Verteidiger einer gläubigen Elastizität

König Charles III. ist auch Oberhaupt der Anglikanischen Staatskirche, dieser ganz speziellen Mischung aus Katholizismus und Protestantismus.

Am Anfang stand ein böses Foul. König Heinrich VIII. von England hatte sich vom Papst den dicken Orden eines „Defensor Fidei“, eines „Glaubensverteidigers“, dafür umhängen lassen, dass er 1521 mit einer Streitschrift gegen Martin Luther zu Felde gezogen war. Kurz darauf wollte er vom Papst nichts mehr wissen. Heinrich VIII. machte sich in England zum Oberhaupt seiner eigenen Kirche. Den päpstlichen Ehrentitel behielt er trotzdem, alle Kings und Queens nach ihm ebenfalls. Folglich ist heute auch Charles III. das zeremonielle Oberhaupt der „Church of England“, König „von Gottes Gnaden“, wie er sich nennt – und „Defender of the Faith.“

Nur: welcher Glaube wird da verteidigt? Bei der Englischen, der Anglikanischen Kirche ist das nicht so einfach zu sagen. Heinrich VIII. selber hatte nichts gegen das katholische Credo, er wollte aus dynastiepolitischen Gründen nur seine Ehe mit Katharina von Aragon annulliert haben. Papst Clemens VII. sagte Nein – da machte King Henry sich selbständig. Nach ihm hat die Church of England ziemlich alles mitgenommen, was an christlichen Strömungen so aufkam: Luther, Calvin, Pietismus, Erweckungsbewegungen, puritanische, liberale, evangelikale  Ideen – während die „High Church“ in Kirchendisziplin und Liturgie bis heute nahe am katholischen Ursprung geblieben ist. Abweichler („Dissenters“), wurden mal verbannt, mal zugelassen. Andere spalteten sich ab: Quäker, Baptisten, Methodisten etwa. Dabei ging es nicht nur um theologische Meinungsverschiedenheiten, sondern auch um politische Opposition: Durfte und darf der weltliche Herrscher auch noch über Gewissensfragen bestimmen?

Um den internen Frieden zu wahren, hat sich die Anglikanische Kirche seit langem für einen „Mittelweg“ zwischen Katholizismus und Protestantismus entschieden, für eine „comprehensiveness“, die in großer Elastizität alles als zulässig umgreift, was christlichen Prinzipien nicht widerspricht. Im Unterschied zu den evangelischen Kirchen jedoch anerkennt die Anglikanische eine zentrale Autorität: Den jeweiligen Erzbischof von Canterbury. Seit 2013 ist das der frühere Erdöl-Manager Justin Welby. Päpstliche Befugnisse hat der zwar nicht, er muss genauso elastisch sein wie seine Kirche, ausgleichend und von immenser Geduld. Er ist eine Art Familienoberhaupt.

Staatskirche sind die Anglikaner  geblieben. Die Bischöfe ihrer 42 englischen Diözesen – Schottland  und Wales gehören nicht dazu – werden auf kirchlichen Vorschlag und nach Prüfung durch den Premierminister vom König ernannt (in seltenen Fällen auch blockiert); alle Kleriker von den Gemeindepfarrern bis zum Primas legen einen Treueeid auf den Monarchen ab; 26 Bischöfe sitzen im Britischen Oberhaus als „Geistliche Lords.“ Die Beschlüsse der in drei Kammern gegliederten Generalsynode – Bischöfe, Klerus, Laien – müssen durch beide Häuser des Britischen Parlaments (wo sie aber nicht verändert werden dürfen), und erlangen mit königlichem Stempel sogar Gesetzeskraft.

Der britische Monarch als „Supreme Governor“ der Kirche wiederum muss Anglikaner sein – katholische oder protestantische „Rückfälle“ sind nach historisch schmerzhaften Erfahrungen damit ausgeschlossen –, und er schwört bei seiner Krönung, die Church of England zu erhalten. Das kostet den Staat nicht viel: Finanziell muss diese Kirche auf eigenen Füßen stehen. In England hat sie etwa 25 Millionen Mitglieder. Ihre Haupteinnahmen – 2020 waren das 471 Millionen Pfund, 51 Prozent des Budgets – bezieht sie aus Spenden; hinzu kommen die Erträge aus vielen Stiftungen.

Mit der Kolonisation, dem britischen Ausgreifen auf die Welt, hat sich die Church of England über die ganze Erde verbreitet. Heute zählt sie bis zu 85 Millionen Mitglieder in 165 Ländern, und gliedert sich in 42 der Definition nach „autonome, aber voneinander abhängige“ Kirchen („Provinzen“). Erst im August haben sich die Bischöfe der globalen „Anglican Communion“ wieder zu ihrer etwa alle zehn Jahre stattfindenden „Lambeth-Konferenz“ beim Erzbischof von Canterbury als ihrem Primas getroffen.

Und wieder einmal stand dort diese Kirchenfamilie am Rande des Zerfalls. Der Zwist um die Weihe von Frauen zu Priesterinnen und zu Bischöfinnen ist zwar beigelegt (in England seit 1994 und 2014); dafür hat heute die Frage, ob Homosexualität erlaubt, ob homosexuelle Ehen zulässig seien, womöglich gar unter Klerikern, spalterische Gewalt. Primas Welby, persönlich eher konservativ, konnte die Versammlung nur durch mehrere Balance-Akte retten: er vermied Abstimmungen – und hatte schon vorab alle gleichgeschlechtlich verbundenen Bischöfe und Bischöfinnen gebeten, ihre PartnerInnen zuhause zu lassen.

Dezentralisierung und Zusammenhalt, synodale Entscheidungen und Anerkennung eines Oberhaupts – das macht die Anglikaner auch für die zunehmend zerklüftete katholische Kirche interessant. „Die Kirche braucht beides“, heißt es in einem gemeinsamen Papier: „eine vielfältige, verteilte Autorität unter Beteiligung des ganzen Gottesvolkes, und einen Gesamtprimas als Diener und Mittelpunkt der sichtbaren Einheit in Wahrheit und Liebe.“ Was Papst Franziskus vorschwebt, scheint in diese Richtung zu gehen.

Autor: Paul Kreiner, 16.09.2022
Copyright: Kleine Zeitung, Graz

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Beim Papst im Schlafzimmer

Aus der mythenumrankten „Päpstlichen Sommerresidenz“ Castel Gandolfo hat Franziskus ein Museum gemacht. Für ihn ist der Prunk von einst ist erledigt – dafür strömen die Besucher in hellen Scharen.

Wenn ein Papst morgens aufwacht: Was sieht er als erstes? Klar, denkt man sich, irgendein Kreuz oder ein frommes Gemälde. Benedikt XVI. wollte das ein bisschen anders haben. Im Sommer wenigstens. Juli, August und September entspannte er gerne im Apostolischen Palast von Castel Gandolfo, und dort ließ er sein Bett so aufstellen, dass ihm vor allem anderen ein großes, türkis-blaues Farbenspiel in die Augen drang: das berühmte Funkeln des Albaner Sees im frühen Sonnenlicht.

Unter Johannes Paul II. galt das hier als Luxuslimousine. Heute, im Hof
von Castel Gandolfo und gemessen an den aktuellen Fahrzeugdimensionen,
nimmt sich das Gefährt eher aus wie ein Kleinwagen.

Was Papst Franziskus morgens sieht, wissen wir nicht. Urlaub braucht er schon auch, wie er mittlerweile zugibt (anfangs war das nicht so). Er sagt: „Der Papst ist schließlich ein Mensch!“ Aber wie er seine Freizeit gestaltet in den immer gleichen vier Wänden seines Gästehaus-Apartments, das verrät er nicht. Die traditionelle päpstliche Sommerfrische in Castel Gandolfo hat er jedenfalls gestrichen – wie so vieles aus dem vatikanischen Zeremoniell. „Diese Art der Hofhaltung muss verschwinden“, sagt er: „Die Leute wollen Reformen.“ Und dann: „Den Päpstlichen Palast in Castel Gandolfo gibt es auch gar nicht mehr. Heute ist das ein Museum. Alles.“

Als „päpstliche Sommerresidenz“ ist Castel Gandolfo ein Mythos geworden, seit Clemens VIII. 1604 einer bankrotten Adelsfamilie die Burg dort abluchste, die wiederum auf den Resten eines römischen Kaiserpalastes – Domitian, 1. Jahrhundert – stand. Urban VIII. aus der Familie Barberini war dann 1628 der erste, der mit standesgemäßem Gefolge der drückenden römischen Stadthitze entfloh, hinauf in die „Albaner Berge“, die nichts anderes sind als die Reste eines seit 30.000 Jahren friedlichen, aber nicht als erloschen geltenden Riesenvulkans. Dort oben, in 400 Metern Höhe, auf luftigem Kraterrand, steht also der Palast – mit überwältigender Aussicht nach allen Seiten: nach Westen bis zur Stadt und zum Meer, nach Osten zum Albaner See und zu den Gipfeln der Abruzzen.

Bei genauem Hinsehen aber zeigt sich: Von den 33 Päpsten seit Clemens VIII. kamen ganze 15 nach Castel Gandolfo. Die anderen fühlten sich in dem bahnhofsartig kalten, marmor-überladenen Prunkbau nicht so wohl; immer wieder standen die teuren Gemäuer jahrzehntelang leer. Anfang 1944 öffnete sich der Palast für 12.000 Flüchtlinge aus der Umgebung, die sich beim Einmarsch der Alliierten vor den Kämpfen mit den deutschen Besatzern retten wollten – und während jener Wochen wurden im privaten Bett des Papstes (tatsächlich!) drei Dutzend Kinder geboren. Viele von diesen wurden dann aus Dankbarkeit gegenüber Pius XII. auf seinen Namen getauft, auf „Pio“ und auf seinen Geburtsnamen „Eugenio“.

Zwei Päpste starben dort oben: Pius XII. am 9. Oktober 1958 und Paul VI., vor genau 44 Jahren: am 6. August 1978. Der einzige, der den Ort wirklich mit Leben erfüllte, war Johannes Paul II. Es zog ihn zu allen Jahreszeiten so häufig dorthin, dass er Castel Gandolfo als „Zweiten Vatikan“ bezeichnete. (Es gab unter ihm auch einen „dritten“: Die Gemelli-Klinik in Rom…) Johannes Paul II. traf im Dorf auch Jugendliche, feierte mit ihnen und ließ sich in die weitläufigen Gärten ein eigenes Schwimmbad, ein 18-Meter-Becken, buddeln. Um gesund zu bleiben, brauche er Sport, sagte er zur Rechtfertigung der hohen Kosten: „Ein Konklave wird teurer.“

Die Innenräume sehen aber durfte außer den üblichen Ehrengästen niemand. Bis Franziskus 2014 eine Wende anordnete, die von enormer Symbolkraft auch deshalb war, weil er das verschlossene Castel Gandolfo direkt in die Hände von Ausstellungs-Profis legte: in die der Vatikanischen Museen. Sie öffneten zuerst die historischen Barberini-Gärten für ängstlich überwachte Rundfahrten im Öko-Minibus. 2015 folgten die Repräsentationsräume (und der Innenhof mit der nachtblauen Limousine von Johannes Paul II.). Seit 2016 steht der gesamte Palazzo offen, sogar seine intimsten Bereiche: das „apostolische“ Schlafzimmer und jener Salon, in dem Benedikt XVI. am 23. März 2013 die Amtsgeschäfte an Franziskus übergeben hat, auf dem Tisch eine  große, weiße Schachtel mit dem Untersuchungsbericht zum damals jüngsten Kirchenskandal: den „Vatileaks.“

Der jüngste Zugang in der päpstlichen Ahnengalerie. Schon wenige Wochen
nach Franziskus‘ Amtsantritt gemalt – und ihn zeigend im Ambiente
von Castel Gandolfo, das er nie wirklich besucht hat.

Das Angebot ist der Renner: die Zahl der Besucher stieg zwischen 2014 und 2019 von 10.000 auf 150.000 pro Jahr. Es gibt Führungen, freie Rundgänge, ganze Tagespakete inklusive Mittagessen. Für die breite touristische Vermarktung hat der Vatikan sogar seinen alten, über Jahrzehnte nicht gebrauchten und zum Luxuskaufhaus degradierten Bahnhof wiederbelebt: Mit dem Shuttle-Zug fährt man samstags – wie es zuletzt und als einziger Papst Johannes XXIII. 1962 getan hat – in den Vatikanischen Gärten los. Nach etwa 30 Kilometern ist man in Castel Gandolfo.

Nach den Jahren der Ruhe im Palast, die Benedikt XVI. für sich reklamiert hat, darf unter Franziskus auch die „Specola“ wieder öffnen, die Vatikanische Sternwarte auf dem Dach von Castel Gandolfo: Der nächste wissenschaftliche Sommer-Kongress für die internationale Astronomenwelt findet im Jahr 2023 statt.

Der einzige Genuss aus dieser Idylle, den der Vatikan den eigenen Leuten vorbehält, das sind die Erträge aus der Landwirtschaft: Milch, Käse, Honig, Eier, Olivenöl. Viel ist das ja nicht, aber täglich geht eine Lieferung nach Rom, auch ans Gästehaus Zur Heiligen Martha, wo Franziskus logiert. Ein Modell will man sein für nachhaltigen Landbau – genau nach den Ideen von Papa Francesco und seiner Eine-Welt-Enzyklika Laudato si‘: Gelobt seist du, Schwester Erde. Und gelobt seist du, kleines Castel Gandolfo.

Autor: Paul Kreiner, 04.08.2022
Copyright: Kleine Zeitung, Graz

Praktische Infos:

Die Anlage Castel Gandolfo (Apostolischer Palast und Päpstliche Villen) ist mittlerweile ganzjährig geöffnet. Shuttle-Züge fahren immer samstags. Buchungen online über die Vatikanischen Museen:

https://tickets.museivaticani.va/home/calendar/visit/Ville
(hier alle Angebote, aber nur englisch oder italienisch).

Die Info-Basisseite auf deutsch findet sich hier – allerdings ohne die termingebundenen Angebote:
https://www.museivaticani.va/content/museivaticani/de.html

Franziskus beliebt zu verwirren

Mit den neuen Kardinälen wird’s im nächsten Konklave so unübersichtlich wie nie. Und der Papst befeuert auch noch Spekulationen, er könnte zurücktreten.

Ohne roten (Kardinals-)Hut keine weiße Robe…

Von Papst Franziskus wissen sie selbst in seiner engsten vatikanischen Umgebung nie so genau, was er als nächstes vorhat. Diesmal aber, am Samstag vor Pfingsten (04.06.2022), hat er für eine Verwirrung gesorgt, die sogar für ihn ohne Beispiel ist. Er hat ankündigen lassen, er werde am 28. August nach L’Aquila reisen. Die vom Erdbeben 2009 verwüstete Abruzzenstadt ist zwar nicht weit weg, eine halbe Stunde Sonntagsausflug mit dem Hubschrauber von Rom aus, aber für die Geschichte des Papsttums ein hochwichtiger, ja brisanter Ort: Dort liegt Cölestin V. begraben, der im Jahr 1294 von seinem Amt zurückgetreten ist. Benedikt XVI. hat ihn auch schon besucht, im April 2009, drei Wochen nach dem Erdbeben; er hat demonstrativ sein Pallium auf Cölestins Glasschrein niedergelegt – und ist vier Jahre später selber zurückgetreten.

Was also will Franziskus in L’Aquila? Will auch er gehen? Aus gesundheitlichen Gründen, jetzt, da er (Juli 2021) eine schwere Darmoperation hinter sich hat und ihn seit ein paar Wochen das schmerzende rechte Knie in den Rollstuhl zwingt? Er macht zwar Witzchen über dieses „kapriziöse“ Bein: „Da braucht’s ein bisschen Tequila!“ Und „allen, die mich bereits totgesagt haben“ nach der Operation, den „Prälaten, die sich schon getroffen haben, um das nächste Konklave vorzubereiten“, rief er zu: „Geduld! Ich lebe noch!“ Auch stehen große Reisen bevor: Kanada, Kasachstan; andere sind nur verschoben, nicht abgesagt. Tatendurstig scheint der Papst also weiterhin.

Aber weiß man’s? Der Vatikan kalmiert: Franziskus, der große „Papst der Barmherzigkeit“, wolle in L’Aquila beim traditionellen großen Ablass-Fest ja lediglich die „Heilige Pforte“ an Cölestins Basilika Collemaggio öffnen; das passt in seine theologisch-pastorale Linie – das hätte er aber auch schon in seinen ersten neun Jahren als Papst machen können.

Der Termin dieses Jahr indes ist prekär: Am Samstag zuvor nämlich, am 27. August, will Franziskus 20 frisch ernannte Kardinäle feierlich in ihr Amt aufnehmen; am Sonntag würde er normalerweise eine große Messe mit den Neuen halten, und für den Tag danach hat er schon mal alle dann 226 Weltkardinäle [Stand 27.08.22] zur großen Aussprache über die soeben in Kraft getretene Kurienreform nach Rom geladen. Sie könnten dann – höchst praktisch – gleich dableiben, um einen Nachfolger zu wählen.

Ohnedies: Wie kommt es zu dem höchst ungewöhnlichen August-Termin für die Kardinalsfeiern? „Konsistorien“ dieser Art finden üblicherweise im November statt oder im Februar oder im Juni, zum Fest der Apostelfürsten Peter und Paul – aber weshalb bittet man so viele tendenziell alte Männer in der größten Augusthitze nach Rom?

Wie auch immer. Aus dem Vatikan kommt keine Antwort, was die Spekulationen nur befeuert. Römische Medien indes sind sich nahezu sicher: Franziskus läutet das Ende seines Pontifikats ein. Zeitungen verbreiten Endzeitstimmung. So wird die Ernennung der neuen Kardinäle, die Franziskus am 29.05.2022 bekanntgegeben hat, auch als der Versuch gedeutet, die Riege der Papstwähler „wohl zum letzten Mal“ so zu modellieren, dass Franziskus sein Erbe, seine Vorstellung von Kirchenreform als gesichert ansehen kann.

Franziskus allerdings hat das Spielfeld – wohl mit Fleiß – derart verwirrt, dass jede Voraussage unmöglich, gar schon jedwede Spekulation über die Person seines Nachfolgers müßig wird. So ziehen in den Kreis der Papstwähler – unter den 20 neu ernannten Kardinälen sind 16 jünger als 80 Jahre und damit wahlberechtigt – beispielsweise Bischöfe aus der Weltkirche ein, die bisher niemand auf dem Radar hatte. Unter ihnen ist, als jüngster mit 48 Jahren, Giorgio Marengo, der Apostolische Präfekt der Mongolei. Mit dieser kommen Bischöfe aus drei weiteren Ländern hinzu, die bisher nicht im Konklave vertreten waren: Paraguay, Singapur, Timor-Est. Wie werden sie wählen? Auf welche Seite schlagen sich solche Leute?

Franziskus erweitert damit aber nicht nur den Kreis der Papstwähler; er macht auch jenen der Papstkandidaten unüberschaubar. Prinzipiell ist ja jeder Kardinal ein „papabile“, auch einer aus der zweiten, dritten, fünften Reihe – besonders dann, wenn er sich beim Konklave so mitreißend präsentiert, wie es im März 2013 ein gewisser Jorge Mario Bergoglio vom argentinischen „Ende der Welt“ getan hat.

Eine kaum beachtete Pointe

Franziskus verengt den Kreis der Papst-Anwärter aber auch drastisch. Hier liegt eine bisher kaum beachtete Pointe seiner Ernennungspolitik. Wer sein Nachfolger wird, das hat Franziskus nicht in der Hand. Aber er kann Kandidaten verhindern. Und das tut er. Immer schon und sehr wirksam.

Der Punkt ist ja der: Seit Jahrhunderten, genau gesagt: seit 1378, ist niemand mehr an die Kirchenspitze gelangt, der nicht zuvor schon Kardinal* war. Prinzipiell kann zwar jedweder Bischof, Priester, ja jedweder Katholik gewählt werden. Faktisch haben die Kardinäle den Nachfolger aber ausschließlich in ihrem eigenen engen Kreis gesucht. Wer also jetzt nicht Kardinal wird, hat auch (so gut wie) keine Chance auf das Papstamt.  

Und Franziskus ist bei seiner nunmehr achten Beförderungsrunde einem Prinzip treu geblieben. Ausgegrenzt hat er wieder einmal eine Reihe mächtiger (Erz-)Bischöfe, die er zum Teil selber an die Spitze großer Diözesen berufen hat: so bleiben etwa Paris, Mailand, Los Angeles ohne Kardinalshut und praktisch ohne Chancen aufs Papstamt. Stattdessen, den „Großen“ zum Trotz, hat er genau aus deren Kirchenprovinzen kleine Bischöfe vorgezogen. Nicht ans traditionsreiche, selbst- und standesbewusste Mailand beispielsweise ging die Kardinalswürde, sondern – keiner kann sich erklären, warum – an das winzige Como gleich daneben.

Dafür macht Franziskus in den USA umso deutlicher, was er will und was er nicht will – auch mit einer politischen Absicht, die weit über die Kirchenmauern hinausreicht. Zum Kardinal befördert hat er dort überraschenderweise den Bischof des kalifornischen San Diego, Robert McElroy. Dieser gehört dem progressiven, intellektuellen Flügel der US-Bischöfe an, nicht den rechts- und Trump-lastigen Konservativen wie José Gomez, die gerne auch mal dem Papst ihren Gehorsam verweigern. Gomez wiederum ist als Erzbischof/Metropolit von Los Angeles nicht nur der regional Übergeordnete von McElroy, sondern sogar Vorsitzender der gesamten US-amerikanischen Bischofskonferenz. Ihn hat Franziskus jetzt spektakulär, ja sogar provokativ übergangen. Im verheerenden Streit der US-Bischöfe untereinander ist das ein klares Signal.

Seit seinem Amtsantritt holt  Franziskus die „Peripherien“ der Kirche ins Zentrum. Dass er das nicht nur geographisch meint, zeigt sich am Beispiel Mongolei. Diese – mit gerade mal 1500 Katholiken – kriegt eben jetzt ihren ersten Kardinal. Der aber, wie der Name Marengo vermuten lässt, ist gebürtiger Italiener. Er mag den Papst als Person beeindruckt haben. Marengo lässt sich aber auch als Metapher für jene  „hinausgehende Kirche“ lesen, der Franziskus so anhängt – und als klare Mahnung an den Rest der mehr als 220 italienischen Bischöfe, auch sie sollten ihre allzu bequeme Komfortzone verlassen.

Mit den Italienern fremdelt Franziskus sowieso, und sie sind es auch, die bei der Globalisierung des Konklaves am meisten verlieren. Außer dem „Mongolen“ Marengo bekommt dieses Mal nur ein weiterer Italiener den Kardinalshut: jener eben aus Como. Und waren an Franziskus‘ eigener Wahl 2013 noch 28 italienische Kardinäle beteiligt, so schrumpft ihre Zahl im August auf 20, bis Ende nächsten Jahres sogar um mehr als die Hälfte: auf 13. Für die Würdenträger in „god’s own country“ kommt das einer  Vertreibung aus dem Paradies gleich.

Im Gegenzug wird sich – Stichtag 27. August, wenn Franziskus die Beförderungen feierlich vornimmt – die Zahl der Konklave-Teilnehmer aus Asien gegenüber 2013 nahezu verdoppeln: von 11 auf 21. Afrika steigert seinen Anteil von 11 auf 17, Lateinamerika von 19 auf 24. Europa hingegen wird im August mit einem Rückgang von 61 auf 53 Kardinäle zum allerersten Mal seine Mehrheit im dann 132-köpfigen Konklave verlieren. Zu Ende 2023 sinkt der europäische Zahl der Wahl-Kardinäle sogar noch tiefer, und zwar auf 44.

Zu diesen geographischen Verschiebungen kommt eine soziale: Die wenigsten der Neuen haben ihr Theologiestudium in Rom genossen, sind allenfalls für ein Doktorat eingeflogen, haben keine kuriale Prägung oder Ochsentour hinter sich und gehören damit nicht zum „Establishment“. Die Perspektiven, mit denen die künftige Kardinals- und Konklaverunde dank der immer mehr „dezentral“ Geschulten auf die Weltkirche blickt, vervielfachen sich also. Und: die Wahlteilnehmer sind einander mittlerweile zum größten Teil unbekannt. Wie sich eine Papstfindung unter solchen Bedingungen allein  gruppendynamisch entwickelt, ist noch nie erprobt worden.

Der einzige „Block“, der sich von Anfang an zusammentun könnte, sind die Kurienkardinäle, deren Anteil im Konklave bis Ende 2023 auf etwa 25 Prozent konstant bleibt – die damit aber auch keine Zwei-Drittel-Wahl durch den Rest des Gremiums verhindern könnten.

Das alles ist Stand jetzt. Kardinäle jedoch sind alte Männer, von denen jeden Monat einige die Grenze von 80 Jahren überschreiten oder sterben. Es kann also sein, dass Franziskus die Reihen ein weiteres Mal wird auffüllen müssen. Denn wer sagt denn, dass es dieses Jahr wirklich seine letzte Chance war? Der Ex-Papst Benedikt XVI. ist kürzlich 95 Jahre alt geworden; Leo XIII. ist als ältester Papst im Amt mit 93 Jahren gestorben. Franziskus zählt aktuell 85 Jahre – und wenn er nicht zurücktritt…

Autor: Paul Kreiner, 09.06.2022
Foto: Wikipedia, Pietro Di Fontana, Kardinals-Birett, CC BY-SA 4.0

*) frühere, irreführende Formulierung geändert nach Hinweis von Ludwig Ring-Eifel, KNA. Danke! Jetzt stimmt’s besser.

Tragödie eines Lebens

In Oberammergau beginnen die traditionellen Passionsspiele, packend und düster zugleich. Um zwei Jahre verschoben – aber nun ohne Corona-Beschränkungen.

Letzte Grundsatzdiskussion vor dem Letzten Abendmahl. Jesus und seine Apostel. Passionsspiele Oberammergau 2022. Probenbild.

Zuerst kam der Krieg; er wütete dreißig Jahre lang, und mittendrin kam die Pest. Just an einem Kirchweihfest brach sie aus, allem „fleißigen Wachehalten“ zum Trotz, wie die alten Dorfchroniken schreiben: „In dem großen Leydwesen haben die Gemeindeältesten die Gelobnus gethan, alle zehen Jahre die Passions-Tragedi zu Ehren des bitteren Leyden und Sterbens Jesu Christi zu halten und zu exhibieren, und von dem Tag an, obwohl noch Vihle leut mit Pestzeichen zu sehen und Infizierter gewest, [wurde] kein Einziger Mensch mehr durch die Sucht aufgeriben, miethin dieses Dorf von selbiger Gänzlich befreyt.“

So begannen im Jahr 1634 die Passionsspiele im bayerischen Oberammergau, auf dem Friedhof,  über den Gräbern der Pesttoten. Mit dem frommen Gelöbnis als erstem Bühnenakt beginnen sie am kommenden Samstag (14.5.2022) in zweiundvierzigster Saison erneut: verschoben um zwei Jahre wegen einer Seuche, die heute Corona heißt, kurzzeitig bedroht durch einen (leichten) Herzinfarkt des Regisseurs, mitten in Krieg und Kriegsangst des Jahres 2022. Das Festspielhaus, so monumental es aussieht, ist nur eine mit Holz und Stahl überdachte Freiluftbühne; der Wind von außen zieht herein. jedes Vogelgezwitscher aber auch.

Geblieben ist das Engagement der Oberammergauer. Von den 5400 Einwohnern darf nur mitmachen, wer am Ort geboren ist oder seit 20 Jahren dort wohnt. Unter dieser Einschränkung 1400 Erwachsene und gut 400 Kinder auf die Bühne zu bringen, einen stimmgewaltigen Chor von 120 Stimmen aufzubieten, Musik in Oratorien-Breite zu komponieren (Markus Zwink) und dafür ein volles Symphonieorchester im Graben vor der Bühne zu versammeln – so viel Zusammenhalt, so viel Enthusiasmus findet sich schwerlich anderswo.

Und alle, wenngleich nicht jede und jeder an jedem Spieltag, müssen nun 103 Aufführungen lang durchhalten, bis zum 2. Oktober. Sie wollen es auch. Sie erwarten bis zu 450.000 Zuschauer; drei Viertel der Karten sind schon verkauft. „Die Spiele sind Oberammergaus Wirtschaftsmotor Nummer eins“, sagt Andreas Rödl – und leitet als Bürgermeister nicht nur die Gemeinde, sondern singt auch noch auf der Bühne mit.

Dabei, das hält Spielleiter Christian Stückl fest, haben sich die Voraussetzungen fundamental geändert. „Das glauben wir heute nicht mehr“, sagt er, „dass Gott die Seuche zur Strafe geschickt hat und sich Corona mit unserem Spiel beenden lässt.“ Dass selbst von seinen Hauptdarstellern längst nicht mehr alle zur Sonntagsmesse gehen, dass das Religiöse vielen „weggerutscht“ sei, erzählt Stückl unbefangen. Er fragt seine Schauspieler auch gar nicht, was sie glauben – so lange ihre darstellerische Überzeugungskraft  „in mein Bild“ passt: „Das Stück muss in meinem Kopf funktionieren“, sagt Stückl, dieser furiose Vollblut-Theatermann. „Der Passion“, wie sie die Spiele in Oberammergau nennen, habe den Ort „nicht frömmer gemacht. Aber auch nicht weniger fromm.“

Zur Kirche hat Stückl ein eher streitbares Verhältnis, seit er sich 1987, mit 26 Jahren und als Rebell gegen alles Katholisch-Verzopfte, den Posten des Spielleiters erkämpfte und sich behaupten musste gegen zahllose theologische und textliche Diktate: „Kirche und wir – wir machen was zusammen, aber es  sind zwei verschiedene Wege, die wir gehen.“

Wie viel sich in Stückls Zeit an permanenter Veränderung getan hat, erzählt quasi beispielhaft der musikalische Leiter. 1990, sagt Markus Zwink, habe er sich „gerade mal getraut, ganze sieben Takte zu ändern“ an der 200 Jahre alten Passionsmusik: „Und da hatte ich schon ein schlechtes Gewissen.“ Heute, in seiner nun schon vierten Passion, hat Regisseur Stückl den Fokus des Traditionsspiels insgesamt verschoben.  „Wir erzählen nicht die Leidensgeschichte, sondern die Lebensgeschichte Jesu.“ Das sei auch Folge seiner „endlosen“  Beschäftigung mit dieser Person, einer mit dem eigenen Altern immer neuen Betrachtungsweise.

Erbaulich, milde und sanftmütig von Herzen ist Stückls Jesus gar nicht. Ein Rebell ist er. Ihm platzt der Kragen. Er zerdeppert eine Amphore. Er schreit. Gegen hemmungslos Reiche. Gegen eine selbstgerechte Priesterkaste, gegen „verblendete Führer“ mit ihren „verstockten Herzen“, die das Volk in Armut leben lassen und „die Häuser der Witwen fressen“: „Ihr Heuchler! Ihr getünchten Gräber! Wehe euch! Ihr, die ihr satt seid, ihr werdet hungern!“

Dieser Jesus geht an die Ränder der Gesellschaft, zu Habenichtsen,  Zöllnern, Huren, Flüchtlingen. Er predigt die Feindesliebe und den berühmten Satz, den Stückl zwar im alten Text gelassen hat – „Ich glaube an diese Haltung“ –, mit dem er aber in Blick auf die Ukraine nichts mehr anzufangen weiß: „Wenn dich einer auf die linke Wange schlägt, halte ihm auch die rechte hin.“ Überhaupt spiegelt dieser Jesus die zunehmende Ungeduld des Spielleiters selbst mit dieser Welt wider. Nein, kein Gott hat die Seuche geschickt, den Krieg, den Hunger; die Menschen sind daran schuld, und nur sie. Stückl zitiert direkt die Endzeitwarnung  Jesu aus dem Matthäus-Evangelium: Die Leute benehmen und besaufen sich so unbekümmert „wie in den Tagen Noahs; sie passen auf nichts auf, tun nix, und die Flut reißt sie alle weg.“

Stückls packende Passion hat erschreckend wenig Farben. Abgesehen von den wenigen, jeweils nur sekundenkurz aufstrahlenden „Lebenden Bildern“ mit entlegenen Bibelszenen wie aus einer anderen, heilen Welt, ist am eigentlichen Jesus-Spiel alles fahl und staubgrau und erd-beige; sogar die Palmzweige für den Einzug nach Jerusalem leuchten trotz allem Hosianna nicht frühlingsgrün, sondern wirken wie aus dem Straßendreck gezogen. Bewusst „dystopisch“, unheildüster, in groben Stoffen hat Kostüm- und Bühnenbildner Stefan Hageneier die Szene angelegt; das war schon vor Corona und Krieg so geplant, dass es nun sogar noch besser passt, darüber ist man sich im Regie-Team einig.

Und wenn Stückl die „politische“ Tötung, die Beseitigung Jesu nicht länger als einen christlich-jüdischen Konflikt inszeniert, sondern als einen Ausbruch gesellschaftlicher Divergenzen, wie sie überall vorkommen, wo die überzeitliche, unerbittliche Mahn- und Bekehrungspredigt Jesu auf die tauben Ohren der jeweils Herrschenden trifft, dann holt er – gnadenlos gegenüber dem aktuellen Publikum – nicht nur das alte Stück ins Heute. Vielmehr erledigt er damit gleich auch noch das misslichste Elemente der Oberammergauer Passion überhaupt: den Antisemitismus. Die Diffamierung „der“ Juden als Christus-Mörder hat sich über Jahrhunderte durch den ganzen Text gezogen; Stückl selbst, aufgewachsen in einem Oberammergauer Wirtshaus, hat judenfeindliche Stammtischdiskussionen von frühester Kindheit an mitbekommen. Auch dagegen richtete sich seine jugendliche Rebellion, und heute – nach zahllosen Gesprächen mit jüdischen Verbänden und Rabbinern, geehrt mit mehreren Toleranz-Preisen – scheint er am Ziel.

Jetzt fragt sich Oberammergau nur noch, ob das Virus mitspielt. Das ist am Ort derzeit die größte Sorge. Alle Covid-Beschränkungen sind gefallen; dicht an dicht und ohne Maske dürfen jeweils bis zu 4400 Zuschauer die fünf Aufführungsstunden lang auf den Rängen sitzen. „Wenn uns Corona nur so leicht erwischt wie während der Proben, dann funktioniert’s“, sagt Stückl.

Text/Foto/©: Paul Kreiner, 09.05.2022
In kürzerer Fassung erschienen auch in: Kleine Zeitung, Graz, 08.05.2022
Link zur offiziellen Website: https://www.passionsspiele-oberammergau.de/de/startseite

Von Frauen und Fröschen

Hier eine Reportage zum Frühjahr. Nicht ganz neu, aber immer noch so aktuell wie am ersten Tag: Denn in Norditalien stehen wieder einmal fast 250.000 Hektar Ackerland unter Wasser. Aber das ist kein Schaden, keine Naturkatastrophe. Im Gegenteil: Das muss so sein. Der Reis will das so.

Mai wird’s. Der Reis keimt, und ein frisches, sattes Grün überzieht allmählich die ganze Landschaft.

„Ach ja, die Frösche.“ Giuseppe Rubinelli lächelt und seufzt gleichzeitig. Dann verzieht er sein Gesicht. Aber wahrscheinlich nur, weil die Sonne ihn blendet. Und dann erzählt er, wie sie als Kinder Frösche gefangen haben, auf den grasigen Dämmen und in den Kanälen, nachts im Licht der Karbid-Lampen, untertags mit einer primitiven Angel: „Die Frösche sind ja so blöd. Die schnappen nach allem, was vor ihnen herumzappelt.“

Und er erzählt, wie sie die schleimigen Hüpfer  gegessen haben, ganz, beileibe nicht nur die Schenkel. Gefüllt, frittiert, zu grünlicher Brühe eingekocht für den Risotto. „Für uns auf dem Land, Geld hatten wir ja keins, waren diese Tiere eine der wenigen Eiweißquellen“, sagt Rubinelli. Dermaßen viele Frösche hat er gegessen, dass es sechzig Jahre gedauert hat, bis er neulich wieder einen angerührt hat. Hat’s denn wenigstens geschmeckt? „Nein“, sagt er. Und schüttelt entschieden den Kopf.

Rubinelli, der pensionierte Chemieingenieur und Weinbauer, der heute – durchaus auch in eigener Sache – als Berater für gutes Essen unterwegs ist, steht auf einem Bauernhof in der Nähe des piemontesischen Novara. Fast sieht diese „Cascina Barciocchina“ aus wie eine Hallig im Wattenmeer, nur dass das flache Meer hier in viele, viele Becken aufgeteilt ist. Flache Erddämme winden sich durch die schier endlose Wasserfläche. Glänzend blau spiegelt sich in ihr der Himmel, und da im Nordwesten, über dem Horizont, was im Dunst so aussieht wie eine flache weiße Wolke, das ist schon der Gletscher des Monte Rosa.

Eigentlich, sagt Rubinelli, müsste es jetzt an allen Ecken und Enden quaken. Aber es quakt nichts. Es ist überhaupt ganz ruhig. Die schmalen Hauptdämme sind für Autos gesperrt, nur Radfahrer rauschen hier durch. Graue und weiße Reiher, in hochbeiniger Eleganz, staksen still durchs Wasser, Schwärme von Kiebitzen fliegen mit leisem Windhauch auf, und die bunten Enten, die in zahlreichen Arten herumschwimmen, sind so sehr ins Fressen vertieft, dass sie das Schnattern vergessen.

„Keine Angst, Giuseppe, die Frösche kommen schon wieder. Sie haben sich nur unserem Ackerrhythmus angepasst.“ Emilio Simonelli ist der Bauer auf der Hallig Barciocchina – einer jener 700 in der Provinz Novara und landesweit einer jener 4770, die Italien zum größten Reisproduzenten Europas machen: Auf knapp 250.000 Hektar Fläche ernten sie jedes Jahr 1,6 Millionen Tonnen. Die Spanier als zweite schaffen gerade einmal die Hälfte.

Simonelli kommt auf einem eigenartigen Traktor angefahren: anstatt breiter Gummireifen hat er Stahlscheiben, die mit ihren Zacken außen an eine Kreissäge erinnern. In den letzten Wochen hat Simonelli seine 65 Hektar für die Aussaat vorbereitet. Er hat Dämme aufgehäufelt und die Ackerfläche dazwischen – mit Laser-Vermessungstechnik! – so plan geeggt, dass von einem Feldrand zum anderen höchstens drei Zentimeter Höhenunterschied übrig geblieben sind. „Nur so kriege ich überall eine gleichmäßig dicke Wasserschicht“, sagt Simonelli.

Dann hat er die Äcker geflutet und in einem mächtigen, tropfenden Anhänger auf seinem Hof schon mal das Saatgut eingeweicht. „Die Körner müssen sich vollsaugen und schwer werden“, sagt Simonelli. „Sie sollen ja im Boden anwurzeln und nicht auf der Wasseroberfläche schwimmen.“ Aber wozu die ganze Überschwemmung? „Weil der Reis zum Keimen eine gleichmäßige Temperatur braucht. Das schafft er unter einer isolierenden Wasserdecke viel besser als auf trockenem Boden mit den Wärmeunterschieden zwischen Tag und Nacht.“

Zum Säen hat Simonelli nicht nur die breiten Gummireifen vom Traktor genommen – „die ruinieren den nassen Boden“ – sondern sich ein GPS-Gerät neben das Lenkrad montiert. „Weißt du, wie schwer es ist, auf einer Wasserfläche gerade Linien zu fahren? Früher brauchten wir dazu drei Leute, zwei mit Positionsfähnchen auf den Dämmen, einer auf dem Traktor. Mit der Satellitenortung kriege ich das auch alleine perfekt hin.“

Früher-heute. Die Gegenüberstellung ist auf den Reisfeldern allgegenwärtig. Im Mittelalter, sei es über die Kreuzfahrer, sei es über die arabischen Herren Siziliens, ist das fernöstliche Getreide nach Italien gelangt. In der piemontesisch-lombardischen Ebene zwischen Lago Maggiore und Po hat es seine Heimat gefunden: Wasser liefern die Alpen genug*), und die Gegend ist inzwischen von einem dermaßen dichten Geflecht an Kanälen durchzogen, dass Fachleute heute gar von einer „unauflöslichen Symbiose“ zwischen Reis und Landschaft sprechen. Doch in den letzten fünfzig Jahren hat sich im Anbau mehr verändert als die ganzen sieben Jahrhunderte zuvor.

Früher. Das war die Welt, wie sie 1949 der berühmte Kinofilm „Bitterer Reis“ zeigte. Eine betörende Silvana Mangano trat darin als „mondina“ auf – als eine von jenen mehr als 260.000 Norditalienerinnen aus den untersten sozialen Schichten, die jedes Jahr aus Mangel an anderer Arbeit in die Reisplantagen zogen. Das bedeutete vier Monate Bücken, Hacken, Jäten im tropisch-feuchten Klima der Po-Ebene, bis zu den Knien im Wasser, geplagt von Myriaden von Stechmücken. Jahrzehnte kämpften die Frauen, um wenigstens einen Achtstundentag zu erreichen – die mit klassenkämpferischem Aplomb geführte Schlacht, gewonnen 1906, gilt als erste große soziale Auseinandersetzung im geeinten Italien.

Heute. Die „Cascine“, diese riesigen Hallig-Bauernhöfe, die oft richtiggehende Dörfer waren mit Kirche, Schule, Einkaufsladen, stehen leer. Saisonarbeiter braucht’s nicht mehr. Wo einst vierzig, fünfzig Familien dauerhaft lebten, wohnt nur mehr eine einzige. Ein Hektar Reis, so rechnet die zuständige nationale Behörde Enterisi vor, verlangte 1939 noch 1028 Stunden Arbeit – heute reichen fünfzig. Und Bauer Simonelli, gut gebräunt, tritt so ostentativ in weißem Hemd und weißer Hose auf, dass ihm seine Besucher sagen: „Mensch, du läufst ja herum wie ein Millionär an der Cote d’Azur!“ Na ja, antwortet Simonelli: „Mit den Maschinen heute… Nichts schmutzt, nichts verdreckt mehr.“

Nur dass die Menschen in dieser reizvollen Gegend sich zumindest von Juni an bevorzugt in Käfigen aufhalten. Auf der Terrasse der Cascina Barciocchina zum Beispiel. Sie ist rundherum, nein, nicht verglast, sondern mit Fliegengitter abgedichtet. Die Mücken nämlich haben alle Veränderungen im Reisanbau überlebt, sie sind sogar – wie Gastronomie-Experte Rubinelli versichert – „die größten und gemeinsten Mücken der Welt geworden: diese Kamikaze-Schwärme da an Sommerabenden, gegen die kannst du nichts machen. Die kannst du nur erleiden.“

Hinter den Gittern der kühlen Terrasse nimmt auch Claudio Salsa einen Aperitiv. Salsa ist der Schwager von Bauer Simonelli und Referent im Bauernverband Coldiretti von Novara. Er erzählt von Hubschraubern und Drachenfliegern, von denen aus man versucht – um den schlammigen Ackerboden zu schonen – die Mücken zu bekämpfen: mit Insektiziden, Bakterien, neuerdings mit den gefräßigen Larven von Libellen: „Die vermehren sich tatsächlich gut.“ Und die Frösche? „Die kommen hier später als anderswo. Die haben mitgekriegt, dass wir heute nach dem ersten Keimen der Saat die Felder nochmal kurz trocknen, damit die Wurzeln kräftiger werden. Jetzt warten die Kaulquappen mit dem Schlüpfen auf die zweite, endgültige Flutung.“

Das Problem ist nur, dass sich über das wohltemperierte Wasser der Reisfelder auch noch andere Organismen freuen: Unkraut, Pilze, Käfer, Viren, die um den Preis der Ernte bekämpft werden müssen. Biologisch angebauten Reis gibt’s dann wohl nicht? Simonelli schnauft hörbar durch die Nase, Salsa schüttelt in schweren Bewegungen den Kopf: „Theoretisch schon, aber praktisch… Umweltverträglich machen wir’s inzwischen. Aber auf Chemie verzichten?“ Die Zeit der „mondine“, die zumindest jeden Unkrauthalm persönlich-biologisch herausgezogen haben, ist vorbei.

Der Weg von Barciocchina zur Cascina von Fabrizio Rizzotti führt an Reisfeldern vorbei, die als erste eingesät worden sind. Hier breitet sich bereits das satte Gelbgrün des frisch gekeimten Getreides wie ein Flaum über dem metallischblauen Wasserspiegel aus, und nicht einmal der Dauerdunst über der Tiefebene kann das Farbenspiel schwächen, das da in der sinkenden Nachmittagssonne aufleuchtet.

Der junge, energische Rizzotti ist einer von nur drei Bauern im Landkreis Novara, die ihren Reis – jedes Jahr gegen Ende September – nicht nur ernten, sondern  auch selbst verarbeiten: die kleinen, runden Körner der Sorten Balilla oder Selenio zum Beispiel für Suppen, Süßspeisen oder Sushi, die basmati-ähnlichen Langkörner indischen Typs oder die großen Risotto-Sorten vom Vialone Nano über den Arborio bis hinauf zum Carnaroli – oder hinüber zum „Riso Venere“, der auch beim Kochen glänzend tiefschwarz bleibt, und den sie in Novara gezüchtet haben.

In Rizzottis Hof mischt sich der geradezu aufregende Duft frisch gemahlener Getreidekörner mit dem infernalischen Lärm einer Maschinerie, die dem rohen Korn in mehreren Arbeitsgängen eine harte Außenhaut nach der anderen abzieht, zerbrochene Körner entfernt und hinter einem optischen Sensor jedes Korn einzeln (!) ausspuckt, das nicht so makellos rein glänzt, wie der Kunde das gerne hat.

Fabrizio Rizzotti will seine Ernte nicht, wie fast alle seine Kollegen, an jene drei italienischen Großfirmen verkaufen, die drei Viertel von Markt und Export beherrschen. Mit der Konkurrenz kann er leben: „Der Witz ist ja, dass bei Gewinnen von 200 oder 300 Prozent, die in den Konzernen und in der Handelskette hängen bleiben, ich als einzelner in der Direktvermarktung sogar billiger bin als die Großen.“

Und dann regt Rizzotti sich auf über das, was „die Großen in ihren Millioneninteressen gefördert haben“ und was in Italien durchaus als  legalisierter Etikettenschwindel gilt: Wo „Arborio“ oder „Carnaroli“ draufsteht, wo Packungen also Spitzensorten anpreisen, muss nicht unbedingt Arborio oder Carnaroli drin sein. Laut Gesetz darf es –  nur nicht gemischt – auch billigerer Reis sein, wenn er  die gleiche Korngröße hat. Das, so heißt es beim Bauernverband, „macht unser Qualitäts-Marketing sinnlos“. Und das wollen Kleinproduzenten wie Rizzotti vermeiden.

Die Frage ist nur: Wenn Rizzotti nicht in die Handelsketten kommt, „und wenn ich als Einzelkämpfer nicht 300 Messen pro Jahr besuchen kann“ – wer kommt zu Rizzotti auf den abgelegenen Hof? Deutsche Gourmets gibt’s, die fahren hunderte von Kilometern, nur um zum Wein- oder zum Olivenbauern ihres Vertrauens zu gelangen. Aber wer tut das für Reis? Vielleicht, sagt Claudio Salsa vom Bauernverband, muss man Touristen am nahen Lago Maggiore werben. Schulklassen einladen. Barolo-Fans auf der Fahrt nach Alba umleiten. Oder. Das alles aber nicht im Sommer. Dann nämlich kommen die Mücken.

Autor: Paul Kreiner, 24.05.2011
Erschienen in: Stuttgarter Zeitung, Der Tagesspiegel

*) Anmerkung 2022: Das mit dem Wasser aus den Bergen stimmt nicht mehr. Die Niederschläge in den Alpen sind stark zurückgegangen, vor allem im Winter. Und wo kein Schnee, da auch keine Schneeschmelze und kein Tauwasser im Frühjahr, also dann, wenn die Reisbauern es am nötigsten bräuchten. Der Kampf ums Wasser zwischen Landwirten, Industrie, Kommunen in der Po-Ebene ist in vollem Gang. Und aktuell – April 2022 – ist der größte Fluss Italiens streckenweise dermaßen trockengefallen wie seit Menschengedenken nicht.

Kuriale Kränkungen

Papst Franziskus versucht sich an einer umfassenden Reform der obersten katholischen Kirchenleitung. Doch nicht selten sind Behörden zäher als der Chef.

Es war einmal ein Erzbischof, der hieß Paul Marcinkus und war vom Papst zum obersten Hüter und Mehrer kirchlichen Geldes bestellt. Doch Marcinkus verstrickte die von ihm geleitete Vatikanbank in die kriminellen Machenschaften eines Mailänder Tochterunternehmes: Geldwäsche aus Drogenhandel, Betrug, Steuervermeidung. Am Ende gab es zwei Tote, und der Vatikan – „ohne Schuld-Anerkenntnis“, wie er eigens betonte – musste 241 Millionen Dollar an geschädigte Anleger zahlen.

Das war vor vierzig Jahren, und es sollte sich nicht wiederholen. So lauteten die heiligen Schwüre, und es wiederholte sich trotzdem. Die Vatikanbank, das „Institut für Religiöse Werke“, blieb ein unkontrollierter, bußfreier Zufluchtsort für italienische Steuersünder und Freunde von Freunden. Immer wieder neu dokterte man an Reformen herum; setzte mal Kardinäle zur Aufsicht ein, holte mal „renommierte“ weltliche Manager – oder nahm jene, die sich selber als vertrauenswürdig andienten. So mancher kam laut und ging sehr leise. Andere wurden verurteilt, wie noch kürzlich, im Januar dieses Jahres, die beiden Generaldirektoren zwischen 2007 und 2013: Wegen Missbrauchs vatikanischer Gelder müssen sie 40 Millionen Euro zurückzahlen.

Gerade läuft auch noch ein spektakulärer Prozess gegen den (abgesetzten) Kurienkardinal Angelo Becciu. Mit der Vatikanbank direkt hat der nichts zu tun, aber er macht wieder einmal deutlich, wie chaotisch die zahlreichen römisch-kirchlichen Finanztöpfe, darunter die vielen hundert Millionen von Spendeneinnahmen aus dem Peterspfennigs bis in jüngste Zeit verwaltet worden sind: Von der obersten Behörde des Vatikans aus, dem Staatssekretariat, soll der offenbar schlecht beratene, auf jeden Fall schlecht kontrollierte Becciu am spekulativen Kauf einer Londoner Luxus-Immobilie beteiligt gewesen sein. 350 Millionen Euro kostete das ehemalige Harrod‘s-Warenhaus. Jetzt hat der Vatikan es wieder abgestoßen – mit offenbar mehr als 100 Millionen Euro Verlust.

Die jahrzehntelangen Versuche, das eigene Finanzsystem seriös zu gestalten, sind eines der eklatantesten Beispiele für die immensen Probleme, auf die in der Vatikan-Verwaltung jedwede Erneuerung stößt. Dieser Tage versucht es Papst Franziskus mit einer umfassenden Kurienreform. Aber die Kurie ist eine Behörde, und Behörden sind besonders zäh. Auch hat Franziskus in seinen ersten neun Jahren voller Misstrauen lieber am Apparat vorbeiregiert und seine „Ministerien“ immer wieder mit unvorhersehbaren Alleingängen verblüfft – so auch vor einer Woche [i.e. 19.03.22] mit der geradezu überfallartigen Veröffentlichung von „Praedicate Verbum“, dem neuen Verwaltungsstatut für die Weltkirchenleitung. Jedenfalls ist in den kurialen Ämtern, man hört es aus Rom deutlich, die Stimmung gegenüber Franziskus ziemlich schlecht. Gegenüber seinen Reformen dann umso mehr.

Mit schwersten Widersetzlichkeiten hatte auch Benedikt XVI. zu kämpfen. Ob er genug zur Bekämpfung der Missbrauchsskandale getan hat, die zu seiner Zeit in der Glaubenskongregation und im Papstamt immer zahlreicher ans Tageslicht kamen, darüber streiten – zunehmend polarisiert wie alles heutzutage – seine Fans und seine Gegner. Sicher ist, dass Benedikt ein paar Normen verschärft hat. Aber dann, so erzählte es sein Sekretär Georg Gänswein einmal, sei Benedikt von seinem „milden“ Naturell her viel zu diskret und zu höflich gewesen, um bei den Herren Kurienkardinälen die Umsetzung auch einzufordern und zu überprüfen. So machte weiterhin jeder, was er wollte. Und einige, etwa angesichts der Dollar-Bündel, die der mexikanische Ordensgründer und Missbrauchstäter Marcial Maciel Degollado immer wieder „für fromme Werke“ vorbeibrachte, hatten auch an Vertuschung großes Interesse. Dass Angelo Sodano als ranghöchster Kardinal die Missbrauchsberichte noch 2010 zum „Gerede des  Augenblicks“ verniedlichte, war schon auch eine Warnung an Benedikt XVI., er solle sich nicht zu tief da hineinhängen.

So offen wie unter Franziskus aber haben (Kurien-)Kardinäle noch nie den Aufstand gewagt. Die einen – Raymond Burke, Walter Brandmüller, Carlo Caffara – zweifelten in einem Offenen Brief gar die Rechtgläubigkeit des Papstes an und verlangten per Ultimatum eine Antwort. Da ging es um die Zulassung zu den Sakramenten für Katholiken in zweiter Ehe. Ein anderer – Robert Sarah, von Franziskus an die Spitze der Gottesdienstkongregation gesetzt und seit einem Jahr altershalber emeritiert – postet auf Twitter mindestens jede dritte Woche ein Foto, wie er eine in irgendeiner Kirchenecke für sich allein eine Tridentinische Messe feiert. Schon zu seinen Amtszeiten hatte Sarah Franziskus‘ Modernisierungskurs unterlaufen; jetzt protestiert er offen gegen das faktische Verbot der alten Liturgie.

Mit der zu Pfingsten in Kraft tretenden Kurienreform sind weitere Aufstände zu erwarten. Denn dann müssen selbst römische  Spitzenkleriker um ihre Jobs fürchten. Franziskus hat ja erlaubt, dass auch Katholiken ohne Priester- und Bischofsweihe an die Spitze von Vatikan-Ministerien berufen werden können. Und Frauen auch noch! Für Kurien-Hierarchen, die sich der Nähe zum Thron wegen schon selber fast als heilig fühlen (und dies durchaus, wie angereiste Welt-Bischöfe immer wieder beklagen, andere fühlen lassen), kann das nur ein riesiger Schock sein, eine einzige Kränkung: Die Weihe ist nichts mehr wert.

Gerade zur Spitzen-Förderung von (Ordens-)Frauen hat Franziskus einiges getan: Raffaella Petrini wurde Vize-Gouverneurin der Vatikanstadt, Alessandra Smerilli kam auf den zweiten Platz im „Dikasterium für ganzheitliche Entwicklung des Menschen“, Nathalie Becquart erhielt als „Untersekretärin“ als erste Frau das Stimmrecht in der Weltbischofssynode.

In der Kurie konnte man solche Posten bisher als einzelne Blüten eines neuen Exotentums à la Franziskus belächeln. Mit „Praedicate Verbum“ aber wird die Sache nun ernst. Wenigstens auf dem Papier.

Autor: Paul Kreiner, 24.03.2022
Copyright (kürzere Version): Kleine Zeitung, Graz

Die Akten bleiben hinter Schloss und Riegel

Italienische Bischöfe wehren sich mit aller Macht gegen eine unabhängige Missbrauchsstudie – nach den deutschen Vorwürfen gegen „Papa Benedetto“ noch umso mehr

Die katholische Kirche in Italien ist schon etwas Besonderes, und sie fühlt sich auch so. Denn welche andere liegt so nahe am Zentrum der Christenheit, an den ewigen und im Zweifel unfehlbaren Wahrheiten?

Es gibt in Italien knapp zweieinhalbmal so viele Katholiken wie in Deutschland, aber gut achtmal so viele Diözesen, nämlich 227. Überproportional hoch ist deshalb auch die Zahl der Bischöfe, und diese neigen dazu, ihre Schäflein durch Überbehütung ruhig und folgsam zu halten. Wenn Papst Franziskus vor Klerikalismus warnt, hat er immer auch seine geographische Umgebung im Blick. Veränderungen mag man dort nicht, und es kostete Franziskus viel Mühe, Italiens Bischöfe – trotz ihrer nach außen immer wieder betonten Papst-Ergebenheit – auf einen synodalen Weg zu bringen. Viele fürchteten – und fürchten immer noch -, dann werde es in Italien ähnlich aufmüpfig zugehen wie nördlich der Alpen. Deutsche Verhältnisse sind italienischen Bischöfen ein Gräuel.

In eine solche Stimmung ist nun das Münchner Missbrauchsgutachten eingeschlagen wie eine Atombombe. Enthielt es doch auch schwere Vorwürfe gegen den früheren Erzbischof dort, gegen Joseph Ratzinger, gegen den längst eingemeindeten und so geliebten „Papa Benedetto.“ Jäh endete damit in Italien auch jede Diskussion: Gutachten solcher Art, befinden Italiens Bischöfe nun, wollen sie nicht. Brauchen sie nicht. „Gerechtigkeit ja“, sagt der jahrzehntelang tonangebende Kardinal Camillo Ruini, „aber keinen Verurteilungswahn.“

Der Jesuit Hans Zollner, weltgereister, oberster Experte des Vatikans gegen den Missbrauch, warnt Italiens Bischöfe: Wenn sie nicht selber eine große Missbrauchsstudie in Auftrag gäben, wenn sie sich nicht so öffneten wie jüngst die Amtsbrüder in Portugal, „dann werden das andere übernehmen.“ Dann würden Staat und Medien tätig, wie in Neuseeland oder neuerdings in Spanien, gegen die widerstrebenden Bischöfe. Und tatsächlich haben sich aktuell neun Betroffenen-Verbände zusammengeschlossen, um „Staat und Regierung“ in Rom zu einer Untersuchung zu drängen.*) Den Hashtag dafür gibt es auch schon: #ItaliaChurchToo

Die Blockadehaltung der italienischen Bischofskonferenz indes begründet deren Vorsitzender, Kardinal Gualtiero Bassetti, eben genau mit den „strukturellen, kulturellen und kirchlichen Besonderheiten“ in Italien, etwa mit der hohen Zahl der zu durchforstenden Diözesanarchive. „Hastige“  Studien, so Bassetti zehn Tage nach dem Münchner Gutachten in der Tageszeitung „Corriere della Sera“, führten lediglich zu „Projektionen und Statistiken“, nicht aber zum realen kirchlichen Leben und nicht zur Vorbeugung gegen künftige Taten. An einer Bestandsaufnahme sind Italiens Bischöfe so wenig interessiert, dass sie nicht einmal Zahlen darüber haben oder herausrücken, wie viele Priester angezeigt oder laisiert worden sind.

Vor allem – und das ist der eigentliche Punkt – wollen die Bischöfe keine unabhängigen Forschungsgremien an ihre Geheimarchive lassen. Sie wollen, dass alles intern bleibt, dass sie selbst – wie immer schon – die Kontrolle behalten. Sie wollen auch nicht groß in der Vergangenheit wühlen, sondern lediglich Meldungen sammeln, die bei den frisch eingerichteten, diözesanen Anlaufstellen für Opfer ankommen. Diese „Zentren des Zuhörens“ sind ähnlich strukturiert wie die Ombudsstellen in Österreich, auch durchaus mit PsychologInnen besetzt – aber oft unter Leitung eines Monsignore noch viel enger an den Bischof angebunden. Anders als in Deutschland wird Unabhängigkeit nicht einmal behauptet. Von Datenschutz ist keine Rede. Viele Betroffene, warnt Pater Zollner, vertrauten genau solchen kirchen-eigenen Stellen einfach nicht mehr. Sie gingen da gar nicht erst hin. Aber die bischöfliche Rechnung ist einfach: Wird kein Missbrauch angezeigt, gibt es auch keinen. Und mit kirchenstrukturellen, „systemischen“ Ursachen, folglich mit Reformen, muss man sich nicht beschäftigen.

Die Angst vor einer unabhängigen Studie ist deshalb so enorm, weil diese eine jahrzehntelange Kultur des Vertuschens und mit ihr das reine, „heilige“ Selbstbild der italienischen Kirche in Scherben zerschlagen könnte – und in diesem Falle obendrein den Ruf des Vatikans. Noch 2010 verniedlichte ja der ranghöchste Kardinal dort, Angelo Sodano, die Missbrauchsberichte aus aller Welt als „Geschwätz des Augenblicks“ und machte damit deutlich, wie die die Hierarchie intern dazu stand. Traditionell ist die Kurie italienisch dominiert, und auf diese Weise sind mit Sicherheit auch viele Priester und Bischöfe, die etwas wussten, aber nichts wissen wollten, breit in die Weltkirchenleitung eingedrungen. Eine unabhängige Studie könnte sie und ihre Seilschaften beim Namen nennen, auch – womöglich am meisten gefürchtet – bei ihrer sexuellen Orientierung. Da wäre nicht nur ein einziger Ratzinger/Benedetto, da wären auch andere Erzbischöfe, Kardinäle, Monsignori aller Grade demontiert. Italien – ein heute noch mit Mühe gegen jeden Zeitgeist verteidigtes Kirchenbollwerk wäre geschleift.

Die zweite Angst vor einer unabhängigen Studie hat mit Geld zu tun. Italiens Kirche – so die Leitlinien von 2019 – bietet Missbrauchsopfern zu deren „inneren Heilung“ bisher nur „therapeutische, psychologische und geistliche Unterstützung“ an, zahlt von sich aus aber keinen Cent an Entschädigung. Betroffene sehen sich auf den Gerichtsweg geschickt – und bleiben laut dem Interessenverband „Rete L’Abuso“ häufig dort stecken, weil sie entweder das Geld nicht haben für einen Anwalt oder weil – bei der deplorablen Dauer italienischer Verfahren – alles der Verjährung anheimfällt.

Eine historische Studie indes würde ungeachtet staatlich-gesetzlicher Verjährung mit der nicht zu vermeidenden Frage „und jetzt?“ auch das starke Begehren nach kirchlichen Entschädigungen aufbrechen lassen. Und wenn die Studie – wie in Deutschland oder Frankreich – gar alle Jahrzehnte seit dem Zweiten Weltkrieg umfassen sollte, dann würden die Beträge unvorstellbar groß.

Das Geld dafür, sagen sich Italiens Bischöfe, haben wir nie und nimmer. Das sagten sich auch die französischen Bischöfe. Sie gehen jetzt aber voller Zerknirschung einen anderen Weg: Sie verkaufen Immobilien, und wenn es eigene Amts- und Wohnpaläste sind.

Autor: Paul Kreiner
Copyright (kürzere, leicht geänderte Fassung): Kleine Zeitung, Graz

*) https://www.reuters.com/world/italys-catholic-church-faces-pressure-independent-abuse-inquiry-2022-02-11/

Das Gesetz des Schweigens

Mit den kirchlichen Missbrauchsskandalen ist auch das Beichtgeheimnis in schwere Kritik geraten. Aber kommt es jemals zu einer Lockerung?

Als Steinfigur grüßt der heilige Nepomuk in Österreich, Bayern und Böhmen von zahllosen Brücken. Die Statue gehört in diesem Fall aber nicht zum Bauwerk. Umgekehrt ist es. Viele christliche Märtyrer werden ja mit den Werkzeugen abgebildet, mit denen ihre Verfolger sie zu Tode gebracht haben. Bei Johannes Welflin aus Pomuk, so sein eigentlicher Name, war das „Werkzeug“ eben die Brücke. Eine berühmte sogar. Von der Karlsbrücke in Prag wurde der hohe Geistliche im März 1393 in die Moldau geworfen. Der Kirchenrechtler und Generalvikar der Diözese hatte dem despotischen König Wenzel IV. nicht verraten worden, was dessen Ehefrau Sophie ihm in der Beichte anvertraut hatte. Es konnte nur Unzucht sein, argwöhnte der paranoide Herrscher. Nepomuk schwieg.

Seither – auch wenn vieles an dieser Geschichte legendär ist – gilt  der populäre Heilige als Schutzpatron des strengsten „Datenschutzgesetzes“ der Welt: des Beichtgeheimnisses. Und als Garant des Rebellentums. In Nepomuk demonstriert die Kirche, dass sie im Ernstfall lieber Strafen auf sich nimmt, als sich staatlicher Repression zu beugen, und: dass kleine und große Sünder bei ihr in bester Hut sind.

Aber gilt das auch für Schwerverbrecher und Missbrauchstäter, die eigentlich ins Gefängnis gehören? Seit Studien in aller Welt, zuletzt in Frankreich, zu Tage gefördert haben, wie viele tausend Kleriker sich an wie vielen zehntausend Kindern versündigt haben, brandet diese Frage wie eine Riesenwelle über die katholische Kirche. Ermittler sehen im Beichtgeheimnis ein Vertuschungswerkzeug, einen Schutz für Täter, und verlangen ein  Aufweichen der kirchenrechtlich seit 1215 ohne jede Ausnahme – notfalls „bis zum Blutvergießen“ –verhängten Schweigepflicht für Priester. Aus der Kirche schallt ein einstimmiges „Nein!“ zurück. Papst Franziskus sagt, er werde sein „ganzes lehramtliches Gewicht“ gegen jede Lockerung aufbieten. Auf deutsch: Nur über meine Leiche.

Brisant geworden ist das Thema  auch, weil der Vorsitzende der Französischen Bischofskonferenz, Eric de Moulins-Beaufort, behauptet hat, das Beichtgeheimnis sei „stärker als die Gesetze der Republik.“ Da dachte mancher mit Schrecken an Islamisten, die ihre Scharia genauso hoch ansiedeln – und schon war die Diskussion entgleist.

In vielen Ländern, so in Österreich und Deutschland, schützen Verträge zwischen Staat und Kirche das Beichtgeheimnis derart, dass der Staat es gar nicht einseitig lockern kann. Teils ist es umfassender als das  Zeugnisverweigerungsrecht vor Gericht, wie es etwa Psychotherapeuten zusteht: Geistliche müssen selbst schwerste Straftaten, von deren Planung oder Ausübung sie im Beichtstuhl erfahren, den Behörden nicht anzeigen. Kirchenrechtlich dürfen sie es gar nicht; sie wären automatisch exkommuniziert.*

Ja, aber. Auf Einwände reagieren Kirchenmänner nicht nur mit dem dünnen Argument, dass „heute eh niemand mehr beichten geht.“ Langjährige Seelsorger bieten auch die Erfahrung auf, dass gerade Missbrauchstäter – also auch Kleriker – sich kaum jemals im Beichtstuhl offenbarten, ein  Beitrag zur Ahndung oder gar zur Verhütung von Missbrauch auf diesem Weg also unmöglich sei. Und sie sagen: würde das Beichtgeheimnis aufgeweicht, dann käme erst recht keiner mehr, der sein Leben vor Gott – also mit maximalem Ernst – in Ordnung bringen wollte. Er müsste ja damit rechnen, sofort der Polizei übergeben zu werden.

Bischöfe und Kirchenrechtler sagen auch, schon jetzt hätten Beichtväter mehr Verantwortung als „draußen“ gedacht. Einen Menschen dürften sie von Schuld nur dann lossprechen, wenn dieser offen bekenne, ernsthaft bereue und zu tätiger Wiedergutmachung bereit sei. Sie könnten und sollten mit Worten auch Druck ausüben, damit der Schuldige sich in psychologische Behandlung oder in die Hände staatlicher Autoritäten begebe. Darin könne in solchen Fällen auch die Buße bestehen, die Priester den Pönitenten auferlegen – mit immer unklarem Resultat.

Der Jesuit Hans Zollner, der kirchenhöchste Experte zur Bekämpfung von Kindesmissbrauch, sieht durchaus Möglichkeiten zur Einigung mit dem Staat: „Eine gesunde Kirche weiß dem Kaiser zu geben, was des Kaisers ist.“ Priester könnten Schuldige dazu drängen, ihr Bekenntnis außerhalb des Beichtstuhls erneut abzugeben. Dafür, so Zollner, bräuchte es eine Schulung der Geistlichen, sowie  klare Regeln und Ansprechpartner für das weitere Verfahren. So wären das Beichtgeheimnis formell gewahrt und die Strafverfolgung möglich.

Offen bleibt der schmerzlichste Punkt: Viel eher als die Täter sind es ja die Opfer von Missbrauch, die ihr Schicksal ausgerechnet in der Beichte erzählen, weil sie sich mitschuldig, befleckt fühlen. Ihnen kann der Geistliche nach Zollners Ideen zwar eine therapeutische Hilfe vermitteln, die am Ende auch zur sakramentalen, befreienden Lossprechung von vermeintlicher Schuld führt. Aber darf der Beichtvater das erlangte Wissen auch dazu verwenden, gegen die Täter vorzugehen? Bisher ist das vom Kirchenrecht radikal ausgeschlossen. Und Reformvorschläge in diesem Punkt  gibt es nicht.  

*) Das Kirchenrecht geht sogar noch weiter. Immer wieder ist ja von Fällen die Rede, in denen die gesicherte Vertraulichkeit des Beichtgesprächs von Priestern dazu benutzt wird, sich der beichtenden Person unziemlich zu nähern und sie durchaus auch sexuell zu missbrauchen. Kommt ein Priester dafür als Angeklagter vor Gericht, darf er sich zu den Beschuldigungen mit keinem Wort äußern – selbst dann nicht, wenn die Vorwürfe falsch oder gänzlich erlogen sind. Der Priester hat also keine Möglichkeit, sich zu verteidigen. Demgegenüber ist die andere Person frei in dem, was sie dem Gericht über die Vorgänge in der Beichte erzählt. Dass das ein nicht erträgliches Ungleichgewicht in der Wahrheitsfindung darstellt,  ist offenkundig. Aber auch dafür ist keine Änderung in Sicht.

Autor: Paul Kreiner, 08.12.2021
Copyright: Kleine Zeitung, Graz

Schon immer so gemacht, irgendwie

Zur „Natur des Priestertums“ gehört der Zölibat nicht, aber trotz aller Diskussion ist keine Abschaffung in Sicht.

„Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei.“ Das stellte Gott höchstpersönlich fest, als er seinen frisch geschaffenen Adam offenbar etwas lustlos im Paradies herumhängen sah. Lange ist das her. Heute sehen sich die irdischen Stellvertreter und Statthalter desselben Gottes – jedenfalls die meisten katholischen – zum Alleinsein verpflichtet. Eine Eva ist für sie nicht vorgesehen. War zur Komplettierung des Paradieses einst die Zweisamkeit nötig – auch die sexuelle –, so hören Geistliche heute, „um des Himmelreiches willen“ sei Einsamkeit das höchste Ideal.

Dass geweihte Männer immer schon am Zölibat zerbrechen, verwundert da nicht. Der steirische Pfarrer Andreas Monschein und der spanische Bischof (!) Xavier Novell Gomà sind nur die jüngsten Beispiele. Wobei das Verliebtsein in eine Frau, wie Monschein in der „Kleinen Zeitung“ durchscheinen ließ, oft  nur der Endpunkt einer Persönlichkeits- und Berufskrise ist, einer Entfremdung von der Kirche auch, ferner der Ausweg aus geradezu mörderischen Arbeitsbedingungen, die im Katholizismus wie selbstverständlich aus dem Zölibat abgeleitet werden. Ehelosigkeit soll die Priestern ja zur „Totalhingabe“ an Gott befreien, verlangt aber praktisch einen 24-Stunden-Arbeitstag, siebenmal pro Woche. Der Druck steigt umso mehr, je weniger Priester es gibt. Das wiederum liegt auch an der verordneten Ehelosigkeit; die Katze beißt sich in den Schwanz. Schafft sich die Kirche mit dem Zölibat also selber ab?

Zölibat indes ist nicht gleich Zölibat. Wer ins Kloster geht und auf lebenslang Armut, Gehorsam, Keuschheit gelobt, tut dies aus freier Entscheidung. Den Verzicht auf weltliche Annehmlichkeiten – Luxus, Sexualität – um höherer, geistlicher Güter wegen, gibt es seit den Frühzeiten des Christentums. Askese galt als bevorzugtes Mittel gegen die Sünde und als „der“ Weg zur Heiligkeit. Einen verpflichtenden Zölibat hingegen hat nicht einmal Jesus angeordnet. Petrus war verheiratet, Paulus ledig. Weil somit kein „apostolischer Ursprung“ des Pflichtzölibats nachweisbar ist, gilt dieser in der Kirche auch nicht als Dogma, sondern als geschichtlich gewachsenes Gesetz, das jederzeit abgeschafft werden kann. Das Gebot der Ehelosigkeit sei, so hält es das Zweite Vatikanische Konzil als geltende Lehre fest, „nicht von der Natur des Priestertums selbst gefordert.“

Dennoch gilt das Gebot – mal stärker, mal weniger stark durchgesetzt – seit 306, seit der spanischen Provinzialsynode in Elvira, und global seit dem Zweiten Laterankonzil 1139 in Rom. Da flossen antik-heidnische Leibfeindlichkeit, kulturelle  Reinheitsideale, später die Abgrenzung zu den Protestanten zusammen – und Angst ums Geld: Ein verheirateter Priester konnte ja den ihm anvertrauten Pfarrhof samt Ländereien in der Familie weitervererben und die Kirche ausplündern. Im 19. Jahrhundert formierte sich dann ein Klerikerstand, der sich durch „seinen“ Pflichtzölibat ganz bewusst von den „Laien“ abhob und sich über diese stellte. Die  asexuellen Priester ließen sich als Personen von „engelgleicher Reinheit“ beweihräuchern, als die damit einzig legitimen Vermittler zwischen Himmel und Erde.

Einige dieser derart überhöhten Kleriker nahmen sich aber auch anderes heraus, und seit dem Auffliegen der Missbrauchsskandale zählt der Zölibat zu den Wurzeln des Übels. Die große deutsche Untersuchung zu den tieferen Ursachen des  Missbrauchs, die „MHG-Studie“ von 2018, spricht zwar nicht den Zölibat als solchen schuldig, aber das mit ihm aufrechterhaltene System. Es ziehe auch Männer an, die in ihrer Sexualität nicht gereift seien und in einer vor Nachfragen geschützter Umgebung die Auseinandersetzung mit ihren eigenen Problemen vermeiden wollten. Und solche, die – bisher – damit rechnen konnten, ihr „System“ werde sie bei Übergriffen schon decken.

Über den Zölibat wird aber auch aus anderen Gründen diskutiert. Wenn die Messfeier  – laut Konzil – „Quelle, Mitte und Höhepunkt“ des Glaubenslebens ist, mangels Geweihter aber viele Gottesdienste nicht stattfinden, versagt dann die Kirche den Katholiken nicht das Wichtigste? Wenn sie das Priestertum an den Zölibat koppelt, schreckt sie damit nicht eine Menge fähiger Kandidaten ab? Wäre es nicht besser, lebenserprobte Männer gleich welchen Familienstands zu weihen, als allzu junge, voreilig auf den „heiligen“ Zölibat eingefluchtete Seminaristen? Soll man künftigen Priestern die Lebensform freistellen? Lässt sich – angesichts der abgrundtiefen Meinungsunterschiede in der globalen Kleriker-Hierarchie – an unterschiedliche Lösungen für  Länder oder Erdteile denken? Bei den katholisch-unierten Kirchen von der Slowakei bis in den Mittleren Osten heiraten Priester ja auch.

Wie schützt man Pfarrer vor Überforderung? Und: Wie bindet man die Talente ausgestiegener Priester an die Kirche? „Wegen des Zölibats“ gehen ja häufig hoch-kommunikative, hochbegabte Seelsorger. Die meisten Gläubigen – das zeigen auch die Leserbriefe im Fall Monschein – würden gerade solche Männer liebend gerne behalten. So weit aber ist die offizielle Kirche noch lange nicht.  

Autor: Paul Kreiner, 13.01.2022
Copyright: Kleine Zeitung, Graz