die Zusammenarbeit mit den deutschen Behörden, mit Bundeskriminalamt, mit Staatsanwälten, mit Polizei und Archiven: optimal sei sie gewesen, exzellent. Bürokratische Abläufe, die in grenzüberschreitenden Ermittlungen immer noch Monate dauerten, habe man binnen weniger Tage erledigt. Und die Hilfsbereitschaft der österreichischen Behörden? Oberst D’Elia zuckt mit den Schultern, lächelt verlegen: „Ich sage nur, die Zusammenarbeit mit den deutschen war exzellent.“

Trotzdem: Einige der heute hochbetagten Beschuldigten starben, bevor sie zur Rechenschaft gezogen werden konnten. Der frühere SPD–Bundestagsabgeordnete Klaus Konrad zum Beispiel. Er war für ein Massaker in San Polo bei Arezzo angeklagt. „Ich habe sein Haus durchsucht“, sagt D’Elia: „Da fand ich, schön versteckt, eine Reihe von Urkunden, vom Führer persönlich unterschrieben. Wir wussten, dass Konrad am fraglichen Tag in San Polo war. Frauen, Mädchen, ja sogar der Ortspfarrer haben ihn um Gnade angefleht. Wir wussten von daher, dass er gut Italienisch sprach. Er selbst hat immer das Gegenteil behauptet. Dann haben wir, mit Fotos, die entsprechenden Teilnehmer-Ausweise gefunden: Konrad hat in den vierziger Jahren in Berlin italienische Sprachkurse besucht.“

Auf die Spur so mancher Verdächtiger sind D’Elias Leute nur durch kleinste Details gekommen: „Einer von denen hat einem toskanischen Mädchen seine Heimatadresse aufgeschrieben und versprochen: Du musst keine Angst haben; wir haben es ja nur auf die Besitzer der Villa da oben abgesehen.“ D’Elia macht eine kurze Pause: „Das Mädchen war die Tochter dieses Besitzers.“

Als  die Ermittler dann kürzlich an der Haustür des Beschuldigten klingelten, „da war es einer von denen, die sich angeblich an nichts erinnern konnten. Dann haben wir ihm den Zettel gezeigt. Ja, hat er gesagt, das ist meine Handschrift, das war die Adresse meines Vaters. Wo haben Sie das nur gefunden?“

Andere Beschuldigte reagierten weniger perplex. „Ha, da gab’s welche, die haben vor uns Nazilieder gesungen und gesagt, wenn die Heimat sie wieder riefe, dann wären sie wieder genauso dabei wie damals“, erzählt D’Elia. „Einer hat sich genau am Abend vor unserer Ankunft ins Krankenhaus einliefern lassen und war nicht zu sprechen. Ein anderer hat uns und die deutsche Staatsanwältin, die beim Verhör dabei war, gesagt: Sie beleidigen mich mit ihren Fragen. Dann ist er aufgestanden und gegangen.“

Und immer, sagt D’Elia, hätten sie das Echo der „Buschtrommeln“ gehört: „Diese Männer stehen untereinander im Kontakt; es sind nicht diese harmlosen alten Leutchen, als die man sie heute gelegentlich hinstellt. Ihre Hilfs- und Kameradennetze funktionieren gut.“ Wie gut, das hat der Oberst am eigenen Leib mitbekommen: Es haben ihn Drohbriefe erreicht, aber nicht an seinem offiziellen Wohnsitz, „sondern an jener Adresse innerhalb des Kasernengeländes, wo ich mich aus Sicherheitsgründen mit meiner Familie aufhalte. Diese Adresse kennen eigentlich nur meine engsten Mitarbeiter.“

Das „Tam-Tam“ der Buschtrommeln hat aber auch die Ermittlungen beeinträchtigt: „Immer wenn wir an einem Komplex zu arbeiten begonnen haben, senkte sich um die Verdächtigen der Vorhang des Schweigens.“ Deswegen sind die Italiener auch unglücklich darüber, dass die Ludwigsburger Zentralstelle für die Verfolgung von NS-Verbrechen einen der letzten „hoch interessanten“ und vor allem spektakulären Fälle bereits an die Presse gegeben hat: den Mordanschlag – in der Gegend von Florenz – auf die jüdische Familie Einstein, engen Verwandten des berühmten Physikers. „Es sieht jetzt so aus, als hätte Ludwigsburg seine Akte geöffnet“, sagt der Oberst: „Dabei waren wir es. Und die Veröffentlichung zu diesem frühen Zeitpunkt ist keine Sache, die uns hilft.“

D’Elia erzählt von tragischen Fällen. Von einer Frau, die unbedingt bei der Zeugen-Vernehmung ihres Mannes dabei sein wollte, „um zu sehen, ob sie wirklich sechzig Jahre an der Seite eines Monsters gelebt und mit ihm Kinder gemacht hat. Wir konnten sie beruhigen, wir wussten, dass der Mann vor dem Massaker in Sant’Anna verletzt worden war und nicht teilgenommen hatte. Dann hat er uns gesagt: ,Dieser Bauchschuss damals hat mir -zig Operationen und Krankenhausaufenthalte eingetragen. Zeitlebens habe ich diese Wunde verflucht! Heute segne ich sie. Sonst wäre ich mit den anderen in Sant’Anna gewesen und hätte das gleiche getan wie sie.’“ Und dann, sagt D’Elia, „haben seine Frau und er sich umarmt und nur noch geweint.“

Selbstkritik haben die italienischen Ermittler eher wenig vorgefunden. Ein einziger, „bei dem haben wir gespürt, er will reden. Dann sind wir ein zweites Mal hin, ein drittes Mal, dann hat er uns gesagt: ,Ich kann nicht mehr. Ich sehe jetzt immer wieder die Bilder von damals, Tag und Nacht.’ Dann hat er erzählt, dass auf dem Kirchplatz von Sant’Anna, wo 560 Zivilisten erschossen wurden, tatsächlich er das Maschinengewehr aufgebaut hat. Er war der einzige, der sich in einem Brief ans Militärtribunal und an die Überlebenden zu dieser Schuld bekannt hat. Angereist ist aber auch er nicht.“

Keiner von diesen Männern, so fährt D’Elia fort, habe sich wirklich geöffnet: „Ich kann ja alles verstehen, nicht aber, dass diese Leute nicht nachzudenken bereit sind. Ich hätte jedem von ihnen sagen wollen, du bist über achtzig Jahre alt, du weißt, du wirst auch bei einer Verurteilung in kein Gefängnis mehr kommen, du hast jetzt die Chance, dich am Ende deines Lebens von dieser Last zu befreien. Aber nichts ist passiert. Nichts. Ich hätte diesen Leuten sagen wollen, wenn du schon für dich selber nicht reden willst, dann tu’s wenigstens für die jungen Generationen, dass sie nicht wieder in den selben Irrtum geraten wie du damals. Der Keim ist ja immer noch lebendig. Diese Leute hätten reden können. Aber… nichts. Nichts.“

Mittlerweile sind die großen Prozesse in La Spezia abgeschlossen. Militärstaatsanwalt De Paolis bereitet noch ein paar kleinere vor; doch auch mit ihnen will er dieses Jahr zu Ende kommen. Zufrieden? „Ja“, sagt er. „Trotz der nach sechzig Jahren schwierigen Beweislage haben meine Anklagen im wesentlichen vor den Tribunalen standgehalten. Das war vor allem im Hinblick auf die Verwandten der Opfer und die Überlebenden eine moralische Genugtuung.“

Aber gibt es nicht auch in Italien Stimmen, nach sechzig Jahren seien solche Prozesse unsinnig, man solle diese alten Männer in Ruhe sterben lassen? „Ich weiß nicht“, meint De Paolis, „wie man so etwas den Hinterbliebenen von damals erklären sollte, die alles verloren haben, die all das im Stillen ausgehalten haben und deren Glauben an die Gerechtigkeit schon matt wurde. Diese Gerechtigkeit muss man ihnen verschaffen.“

Roberto D’Elia in Bozen sagt, am meisten habe ihn beeindruckt, dass von den Angehörigen der Opfer und von den Überlebenden, „von diesen einfachen Bauern, Hirten, Arbeitern nie auch nur ein Ruf nach Rache oder ein Wort von Hass zu hören“ gewesen sei: „Niemals, niemals, niemals.“

„Und ich habe in La Spezia die Gesichter dieser Leute beobachtet. Vor den Prozessen waren sie gequält, nach den Urteilen waren sie offen, frei. Da war ein anderes Licht in ihren Augen. Da hatte sich für sie nach sechzig Jahren ein Kreis geschlossen. Und sie haben geweint, ein großes befreiendes Weinen.“ Allein dafür, schließt D’Elia, „hat sich die Mühe gelohnt.“

Autor: Paul Kreiner, 17.03.2007
Copyright: Stuttgarter Zeitung, Der Tagesspiegel
P.S. Rechtskräftig wurden die Urteile gegen die Schlächter von Sant’Anna di Stazzema durch eine Entscheidung des Obersten Italienischen Gerichtshofs am 08.11.2007

 

Donau so blau, so blau…

Heute, am 15. Februar 2021, feiert der Donauwalzer Geburtstag. Seinen 154. Was das mit Corona / COVID19 zu tun hat? Hier ganz kurz die Geschichte:

Wie heute, so war auch 1867 – und das im tanzverrückten Wien!!! – Fasching / Karneval fast komplett abgesagt. Österreich hatte den Krieg gegen Preußen verloren (Schlacht von Königgrätz!). Schock und Trauer über die unzähligen Gefallenen ließen jedweden Ball unangebracht erscheinen. Johann Strauß (der Sohn) komponierte trotzdem – und führte am 15. Februar 1867 seinen Donauwalzer im kleinen Kreis erstmals auf.

Heute spricht keiner mehr über den abgesagten Fasching von damals. Der Donauwalzer aber als – zunächst – Trauerbewältigung hat überdauert: Nationalhymne der Herzen in Österreich, musikalische Weltliteratur. Am besten gleich nochmal anhören. Volle Dröhnung, wenn’s geht. Hilft immer noch.

Und weil es gerade so schön passt, hier noch ein älterer Text von mir zu Johann Strauß und seiner geradezu industriellen Wiener Walzermaschine:

Geschäft mit dem Dreivierteltakt

Wien ehrt Johann Strauß – wie könnt’s anders sein?

Silvester, Schlag Mitternacht. Da ist er, auf den sie alle gewartet haben, alle Jahre wieder: der berühmteste Dreiklang der Welt. Aus dem Dunkel, so leise, so majestätisch, als breite ein riesiger Eulenvogel seine Schwingen aus, so versucht sich die Melodie über den Boden zu erheben. Mit zwei Schlägen schiebt das Orchester an, nochmal zwei und nochmal zwei, es fügt sich der Dreivierteltakt. Neuer Flügelschlag, noch einer, und schon ist alle Erdenschwere abgeschüttelt – und eine ganze Nation fliegt dahin im Rauschen ihres Donauwalzers.

  Das ist Jahresanfang à la Wien. Innigkeit und Klischee durchdringen sich zu der -wenigstens für den Augenblick – liebenswürdigsten Melange der Welt. Kein Silvesterball kommt ohne Donauwalzer aus, keine Diskothek, und auch der Rundfunk spielt in den ersten Minuten jedes Jahres das Stück, das praktisch seit seiner Entstehung 1867 als Österreichs inoffizielle Nationalhymne gilt.

Der Donauwalzer, ‚‚An der schönen blauen Donau’’, wie er vollständig heißt, war auch das Sterbelied für seinen Komponisten. Nichts Besseres konnte dem Orchester im Wiener Volksgarten einfallen, als sich am Nachmittag des 3. Juni 1899 die Kunde verbreitete, Johann Strauß sei seiner Lungenentzündung erlegen. Aus der geziemenden Stille der Gedenkminuten hob sich erst melancholisch, dann wirbelnd genau diese Melodie. Ein Totentanz; kein mittelalterlicher mit Sensenmann, sondern ein wienerischer. Wegkomponiert der Tod. Alles Walzer.

Johann Strauß gibt es vielfach freimütig zu: aus den Selbstzweifeln und Depressionen, von denen der persönlich gar nicht fröhliche, sondern menschenscheue, miesepetrige, ängstliche, eitle, jedem Sonnenstrahl abholde Workaholic und Stubenhocker immer wieder heimgesucht wird, flüchtet er ins Komponieren von Walzern und Polkas. Da ist Strauß in seinem Element. Der Griff nach dem ‚‚ernsten’’ Genre glückt ihm nicht. Erstens drängt, ja zwingt ihn das Publikum geradezu, bei seinem Leisten zu bleiben. Und Strauß, Geschäftsmann und Vermarktungsgenie von hohen Graden, schreibt zwar mit zunehmendem Alter immer abfälliger über seine ‚‚gemeine Dudelei’’, verzichtet aber auf nachhaltiges Widerstreben.

Zweitens drängen sich ihm, was immer er komponiert, die Tanzmelodien auf. Sogar bei der Arbeit am ‚‚Ritter Pásmán’’, seiner einzigen ernsten Oper, ist ihm ‚‚so ein verfluchter Hauer von einem Walzer wie ein Blitz durch den Schädel’’ gefahren, ‚‚der bei seiner Gemüthlichkeit eine unverschämte (musikalische) Keckheit entwickelt. Als er entstanden, fluchte ich und dachte: Saukerl, dich kann ich jetzt nicht brauchen.’’

  Eine ungeheure Tanzlust hatte in Österreich um sich gegriffen seit Kaiser Joseph II. seinem Land eine nüchtern-rationale Aufklärung verordnete. 1814/15 dann tanzte der Wiener Kongreß, und selbst die blutig niedergeschlagene Revolution 1848 und die bleierne politische Stille danach konnten dieser Sucht nichts anhaben. Säle sind gebaut worden, groß wie die Schleyerhalle in Stuttgart, mit Platz für achttausend Menschen. Und doch war an richtiges Tanzen oft gar nicht zu denken: Die Zuhörer standen einander auch ohne Bewegung auf den Füßen.

Gerade vom Walzer, dem aus dem Ländler hervorgegangenen Modetanz der Zeit, muß eine ebenso erotisierende wie rauschhafte Wirkung ausgegangen sein. Als ‚‚bacchantische Lust verbreitend’’, als ‚‚füßebeflügelnd, athembeklemmend, wangenrotfärbend, busenhochschwingend’’ wird schon die Musik von Vater Strauß beschrieben, ‚‚und Strauß Sohn verspricht die Geige so zu streichen, daß selbst die Sträußchen im Busen der Damen zu tanzen anfangen’’, heißt es 1845 in der Postille ‚‚Der Humorist’’.

Karl Freiherr von Reichenbach, der Inhaber des später durch einen eigenen Walzer geehrten Lokals Krapfenwaldl, hat bei einer Umfrage festgestellt, daß seine Gäste die dem Walzer zugeschriebene ‚‚vollständige Perturbation’’ aller Empfindungen, diese ‚‚eigenthümlich krankhafte Verstimmung des Nervensystems’’ geradezu herbeisehnen und suchen. Gefällt ein Werk, wird fünf-, sechs-, siebenmal nach Wiederholung verlangt. Die Strauß-Walzer seien für die Wiener ‚‚zur Religion geworden’’, befindetein Zeitgenosse 1877. Eine Art Droge würde man das in der Sprache unseres Jahrhunderts nennen. Genauere Auskunft könnte heute vielleicht die Fangemeinde von Michael Jackson geben.

  Eingeschleppt hatten den Walzervirus die Brüder Scholl und Michael Pamer, heute weitgehend vergessene Leute. Sie brachten den volkstümlichen Ländler in die Stadt, schliffen den bäuerlichen Hüpftanz fürs glattbürgerliche Parkett zurecht. In Pamers Ensemble wiederum lernten zwei Musiker, denen nachher die Explosion der Krankheit zu verdanken ist: Joseph Lanner und Johann Strauß – ‚‚Strauß Vater’’, wie dieser sich von 1844 an einschränkend nennen muß, da er nun nicht mehr der einzige jenes Namens ist.

  Der alte Strauß, Sproß eines Vorstadt-Schankwirts jüdischer Abstammung (diesen Vermerk tilgten die Nazis später aus dem Melderegister), hat den eigentlichen Wiener Walzer entwickelt. Lanner blieb eher dessen ländlichen Wurzeln treu. Und vom Jahr 1819 an, in dem beide mit eigenem Orchester auftraten, spaltete sich tout Wien in zwei Lager: in ‚‚Lannerianer’’ und in ‚‚Straußianer’’. Von Strauß Vater stammen die wichtigsten Formelemente des neuen Walzers, die kompositorischen Tricks, die Vielfalt der rhythmischen Effekte – und vor allen Dingen ein unglaublicher Reichtum an Melodien. Der Sohn bediente sich später geschäftstüchtig, ungeniert und ausgiebig aus diesem Schatz.

Strauß Vater hat auch den modernen Typ des Unterhaltungskomponisten begründet, zur geradezu industriellen Ausnützung der Ressourcen – wie man heute sagen würde – jenes kompositorische Teamwork eingeführt, das ihm sein Sohn nachher so erfolgreich abgeschaut hat: Der Herr Compositeur erdachte dabei nur die Hauptmelodie, hielt mit Bleistift höchstens Baß, Rhythmus, Harmonieführung fest. Den Rest überließ er professionellen Arrangeuren – und hielt sie kurz, damit ihnen der Erfolg ihres Ghostwritertums nicht zu Kopf stieg. So strich Strauß Sohn 1871 für seine erste Operette (‚‚Indigo und die vierzig Räuber’’) 26000 Gulden ein; den Kapellmeister und Komponierhelfer Richard Genée fand er mit 300 Gulden ab.

Johann Strauß Vater war es, der das Showdirigieren perfektioniert hat. 1828 kommt der ‚‚Teufelsgeiger’’ Niccolò Paganini in die Stadt; die Massen strömen ihm zu, die Damen der Gesellschaft erleiden (?) die üblichen Ohnmachtsanfälle – und am nächsten Tag schlachtet Strauß den Melodienreigen Paganinis für eigene Zwecke aus, übersetzt in den Dreivierteltakt, bringt, was vorher nur die High Society in der Hofburg hören konnte, in sein bürgerliches Lokal Zu den zwey Täuberln – und führt als Stehgeiger mit seinen Paganini-Verrenkungen eine kabarettistische Show ohnegleichen auf. Ein gewisser Richard Wagner jubelt (tatsächlich: Wagner jubelt) über die ‚‚an Raserei grenzende Begeisterung des wunderlichen Johann Strauß’’: ‚‚Dieser Dämon des musikalischen Volksgeistes erzitterte beim Beginn eines neuen Walzers wie eine Pythia auf ihrem Dreifuß, und ein wahres Wonnegewieher des berauschten Auditoriums trieb die Begeisterung des zauberischen Vorgeigers auf eine für mich fast beängstigende Höhe.’’

  Zum eitel gepflegten Star-und-Show-Rummel gehören auch die Konzertreisen, die Strauß Vater als erster Komponist mit eigenem Orchester unternimmt. Dabei ist Strauß bis zu fünfzehn Monate unterwegs. Ob Pest, Amsterdam, Berlin oder London, die Welt wirbelt mit ‚‚Wonnegewieher’’ im Wiener Walzer. Selbst so ernste Komponisten wie Schumann, Liszt, Mendelssohn oder Berlioz zollen Anerkennung. Der Ruhm ist also gesichert, der Weg für den Sohn längst gebahnt, als der sich in die Welt hinauswagt – und bis in die USA gerät. Wobei gerade der monströse Auftritt dort an Strauß’ panischer Reiseangst beinahe gescheitert wäre: ‚‚Und wenn mi Ihnere Indianer massakern?’’ fragt er bange beim Konzertagenten in Boston an.

  In die USA ist Strauß Vater zwar nicht gekommen, aber sonst bewegt sich der Sohn bis zu seinem Einstieg ins Operettengeschäft praktisch nur in Gefilden, in denen Vater Strauß schon war. Er hat geerbt. Und er arbeitet sich zeitlebens an seinem großen, strengen Vater ab. Vom ‚‚Kronprinzendilemma’’ hat man schon gesprochen. Es fing an mit dem väterlichen Verbot, Berufsmusiker zu werden. Klavier durfte der kleine ‚‚Schani’’ lernen, und der Vater sah es sogar mit Wohlgefallen, wie seine drei Söhne ihm gemeinsam die Walzermelodien ablauschten. ‚‚Buben’’, brummte er anerkennend, als sie ihm ihre Virtuosität einmal auf den Tasten vorführten: ‚‚Buben, das spielt euch niemand nach.’’ Aber wehe, jung Strauß griff zur Geige! Da witterte der Vater Konkurrenz, fühlte sich vom Walzerthron gestoßen.

  In der Tat, nach dem Tod seines Rivalen Lanner war dem Vater nur ein Jahr der Alleinherrschaft vergönnt. 1844 war ‚‚Schani’’ da. Der Achtzehnjährige hatte sich ein eigenes Ensemble zusammengesucht, stellte wie sein Vater, der ‚‚Walzer-Tirann’’, extrem hohe Qualitäts- und Disziplinansprüche an sein Orchester und lud bereits nach einer Woche Vorlauf für den 15. Oktober zu einer ‚‚Soirée dansante’’ ins Casino Dommayer. Das liegt in Hietzing, in einer Vorstadt gewissermaßen, aber in einer noblen: Direkt neben dem Dommayer befindet sich Schloß Schönbrunn, Wohnort der kaiserlichen Familie. Vom ersten Tag an meldet ‚‚Johann Strauß (Sohn)’’, wie er sich selbstbewußt auf den Plakaten nennt, seine Ansprüche an. Und anders als sein Bruder Eduard, dessen erste Komposition später unter Pseudonym vorgeführt wird, hält es Johann zu keinem Zeitpunkt für nötig, unter falscher Flagge zu fahren.

  Vom ersten Tag an ist ihm der Beifall gewiß: ‚‚Der Sohn fühlt das Blut des Vaters electrisch in seinen Adern rollen. Der junge Director, der zugleich als Compositeur auftrat, wurde mit rauschenden Zeichen des Wohlwollens begrüßt; seine Compositionen, Gunstwerber-Walzer’, ,Quadrille’, ,Polka’ und ,Sinngedicht-Walzer’, letzterer im vorzüglichen Maße, hatten sich des lebhaftesten Beifalls zu erfreuen.’’ Kann eine Konzertkritik jemals besser ausfallen als jene aus der Wiener ‚‚Theaterzeitung’’?

Der Sohn kam aber auch deshalb so gut weg, weil er einige der beliebtesten Kompositionen seines Vaters erklingen ließ. Auch das wußte er vom ersten Tage an: wie er sich beim Publikum einschmeicheln konnte.

Vater und Sohn lieferten sich in der Folge einen fünfjährigen ‚‚hitzigen Gottesgerichtskampf’’, wie es ein deutscher Journalist damals formulierte. Dabei griffen sie auch zu unlauteren Methoden. Während der Vater dem Sohn zur Last legte, tendenziöse Zeitungsartikel bestellt zu haben, überreichte er höchstselbst ‚‚ergebenst beykommende Kleinigkeit’’ an bedeutende Redakteure oder schrieb: ‚‚…beeile ich mich nach Kräften Ihnen dienen zu wollen, wenn anders die Summe von 150 Gulden Ihnen convenirt.’’

Am 25. September 1849 stirbt der Vater, und der Sohn hat den Kampf gewonnen – bis heute. Denn nun, da sich der Tod des Vaters zum hundertfünfzigsten, der des Sohnes zum hundertsten Mal und der Todestag des mit den beiden weder verwandten noch verschwägerten Richard Strauss zum fünfzigsten Mal jährt – da kündigt Wien zwar ein ‚‚Fest für die drei Sträusse’’ an, erinnert aber fast nur an seinen ‚‚Schani’’.

Walzerseligkeit läßt sich als eine über Jahrzehnte währende Verdrängung deuten. Nicht umsonst verzichten Strauß-Biographien weitgehend auf eine Betrachtung der allgemeinen Zeitgeschichte: es gibt zwischen ihr und dem ‚‚Walzerkönig’’ so wenig Bezüge. Gewiß, jung Strauß hatte 1848 einen ‚‚Revolutionsmarsch’’ ersonnen und die Marseillaise gespielt – wie gesagt: er tat, was die Leute verlangten. Das kostete ihn einen langen Kampf mit dem Kaiserhaus: Schließlich wollte Schani auch den väterlichen Titel des ‚‚k. k. Hofballmusikdirektors’’ erben.

Im übrigen sieht es so aus, als hätten sich der Walzer und Österreichs restliche Geschichte wie zwei Welten nebeneinanderher gedreht. Das ‚‚Erzhaus’’ Habsburg zerbröselte, die kapriziöse Kaiserin Elisabeth, ‚‚Sisi’’, starb ihren Tod auf Raten; im Jagdschloß Mayerling erschoß sich Kronprinz Rudolf zusammen mit seiner Geliebten Mary Vetsera. Die Donaumonarchie fiel auseinander, dem Vielvölkerreich wurden die aufkommenden Nationalismen zum Verhängnis. Die k. k. Regierungen kamen über ihre berühmte Politik des ‚‚Fortwurstelns’’ nicht hinaus.

Gigantische Schlachten waren verloren worden, Solferino 1859 und Königgrätz 1866, wo Österreichs Soldaten – nach dem Urteil eines Zeitgenossen ‚‚ein Heer von Löwen, von Eseln angeführt’’ – zu Zehntausenden als Kanonenfutter mißbraucht wurden. Österreichs Politiker hatten vom Fortschritt in der Rüstungstechnik nichts wissen wollen und ihre Truppen mit veralteten Gewehren gegen die Preußen gejagt. Aber sie hatten Musikkapellen aufs Schlachtfeld mitgenommen. Und die spielten – den Radetzkymarsch von Johann Strauß Vater. Den Donauwalzer schrieb Strauß Sohn im Jahr eins nach Königgrätz.

Es folgte die Zeit, in der Wien seine Bastionen schleifte und in die sündteuren Bauten der Ringstraße ganze Heerscharen von Architekten und Künstlern zogen. Wie eine Schere gingen Verfall und Aufbau ineinander. Wien löste sich in den letzten Jahrzehnten der Habsburgermonarchie endgültig von seiner Umgebung ab, prägte in einem sonderbaren spätherbstlichen Blütenfest sein eigenes Gesicht und schuf sich seinen bis heute nostalgisch gepflegten, speziellen Kult.

  Den ‚‚Modergeruch’’, der sich damals ‚‚in den Rosenduft mischte’’, habe der Durchschnittsbürger gar nicht wahrgenommen, schreibt der Historiker Stephan Vajda; von der ‚‚peinlichen Unsicherheit’’, die später der Jugendstil-Architekt Otto Wagner den Zeitgenossen attestierte, war nichts zu bemerken: ‚‚Es war ein fröhliches Fest, mit Militärparaden und Blumenkorsos, mit Galakonzerten, Redouten und Umzügen, mit Hof-, Masken-, Bürger-, Fiaker- und Wäschermädelbällen, mit Pratergaudi und Heurigenseligkeit, mit Nobeltee und Wohltätigkeitsbasar, mit Theaterpremieren, Pferderennen und Fußballspiel. Das Leben schien materiell weitgehend gesichert; man genoß die Gegenwart und plante gemächlich die Zukunft: den Aufstieg in eine höhere Gehaltsklasse, die Vergrößerung des Geschäfts, die vorteilhafte Heirat der Kinder, den Lebensabend am Stammtisch, die schöne Seelenmesse und den teuren Grabstein an einem ruhigen Platzerl auf dem Lieblingsfriedhof.’’ Fehlte eigentlich nur noch die Möglichkeit zum Probeliegen.

‚Jean’’, ‚‚Giovanni’’ oder ‚‚Schani’’ Strauß, je nachdem, ob man den Weltenbürger meint oder den Wiener, war exakt ein Kind dieser Epoche. Von seinem Debüt im Dommayer an, vom neunzehnten Lebensjahr bis zu seinem Tod, stand der Künstler fünfundfünfzig Jahre auf der Bühne. Und während manch hitziger Saison dirigierte der passionierte Nichttänzer sogar bei fünf oder sechs Bällen pro Abend.

  Mit seinen Brüdern Josef und Eduard betrieb er zu besserer Vermarktung des Markennamens ‚‚Strauß’’ eine ‚‚Concert-Unternehmung’’; zu deren ‚‚Monstre-Bällen’’ mit drei Orchestern steuerten alle ihre Melodien bei. Und im Hintergrund wirkten die Frauen: die Mutter Anna Strauß zuerst, die aus Rache gegenüber ihrem in Untreue getürmten Ehemann das Talent der Söhne nach Kräften förderte, die entscheidenden Auftritte anbahnte und als ‚‚Schatzmeisterin’’ das überreichlich strömende Geld hütete.

Danach kam, ökonomisch kongenial, Schanis erste Ehefrau Jetty, und nach einem unglücklichen Zwischenspiel mit der angehenden Sängerin Lily führte Adele Strauß ihren genialen Gatten sowohl künstlerisch als auch wirtschaftlich zu letzten Höhenflügen. Und hatte die Mutter die Walzerbiographie ihres Sohnes eingeleitet, so standen die Ehefrauen jeweils an neuen Schlüsselstellen. Mit Jetty öffnete er das Tor zur Operette (‚‚Die Fledermaus’’), Lily inspirierte im selben Fach nicht von ungefähr zum ‚‚Lustigen Krieg’’, und Adeles Zeit verbindet sich mit dem Spätwerk: mit seinem berückenden ‚‚Zigeunerbaron’’ ebenso wie mit dem gescheiterten ‚‚Ritter Pásmán’’ und den erfolglosen Versuchen, eine Ballettmusik zu schreiben.

In Adeles Armen starb Strauß auch. Am 3. Juni 1899. Dreiundsiebzig Jahre war er geworden; Kinder hatte er keine. Und nach ‚‚Sisis’’ Bestattung im September 1898 erlebte Wien innerhalb weniger Monate das zweite Leichenbegängnis der Superlative. Es hat ihm sehr gefallen.

Autor: Paul Kreiner, Juni 1999 (zum 100. Todestag von Johann Strauß Sohn)
Copyright: Stuttgarter Zeitung