Die Kapitulation der Bischöfe

Hilft gegen Missbrauch nur ein Totalumbau der katholischen Kirche?

Jedes Jahr am 20. September gedenkt man in Rom des „Durchbruchs an der Porta Pia“. Dort waren 1870 die Truppen des italienischen Staates in die Stadt eingedrungen, hatten Rom der Herrschaft des Papstes entrissen und den Kirchenstaat vernichtet. Kann sein, dass der 25. September 2018 genauso in die Geschichte eingeht. Angesichts des fortgesetzten Missbrauchsskandals haben die deutschen Bischöfe die Waffen gestreckt. Kardinal Reinhard Marx als Vorsitzender der Bischofskonferenz gibt offen zu: Mit dem bisherigen „Wir kriegen es irgendwie schon alleine hin, wir Kleriker unter uns“, kommt die katholische Kirche nicht mehr weiter. Fachleute von außen sollen jetzt ran, womöglich eine „Wahrheitskommission“ wie in Südafrika zur Aufarbeitung der Apartheid.

Aber das ist noch lange nicht alles. Die Expertenkommission, die nun ihre Studie vorgestellt hat, zielte ja mit ihren Befunden ins Herz der katholischen Kirche. Missbrauch von Minderjährigen ist demnach nicht eine Reihe einzelner Taten, die man mit hinreichender Entschlossenheit eine nach der anderen sanktionieren könnte und mit der man irgendwann fertig wäre. Missbrauch ist nach Ansicht der Experten „ein strukturelles Problem des Klerikalismus.“ Das heißt: So lange die Kirche gebaut bleibt auf die organisatorische Macht des Weihepriestertums und auf dessen Macht über die Seelen, wird sie auch nicht mit ihrem „systemischen“ Missbrauch fertig.

Dies radikal ernstzunehmen würde das Ende der katholischen Kirche bedeuten – zumindest aber einen mindestens hundertjährigen Totalumbau. Und selbst wenn nun der Funke einer solchen Ahnung in Deutschland eingeschlagen sein sollte, stellen sich zwei Probleme: Wohin will man umbauen? Auch die so „unklerikale“ protestantische Kirche ist von Missbrauch ganz und gar nicht frei. Zweitens ist die katholische Kirche ein Weltverband, wo es länder- und kontinenteweise noch ungleich zähere klerikalere Strukturen gibt als in Mitteleuropa. Und registrieren muss man schon auch: Selbst unter Annahme einer erheblichen Dunkelziffer sind neun von zehn deutschen Klerikern ohne Schuld.

Gut möglich aber, dass es gar nicht ohne Radikalität geht. Das Erschreckendste in der Studie sind ja weniger die Zahlen von Tätern und Opfern. Der Spur nach konnte man die Lage kennen. Den grausigsten Blick in den Abgrund rissen die Forscher mit ihrer Ansicht auf, die Missbrauchsquote sei gar nicht gesunken. Und das, obwohl spätestens seit den Skandalen in den USA 2002 und in Deutschland 2010 die Sensibilität gewachsen sein müsste. Gerade in Deutschland gibt es Verfahrensrichtlinien seit 2002; es gibt Präventions-Schulungen, mit denen die katholische Kirche durchaus Maßstäbe setzt für andere Organisationen. Aber offenbar kommt wenig davon an. Die absoluten Missbrauchszahlen sind offenbar nur zurückgegangen, weil es weniger Priester gibt.

Mit dem Rückgang der Priester aber wachsen die Belastungen für die verbleibenden. Ja, man kann mit strengerer Auswahl die tatsächlich krankhaften Pädophilen unter den Seminaristen ausfiltern. Aber wer begleitet die Pfarrer, die für acht, neun Gemeinden gleichzeitig sorgen sollen, dabei an „Macht“ und Amt zerbrechen, vereinsamen, zu viel trinken? Auch das führt laut Studie durchaus zu sexuellen Übergriffen. Den Zölibat aufheben? Ein Mittel gegen Vereinsamung von Weltpriestern wäre das. Gegen Missbrauch in Klöstern hülfe es gar nichts. Mit Homosexualität offen umgehen, damit verdruckste Strukturen endlich aufbrechen? Auch das empfehlen die Forscher – wobei sie sagen: Weder Zölibat als solcher noch Homosexualität per se sind schuld am Missbrauch. Verlangt aber wird gereifte Sexualität – damit nicht durchs Fenster zurückschleicht, was man bei der Haustür meint hinausgeworfen zu haben. Für die Priesterausbildung bleibt da, trotz großer Fortschritte, viel zu tun.

Die Opfer hätten Anspruch auf Gerechtigkeit, sagt Kardinal Marx. Dazu würde aber gehören, dass nicht nur Täter, sondern auch Vorgesetzte, die – so Marx – „allzu lange weggeschaut, vertuscht, geleugnet“ hätten, zur Rechenschaft gezogen werden. In Chile passiert das. Aber in Deutschland?

Autor: Paul Kreiner, 25.09.2018
Copyright (verkürzte Fassung): Stuttgarter Zeitung

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„Es herrscht strategische Sprachlosigkeit“

Der Münchner Politikwissenschaftler Werner Weidenfeld zu den Landtagswahlen in Bayern

  • Herr Professor Weidenfeld, die CSU ist in den Umfragen so tief gerutscht wie noch nie. Kann sie den Trend in den dreieinhalb Wochen bis zur Landtagswahl noch umkehren?

Eine wirkliche Wende ist nicht drin. Dazu ist die Lage viel zu klar, und bei der CSU haben sie ja auch nicht die genialen Toptalente, die mit ein paar wenigen Sätzen die Stimmung umdrehen könnten. Vielleicht bekommen sie noch zwei Punkte mehr, als die Umfragen signalisieren. Es könnte ja die Stimmung aufkommen: Wir haben gezeigt, dass es gut ist, dass die mal eins auf die Nase kriegen, aber ganz so schlimm wollen wir’s am Ende auch nicht. Das ist die einzige Chance, sonst gibt’s keine.

  • Eigentlich wollte die CSU mit Markus Söder als neuem Ministerpräsidenten durchstarten. Was hat er in seinen ersten sechs Monaten falsch gemacht?

Es liegt nicht primär an Söder. Es liegt an der Führungsmannschaft. Die Menschen erleben die CSU-Führung als Querulanten, als Streithansl. Das ist das Erscheinungsbild der CSU seit Jahren. Seehofer gegen Söder, und wenn denen gegeneinander nichts mehr eingefallen ist, dann ging’s gegen Merkel. Das ging auch nach dem Wechsel von Seehofer zu Söder in Bayern so weiter. Es war immer Streit, und das können Sie angesichts des Erinnerungsvermögens der Wähler nicht von heute auf morgen wieder umkippen.

  • Söder schiebt alles auf die Bundespolitik. Aber so einfach ist das dann wohl nicht?

Ja, genau so ist es. Hinzu kommt etwas, was auch andere Traditionsparteien wie die SPD schwächt. Sie haben ein Deutungsdefizit zur politischen Lage. Ich will als Bürger wissen, wie dieses Land in fünf oder zehn Jahren aussieht. Dazu erfahre ich nichts. Das ist eine strategische Sprachlosigkeit. Wenn ich die Frage aufwerfe, wie leben wir dann, dann nennt man mir einen oder zehn oder hundert Punkte – so und so viele Kitas, Weltraumfahrt in Bayern –, aber es wird kein strategisches Gesamtbild gezeichnet. Das ist die elementare Schwäche, die indirekt die AFD groß macht.

  • Herrscht nach 61 Regierungsjahren vielleicht auch Überdruss an der CSU?

Das kommt dazu. Der Überdruss hat sich nur deshalb nicht früher eingestellt, weil die CSU immer wieder neue programmatische und personelle Angebote gemacht hat. Franz Josef Strauß zum Beispiel: Nennen Sie mir heute einen Politiker, der diese Ausstrahlung hat. Die sind doch alle viel zu langweilig dafür.

  • Kriegt man die Wähler zurück, die zur AfD gegangen sind?

Man könnte. Aber man bekommt sie nicht zurück. Die Leute werden zu AfD-Wählern, weil sie frustriert und verängstigt sind. Sie wissen nicht, wie alles läuft; sie sagen: die Oberen kümmern sich sowieso nicht um uns, ich werde mit meinen Sorgen allein gelassen. Diese Frustration hat früher dazu geführt, dass man bei den Wahlen zuhause geblieben ist. Jetzt kann ich meine Frustration irgendwo andocken, und das mache ich bei der AfD. Die gleichen Leute erwarten nicht, dass die AfD alle ihre Probleme löst, aber sie können damit meine Frustration zum Ausdruck bringen. In der alten Parteiengeschichte wäre die AfD längst wieder verschwunden, so wie die sich in der Führung untereinander zerfleischen. Heute ist das den Leute völlig wurscht. Egal, wer bei denen vorne steht und ob man den kennt. In Bayern hat die AfD keinen Spitzenkandidaten, das ist den Leuten doch egal. Hauptsache, ich kann irgendwo meine Frustration abladen.

  • Aber die Gebiete Bayerns, wo die AfD bei der Bundestagswahl die meisten Stimmen geholt hat, bis zu zwanzig Prozent – das sind alles wohlhabende Gegenden, fast ohne Arbeitslosigkeit. Warum gibt’s da Frustrierte?

Weil Menschen auch jenseits von Arbeitslosigkeit Sorgen haben. Immanuel Kant hat gesagt: Alles ist Perzeption. Es gibt kein Ding an sich, nur die Wahrnehmung davon. Dieser Wahrnehmungshorizont ist das Entscheidende, nicht die soziologischen Gegebenheiten. Die Leute sind am Ende tief besorgt, ob nicht die Arbeitslosigkeit sie irgendwann erfasst. Auch dort wo gar keine Alosigkeit existiert.

  • Bei der Bundestagswahl 2017 war in Bayern eine hohe Mobilisierung von früheren Nichtwählern festzustellen. Glauben Sie, dass dieser Effekt anhält?

Ich glaube, dass die Wahlbeteiligung relativ hoch sein wird, weil Sie ja unter anderem das Großthema haben: Kriegt die CSU eins auf die Nase? Das hat durchaus einen Mobilisierungscharakter. Es gibt im bayerischen Wahlkampf kein anderes wirkliches Großthema. Da wabert alles etwas diffus vor sich hin. Die mobilisierende Frage lautet: Wollen wir eine andere Machtarchitektur, jetzt, wenn wir die Chance haben?

  • Sie sehen eine Art Wendemobilisierung?

Ja.

  • Wem kommt die noch zugute?

Die Grünen sind die Gewinner. Sie sind ja nicht mehr die alte Revolutionspartei aus ihrer Gründungsära. Die sind zu einer richtig positiven bürgerlichen Erscheinung geworden. Und sie haben eine positive Zukunftsausstrahlung. Die Spitzenkandidatin zum Beispiel, Katharina Schulze. Die können Sie ansprechen mit was Sie wollen, die strahlt Sie immer an. Und die neue Führung auf Bundesebene, das sind auch positiv-freundliche Typen. Das bringt den Grünen eine Menge. Man will ja nicht dauernd zerknirscht durchs Leben gehen. Und deshalb hätte ich als CSU-Stelle niemals den Fehler gemacht, eine Koalition mit den Grünen auszuschließen. Natürlich ist es für sie die bequemste Lösung, mit den Freien Wählern oder/und mit der FDP zu koalieren. Aber das ist ja fast ein Schlaftablettenangebot. Der Aufbruch mit den Grünen wären eine Verjüngungskur.

  • Muss man die SPD mit ihren aktuell elf Umfrage-Prozenten schon zu den Kleinparteien rechnen, oder hat die noch eine Chance?

Die SPD wird vielleicht noch weiter abrutschen, wenn ihr nicht gelingt, was ich auch von der CSU eingefordert habe: eine Art klare Zukunftsstrategie anzubieten. Ein Gesellschaftbild wie in klassischen Zeiten – dass die Menschen frei und gleich werden sollten und nicht unter dem Joch der Kapitalisten leiden müssen – bietet die SPD nicht mehr an. Sie hat auch nicht mehr die alten Bindungen, an die Gewerkschaften vor allem. Es gibt auch kein Lagerdenken mehr. Wir leben in einem fluiden Stimmungsmilieu, im Gegensatz zu früher, als die Lage bestimmt war von rund 90 Prozent Stammwählern.

  • Sie glauben nicht, dass die SPD vor der Landtagswahl nochmal zulegt in Bayern?

Nein, ach nein! Vor der Landtagswahl? Sie reden zu kurzfristig. Selbst bis zur nächsten Bundestagstagswahl haben die nur eine sehr begrenzte Chance.

Zur Person: Werner Weidenfeld (71) gilt als einer der einflussreichsten Politikwissenschaftler und Politikberater der Bundesrepublik. Er lehrte als Professor an der Universität Mainz und am Geschwister-Scholl-Institut der Universität München, wo er auch das Centrum für Angewandte Politikforschung (C.A.P.) gegründet hat, das er bis heute leitet. Zwölf Jahre lang (1987-99) war er auch Amerika-Koordinator der Bundesregierung.

Interview: Paul Kreiner, 17.09.2018
Copyright: „Die Rheinpfalz“

Duell, Triell, Quinquell

Wie Wahlrechnerei die Köpfe beim Bayerischen Rundfunk gleich zweimal zum Rauchen brachte.

Markus Söder jammert immer, er sei ja so allein. 35 Prozent soll er laut Umfragen bei den bayerischen Landtagswahlen im Oktober kriegen. Für den CSU-Muskelprotz ist das deprimierend. Und doch: der Abstand zur Konkurrenz bleibt gewaltig. So gewaltig, dass sich der Bayerische Rundfunk nicht anders zu helfen wusste, als das traditionelle TV-Duell der beiden Spitzenkandidaten abzusagen.

Wer wäre denn der Zweite? Der übliche SPD-Mann? Nein, erstens ist derselbe eine Frau, Natascha Kohnen, und zweitens sackt diese in den Umfragen immer tiefer in den Kreis der Kleinparteien ab. Elf Prozent bekäme die SPD derzeit. Das ist genauso viel oder so wenig, wie die AfD kriegen könnte und die Freien Wähler auch. Unter drei gleichen also – wen sollte der BR zum Duellanten Söders befördern, ohne vor den anderen in Deckung gehen zu müssen?

Also kein Duell. Andererseits – man sieht er förmlich rauchen aus den BR-Köpfen – ist es nicht gut, dass der Mensch allein sei. Das hat schon der Herrgott im Paradies festgestellt, als er den armseligen Adam da rumhängen sah. Weil aber Bayern das Paradies und ein televisionäres Tête-à-Tête beim Publikum scheint’s ein Muss ist, hat der BR beschlossen, dem Muskelprotz in Eigenregie einen Herausforderer zu suchen.

Man fand ihn – nein, nicht in der Wüste, wo wildes Getier heult – in den Umfragetabellen, die man zuvor als nutzlos weggelegt hatte. Dort haben sich die Grünen stetig nach vorne geschoben. Mit aktuell 17 Prozent wären sie zweitstärkste Partei im Landtag, zwar noch 18 Punkte weg von der CSU, aber immerhin: Platz zwei, Herausforderer! Duell-Kandidat!

Da allerdings ergab sich für den BR das nächste Problem: Die Grünen haben zwei Spitzenkandidaten, Katharina Schulze und Ludwig Hartmann. Sollte man das Treffen mit Söder also zu einem „Triell“ aufblasen? Wieder rauchten die Köpfe, bis sie fanden: Schulze ist erst 33 Jahre alt, kann also selbst bei Spitzenergebnissen noch sieben Jahre lang nicht Ministerpräsidentin werden. Blieb Hartmann, gerade 40 geworden. Er könnte. Juhu! TV-Duell gerettet! (Und Frauendebatte vermieden!)

Doch wo bleiben die anderen fünf Parteien, die eine Landtagszukunft vor sich haben? Alle mit’nand kriegen im BR demnächst ihre eigene Fernseh-Wahlshow. Man könnte sie ja „Quinquell“ nennen.

Autor: Paul Kreiner, 18.09.2018

Erdrückende Lasten

Dem Papst fliegt sein Reformwerk auseinander, und eine Strategie gegen Missbrauchs-Affären ist nicht in Sicht.

Dreiundzwanzig Jahre war es an diesem Freitag her, dass der Vatikan das Rücktrittsgesuch Hans Hermann Groërs angenommen hat – zum 14. September, an dem die Kirche das eher triumphale Fest „Kreuzerhöhung“ feiert. Das sah so aus, als sei das Leiden des unter Missbrauchsanklage geratenen Wiener Kardinals vergleichbar dem schuldlosen Leiden Christi. Heute ist von einem Aufbegehren gegen Attacken irgendeiner „bösen“ Welt nichts mehr zu hören. Diese „Welt“ hatte ja Recht. Chile, Pennsylvania, Irland, Deutschland, Australien: die katholische Kirche wird schier erdrückt von gewaltigen Missbrauchsskandalen, und ein Ende ist ebenso wenig in Sicht wie eine Strategie dagegen.

Noch vor einer Woche hatte der Chef der US-amerikanischen Bischofskonferenz, Kardinal Daniel DiNardo, eine vom Vatikan geführte Groß-Untersuchung, eine „Apostolische Visitation“, in der amerikanischen Kirche verlangt. Diesen Donnerstag nun haben sich DiNardo und andere führende US-Bischöfe mit Papst Franziskus getroffen – und von einer „Visitation“ ist keine Rede mehr. „Wir werden gemeinsam die effektivsten nächsten Schritte überlegen“, formuliert man nun wolkig.

Einen Welt-Krisengipfel hat Papst Franziskus diese Woche zwar auch noch einberufen. Im Februar sollen die Vorsitzenden aller nationalen oder kontinentalen Bischofskonferenzen in Rom über den „Schutz von Minderjährigen“ beraten. Das Treffen wird aber nur knapp vier Tage dauern. Außer Absichtsbekundungen ist da nicht viel zu erwarten – zumal, wie sich gerade in den jüngsten Wochen gezeigt hat, nicht wenige Bischöfe in Sachen Aufklärung und Ehrlichkeit ja eher Teil des Problems als Teil der Lösung sind.

Und was weiß der Papst von allem? Im Fall Chile hat er zu Jahresbeginn einen wegen Vertuschung nicht mehr zu haltenden Bischof mit sehr barschen Worten verteidigt. Wollte er ihn schützen? War er einseitig informiert? In Irland sagte Franziskus unlängst nach einem Treffen mit Missbrauchsopfern, er hätte zuvor „gar nicht glauben können“, was er dann im direkten Gespräch „gut belegt“ fand.

Dabei sind Erlebnisse von Missbrauchsopfern seit dem Fall Groër, spätestens aber seit der ersten großen Enthüllungswelle 2002 in den USA bekannt, und die nun als „beschämend und erschreckend“ bezeichneten Berichte aus Pennsylvania und Deutschland fassen nur zusammen, was man auch an der Kirchenspitze der Spur nach bisher schon wissen konnte – unter anderem aus der Tatsache, dass die katholische Kirche in den USA bereits vier Milliarden Dollar Entschädigungen gezahlt hat für Missbrauchsaffären von 1950 bis 2015. Und in Deutschland, wo eine von den Bischöfen beauftragte Studie nun von 1670 beschuldigten Klerikern und 3677 minderjährigen Opfern spricht spricht (im Zeitraum zwischen 1946 und 2014), sind allein an ehemalige Mitglieder der „Regensburger Domspatzen“ 3,2 Millionen Euro Entschädigung für erlittene körperliche und teils auch sexuelle Gewalt gegangen.

Zum „Krieg in der Kirche“ (Kardinal Christoph Schönborn) haben sich die Affären aber ausgewachsen, weil ein Teil der Welt- und der Kurienbischöfe eine ganz andere Agenda verfolgt. Sie wollen – so Schönborn – „diesen Papst loswerden.“ Noch direkter sagt es der Kardinal des portugiesischen Marien-Wallfahrtsorts Fatima, António dos Santos Marto. Im Gange sei eine „Kampagne von Ultrakonservativen“, die den knapp 82-jährigen Franziskus „zu Tode verletzen“ solle.

Das scheint vor allem ein nach außen gewendeter Binnenkonflikt der zerstrittenen und in Missbrauchsaffären befangenen US-amerikanischen Bischofskonferenz zu sein, wo der rechte Flügel politisch gegen „Kapitalismuskritiker“ Franziskus agitiert und theologisch dessen offeneren Kurs gegenüber wiederverheiraten Geschiedenen als Ketzerei hinstellt. Die Anschuldigungen des früheren vatikanischen Botschafters in den USA, Carlo Maria Viganò, Franziskus habe die homosexuellen Affären des als progressiv bezeichneten Ex-Kardinals Theodore McCarrick (Washington) gedeckt und überhaupt „homosexuellen Netzwerken“ die „Zerstörung der Kirche“ erleichtert, kommen auch aus dieser Ecke.

Mittlerweile, drei Wochen nachdem Viganò mit seinem Offenen Brief die Kirche erschüttert hat, hat sich diese Anklage in der Hauptsache zwar als haltlos herausgestellt. Franziskus kommt aber auch nicht durch mit seiner Haltung, die bleibenden offenen Fragen schweigend auszusitzen. Der Kardinalsrat, den er vor fünf Jahren zur Reform von Kurie und Kirche bestellt hat, hat offenbar „den Heiligen Stuhl“ dazu bewogen, „die allfälligen und notwendigen Klarstellungen zu formulieren.“ So jedenfalls heißt es in einer Mitteilung des Rates vom Montag dieser Woche.

Gleichzeitig zerlegt sich dieser Reformrat gerade selbst. Einer der neun Kardinäle – der Australier George Pell – steht zuhause in Missbrauchssachen vor Gericht, auch der Chilene Francisco Errázuriz Ossa ist wegen unklarer Verwicklungen diese Woche gar nicht in Rom erschienen, und dem Honduraner Óscar Rodríguez Maradiaga hängen unklare finanzielle Affären an. Das Gremium hat den Papst nun gebeten, den Rat neu zu strukturieren und umzubesetzen, offiziell aber nur   „wegen des vorgerückten Alters einiger Mitglieder“. Wie auch immer. Auch dieses Projekte, eines seiner Hauptwerke, fliegt dem Papst nun auseinander.

Autor: Paul Kreiner, 14.09.2018
Copyright: „Die Presse“ (Wien)

 

 

Die Luft ist raus – vorerst

Journalistische Recherchen haben die Attacke von Erzbischof Carlo Maria Viganò gegen Papst Franziskus zusammenbrechen lassen. Am Ende bleiben: vergiftete Stimmung – und eine bittere Frage.

Am Sonntag vor einer Woche, auf dem Rückflug von Irland, wollte Franziskus nichts sagen. Zu jenem kirchenerschütternden Offenen Brief, in welchem der frühere Apostolische Nuntius in Washington, Carlo Maria Viganò, den Rücktritt des Papstes verlangte, sollten sich die Journalisten selber ein Urteil bilden.

Sie haben es getan. Und unter ihren Nachforschungen ist Viganòs Anklage in ihrem zentralen Punkt zusammengebrochen. Für einen Rücktritt sehen mittlerweile sogar Franziskus-Gegner keine Grundlage mehr. Der Versuch, eine Missbrauchsaffäre als Hebel zu verwenden, um einen reformorientierten Papst aus dem Amt zu drängen, ist gescheitert. Fürs erste jedenfalls; es wird nicht der letzte Sturm auf diesen Papst gewesen sein.

Nun aber der Reihe nach.

Erzbischof Viganò hat Franziskus beschuldigt, die Missbrauchsaffären eines „langjährigen Freundes“, des ehemaligen Washingtoner Kardinals Theodore McCarrick gedeckt zu haben. Nicht nur das: Während Papst Benedikt XVI. den notorisch homosexuellen Kardinal vor etwa zehn Jahren einem zurückgezogenen Leben „in Gebet und Buße“ verdonnert habe, habe Franziskus diese „Sanktionen“ faktisch aufgehoben.

So behauptet es Viganò in dem elfseitigen Brief, der gleichzeitig mit der Irlandreise von Papst Franziskus in mehreren erzkonservativen Blogs veröffentlicht worden ist. Mittlerweile haben amerikanische Journalisten minutiös nachgewiesen, dass bei McCarrick von einem „zurückgezogenen Leben“ schon zu Benedikts Amtszeiten keine Rede sein konnte. Er reiste, weihte Diakone, hielt Vorträge, feierte mindestens eine Messe im Petersdom in Rom, war im Zuge größerer bischöflicher Audienzen sogar bei Papst Benedikt, gratulierte diesem persönlich zum Geburtstag Und noch verstörender: Im Mai 2012 gab es in den USA einen Galaabend, bei dem McCarrick geehrt werden sollte, und als Botschafter des Papstes sagte Carlo Maria Viganò in aller Öffentlichkeit, Kardinal McCarrick werde „von uns allen so geliebt.“

Das alles lässt sich auf zwei Weisen erklären: Entweder hielt sich McCarrick nicht an die von Benedikt XVI. ausgesprochenen Sanktionen, und Benedikt ließ ihn gewähren – oder es gab diese Sanktionen überhaupt nicht. Wenn also auch Franziskus den „Missetäter“ McCarrick frei laufen ließ, dann hat er keinerlei Sanktionen aufgehoben. Oder er hat den Kurs beibehalten, den Benedikt vorgegeben hat. Die Anklage also gegen einen „bösen“ Franziskus, der das Werk eines „guten“ Benedikt zerstöre, fällt in sich zusammen.

Die Sache hat Weiterungen: Mit Viganòs Anschuldigungen gerät auch Benedikt XVI. in Verdacht, einen Kardinal, „der eine Generation von Priestern und Seminaristen verdorben hat“, protegiert zu haben. Und noch weiter zurück: Viganò schreibt, dass der Vatikan von McCarricks homosexuellen Umtrieben schon im Spätjahr 2000 informiert worden sei – das war exakt die Zeit, in welcher Papst Johannes Paul II. den Amerikaner zum Erzbischof von Washington und bald danach zum Kardinal beförderte. Wer Franziskus – den „Modernisierer“ – beschuldigt, zieht also auch den „Bewahrer“ Johannes Paul II. mit in die Affäre. Einen Heiliggesprochenen immerhin. Dieser müsste also zurücktreten, Benedikt XVI. auch, wenn er’s nicht schon aus anderen Gründen getan hätte. Aber hätte sollte Franziskus seine beiden Vorgänger düpieren sollen, indem er McCarrick bestrafte?

Und doch: als einziger der drei Päpste war es Franziskus, der – Ende Juli dieses Jahres – McCarrick tatsächlich bestrafte, indem er ihn zu einem Leben fern der Öffentlichkeit verurteilte, ihm den Kardinalstitel entzog und ein kirchliches Gerichtsverfahren einleitete. Das ging auch noch ziemlich schnell, denn erstmals waren gegen McCarrick auch Vorwürfe erhoben worden, er habe vor mehr als vier Jahrzehnten einen Ministranten, einen Minderjährigen also, sexuell missbraucht.

Viganò hatte zuvor generell von Missbrauch gesprochen, und damit – formulierungstechnisch ziemlich geschickt und reißerisch – weit größere Verbrechen angedeutet.

Tatsache war aber, dass McCarrick – so weit man weiß, bis auf den einen Fall – „nur“ sexuelle Beziehungen mit volljährigen Seminaristen und Priestern unterhielt, die er in sein Haus am Meer und dort ins Bett einlud. Das war ein Missbrauch seines Autorität als Bischof und Vorgesetzter, das waren schwere Verstöße gegen den Zölibat. Und freiwillig gingen auch nicht alle Seminaristen mit. Zwei jedenfalls haben sich bei McCarricks früheren Diözesen eine Entschädigung, ein Schmerzensgeld für sexuelle Nötigung eingeklagt. Erfolgreich. Nur: weder diesseits noch jenseits des Atlantiks betrachtete die kirchliche Hierarchie die homosexuellen Verfehlungen McCarricks gegenüber Erwachsenen als strafwürdig.

In der katholischen Kirche der USA und im Vatikan war McCarricks Verhalten seit den Zeiten Johannes Pauls II. bekannt. Eingeschritten ist niemand. Nicht ausgeschlossen allerdings ist nach dem heutigen Stand der Recherchen – doch das könnte nur der emeritierte Papst aufklären – dass Benedikt den Kardinal in persönlichem Gespräch zu mehr Zurückhaltung gemahnt hat. Aber selbst Edward Pentin vom konservativen US-Blatt „National Catholic Register“, der bei jeder Gelegenheit als Kronzeuge gegen Franziskus auftritt und sich dabei immer großer Nähe zu Benedikts Umgebung rühmt, schreibt am Ende dieser konvulsiven Woche, der zurückgetretene Papst könne sich „nicht mehr sehr gut erinnern“, wie er das mit McCarrick vor zehn Jahren geregelt habe. Ein förmliches Sanktionsdekret, so mittlerweile auch Pentin, gibt es wohl nicht, vielleicht ein „privates Ansuchen“ Benedikts an McCarrick. Höchstens. Pentin zitiert „eine Quelle aus Benedikts Nähe“ mit dem Satz: Wenn die Medien mal nicht hinschauten und etwas eingeschlafen sei, „ist es manchmal besser, es schlafen zu lassen.“

Auch Viganò zieht mittlerweile zurück: „Bestimmt“, so schränkt er gegenüber Pentin ein, habe er als Nuntius in den USA Anweisung bekommen, wie er gegenüber dem Kardinal verfahren solle, aber in welcher Form das geschehen sei, „da hilft mir mein Gedächtnis nicht mehr weiter.“

Wenn sich also keiner erinnert: War dann was? Selbst wenn etwas war: Warum sollte Franziskus etwas wissen, was offenbar selbst Benedikt vergessen oder als unwichtig betrachtet hat?

Und, siehe oben: Franziskus, obwohl der Vertuschung beschuldigt, hat genau das Gegenteil getan: Er ist der einzige, der schriftlich, amtlich, nachweislich, öffentlich gegen McCarrick eingeschritten ist.

Was also bleibt von diesem Sturm?

In der Hauptsache, darauf kam’s ihm an, hat Carlo Maria Viganò mit den elf Seiten seiner Philippika eine Attacke gegen alle „homosexuellen Netze“ unter Priestern, Bischöfen, Kardinälen geritten. „Gedeckt von Geheimhaltung und Lüge strangulieren sie mit der Kraft von Kraken-Armen die ganze Kirche.“

So weit war das ein wüstes homophobes Pamphlet, das man als Frust- und Wutausbruch eines nicht Kardinal, stattdessen Renter gewordenen Erzbischofs betrachten und zur Seite legen konnte. Viganò hat aber den aktuellen Papst hineingezogen und in der Pointe des Schreibens diesen auch noch zum Rücktritt gedrängt. Das hat der Sache die Brisanz gegeben – zumal Viganò auch noch in der ersten Reihe jenes (erz-)konservativen Flügels der katholischen Hierarchie steht, welcher kirchenpolitisch gegen den Öffnungskurs von Franziskus rebelliert und welchem für die dazugehörigen Intrigen offenbar jedes Mittel recht ist. Der Kardinal des portugiesischen Marien-Wallfahrtsorts Fatima, António dos Santos Marto, sprach dieser Tage von einer „Kampagne von Ultrakonservativen“, die den knapp 82-jährigen Franziskus „zu Tode verletzen“ solle.

Es bleibt noch etwas anderes, eine bittere Frage. Wieso konnte ein zum Zölibat verpflichteter Erzbischof McCarrick unter dem Wissen aller seine homosexuellen Neigungen über Jahre hinweg ungehindert ausleben? Wieso dürfen das stillschweigend auch zahlreiche andere mehr oder weniger hochrangige Kleriker – während auf der anderen Seite im Jahr 1995 ein Bischof von Basel schnellstmöglich in die Wüste geschickt worden ist und während das unverzüglich auch all den anderen passiert, die sexuelle Kontakte zu Frauen unterhalten? Sind allein die Kinder, die daraus entstehen und die man nicht so leicht unter der Decke halten kann wie eine schwule Liebelei, der Skandal? Oder ist da etwas anderes schief?

Autor: Paul Kreiner, 02.09.2018

Anmerkung: Mangels eigener belastbarer Kontakte in die USA verdankt sich der vorliegende Text der Arbeit journalistischer Blogger-Journalisten dort. Vorwiegend sind das (auch in ihrer Gegensätzlichkeit): https://cruxnow.com und www.ncregister.com, sowie der Jesuiten-Blog https://www.americamagazine.org
Geistig anregend auch: der gar nicht franziskusfreundliche, aber gut argumentierende Kolumnist der New York Times, Ross Douthat (auf Twitter: @DouthatNYT)

Blogs, die journalistisch nicht seriös, sondern nur polemisch unterwegs sind (egal mit welcher Stoßrichtung und auf welcher Seite des Atlantiks) habe ich hier nicht aufgeführt.

Was wusste Franziskus?

Der Aufstand konservativer Kräfte in der katholischen Kirche hat sich zu offenen Rücktrittsforderungen verdichtet.

Papst Franziskus hat einmal gesagt, der Dritte Weltkrieg habe bereits begonnen; nur finde dieser „in einzelnen Stücken“ statt und falle deshalb als Ganzes nicht auf. Sicher ist: Seit dieser Woche hat Franziskus den Krieg im eigenen Haus. Der seit drei Jahren „in einzelnen Stücken“ immer höher brodelnde Widerstand konservativer Bischöfe und Kardinäle gegen seine offenere Kirchenführung hat sich zu einer konzertierten Aktion verdichtet; massive Stimmungsmache findet statt in den einflussreichen franziskus-feindlichen Blogs (bis in die deutsche AfD-Szene hinein) – und offen wird der Rücktritt des Papstes gefordert. „Ein unerhörter Vorgang“, wie der Münchner Kirchenrechtler Stephan Haering erklärt.

Ausgelöst hat den kirchen-erschütternden Wirbel ein Offener Brief, der gezielt zu Franziskus‘ Besuch in Irland am vergangenen Wochenende übers Internet verbreitet worden ist – zeitgleich mehrsprachig, was auf ein organisiertes Vorgehen schließen lässt. Darin wird der Papst beschuldigt, die Missbrauchsaffären des US-amerikanischen Erzbischofs Theodore McCarrick vertuscht, ja den heute 88-jährigen gar zu seinem Ratgeber gemacht zu haben. „Und wie viele schlechte Hirten unterstützt Franziskus immer noch bei ihrer Zerstörung der Kirche!“, heißt es in dem Brief: „Franziskus ermutigt die Wölfe, die Schafe der Herde Christi zu zerfleischen.“

Geschrieben hat das – nun ja, wer? Als Autor bekennt sich der pensionierte italienische Erzbischof Carlo Maria Viganò (77); sein „Gewissen“, sagt er, treibe ihn dazu. Mittlerweile ist herausgekommen, dass sich Viganò beim Formulieren von einem bekannten Franziskus-Gegner hat helfen lassen, dem römischen Journalisten Marco Tosatti, der erklärtermaßen darauf geachtet hat, was „journalistisch verwendbar“ war. Auf deutsch: Wie man Schlagzeilen produziert.

Viganò behauptet also, Franziskus stehe im Bunde mit jenen unter Klerikern weit verbreiteten „homosexuellen Netzwerken“, welche „die Kirche strangulieren“. Und die Sanktionen, die Papst Benedikt XVI. gegen Erzbischof McCarrick verhängt habe („Leben in Buße und Zurückgezogenheit“), habe Franziskus aufgehoben.

Das alles liest sich merkwürdig, denn genau Franziskus war es, der McCarrick vor wenigen Wochen in einer seit hundert Jahren nicht mehr vorgekommenen Bestrafung den Kardinalstitel entzogen hat – während offenbar kein Mensch von Sanktionen wusste, die Benedikt gegen McCarrick verhängt haben soll. Der Erzbischof bewegte sich jedenfalls zu Benedikts Amtszeit (2005-13) völlig frei in der Kirche.

Viganò wiederum war kirchlicher Karrierediplomat und im vatikanischen Staatssekretariat zuständig für die Kontakte für die Botschaften in aller Welt sowie für interne Personalfragen. Unter Benedikt eckte er aber mit seinem Ehrgeiz und seiner Aufdecker-Attitüde für Korruption dermaßen an, dass er 2011 als Vatikanbotschafter in die USA wegbefördert wurde – und alle seine Protestbriefe halfen nichts. Anders als erwartet, wurde Viganò auch nicht Kardinal, sondern 2016 von Franziskus ganz regulär in die Rente entlassen.

Stark hat sich Viganò in den USA dem mächtigen rechtskonservativen Flügel der zerstrittenen Bischofskonferenz dort angenähert. Viganò steht auch in vorderster Reihe jener Bischöfe und Kardinäle, die Franziskus offen der „Ketzerei“ beschuldigen oder als „Antichrist“ bezeichnen, weil er etwa die Kommunion für wiederverheiratete Geschiedene oder für evangelische Ehepartner für möglich erklärt hat oder weil er – vielleicht – die kirchlichen Verbote gegen Homosexualität aufweichen will. Amerikanische Bischöfe haben auch sehr stark gegen Franziskus‘ Kapitalismuskritik („Diese Wirtschaft tötet!“) opponiert – und zuletzt dagegen, dass der Papst in Änderung der kirchlichen Lehre die Todesstrafe strikt verboten hat.

Dass hinter Viganò die größere erzkonservative Front steckt, lässt sich auch aus der Wortmeldung des Kurienkardinals Raymond Leo Burke (70) schließen, den Franziskus als einen seiner erbittertsten Gegner aus der Präsidentschaft des obersten Vatikan-Gerichts entfernt und zum Hausgeistlichen des Malteser-Ordens degradiert hat. Burke sagt, die Rücktrittsforderung an den Papst sei erlaubt: „Wenn ein Hirte bei der Ausübung seines Amtes schwer versagt…“

Franziskus selber hat zu Viganòs Brief bisher nur eines gesagt: Das Dokument spreche für sich; Journalisten sollten es lesen und ihre eigenen Schlüsse daraus ziehen. So einfach wird er nicht davonkommen. Selbst kirchliche, papstfreundliche Medien in den USA und in Rom stellen dieser Tage die drängende Frage: Was war wirklich mit McCarrick? Und was wusste Franziskus von dessen Verbrechen?

Autor: Paul Kreiner, 28.08.2018
Copyright: Stuttgarter Zeitung

 

„Das wird uns noch lange beschäftigen“

Der vatikanische Kinderschutz-Experte Hans Zollner hält die Skandale von Pennsylvania nicht für die letzten.

Pennsylvania, USA: Mehr als dreihundert katholische Priester haben sich an über tausend Kindern und Jugendlichen beiderlei Geschlechts vergriffen. Es ist in seiner Geballtheit der größte katholisch-kirchliche Missbrauchsskandal, der nun an die Öffentlichkeit geraten ist. Doch Hans Zollner glaubt nicht, dass es der letzte sein wird. Zollner ist Jesuit, Psychologe, Theologe und Mitglied der vatikanischen Anti-Missbrauchskommision. Er sagt unserer Zeitung: „Ich bin überzeugt davon, dass wir noch lange beschäftigt sein werden mit diesen Themen und mit dem, was da über Jahrzehnte in den Seelen von Menschen geschlummert hat und nun ans Tageslicht tritt.“

Pater Zollner ist weltweit unterwegs in Sachen Aufklärung und Prävention; er sagt, gerade in afrikanischen und asiatischen Kulturen, in denen sexuelle Themen und sexuelles Fehlverhalten ein Tabu sind, stehe „noch sehr vieles aus“. Und auch manche südamerikanische Bischofskonferenz habe „noch einen weiten Weg vor sich.“

Die Missbräuche in Pennsylvania, deren jahrzehntelangen Verlauf nun der tausendseitige Bericht der „Grand Jury“ des US-Bundesstaats nachzeichnet, sind ja nicht die einzigen, die zur Zeit in die Schlagzeilen geraten sind. Da ist auch noch Chile, wo nun alle 34 Bischöfe des Landes dem Papst ihren Rücktritt angeboten haben – Verantwortung übernehmend für einige von ihnen, die in ihrer Verleugnung und Vertuschung sogar Franziskus bewusst in die Irre geführt haben. Die Justizbehörden ermitteln in Chile nahezu flächendeckend.

Dann ist da auch noch Australien, wo der Bischof von Adelaide, Philip Wilson, der erste Hierarch in der zweitausendjährigen Kirchengeschichte ist, der wegen Vertuschung sexuellen Missbrauchs eine elektronische Fußfessel trägt – sonst müsste er nämlich zwölf Monate in Haft. Und da ist der frühere Erzbischof von Washington, USA, Theodore McCarrick, den der Papst im Juli aus dem Kardinalsstand entfernt hat – der erste Fall dieser Art seit fast einem Jahrhundert.

McCarrick wiederum, der selbst des Missbrauchs beschuldigt wird, liegt darin auf einer Linie mit dem früheren Wiener Kardinal Hans Hermann Groer, den eine bischöfliche Untersuchungskommission 1995 zum – gänzlich uneinsichtigen – Rücktritt gezwungen hat. Fragt man Pater Zollner, was die Kirche in 23 Jahren aus dem Fall gelernt hat, räumt er ein: „Da gibt es nicht sehr viel Neues.“ Es sei heute nur so, dass „mehr Leute die Dinge so benennen, wie sie sich darstellen“ und dass man „nicht mehr davor zurückschreckt anzunehmen, dass auch Personen in höheren Positionen so etwas tun können.“

Gelernt habe man immerhin soweit, als dass im Fall McCarrick nicht nur Bischöfe in der kirchlichen Untersuchungskommission saßen, sondern auch vier Laien: „Wir müssen viel mehr raus aus dem Zirkel, dass nur Bischöfe Bischöfe beurteilen; wir brauchen unabhängige Instanzen.“ Auch seien Kirchenjuristen in Verfahrensfragen ja ganz gut, für Ermittlungen kriminologischer Art aber nicht ausgebildet.

Gleichwohl, auch wenn die von Papst Franziskus 2014 eingesetzte Anti-Missbrauchs-Kommission schon heftige Kritik an der vatikanischen Glaubenskongregation geübt hat und auch wenn es Rücktritte wegen mangelnder Aufklärung durch die in diesem Falle oberste kirchliche Gerichtsbehörde gab, so hält Zollner den Aufklärungswillen in der Kirchenzentrale für „eindeutig vorhanden“. Allerdings sei in der Glaubenskongregation „die Personalausstattung völlig ungenügend angesichts der Zahl und der Komplexität der Fälle, die da aus so verschiedenen Kulturen und Sprachen ankommen.“ Es brauche eine Verfahrensbeschleunigung – und, viel grundlegender: erst einmal eine kirchliche „Konkretisierung der Straftatbestände.“

Aber weshalb kommen gerade jetzt so viele Skandale ans Tageslicht? Zollner sieht darin zum einen einen Kulturwandel, der mit dem Priesterbild zu tun habe: Die „geschlossenen katholischen Welten“, in denen sich Geweihte alles herausnehmen konnten – eine Form des Machtmissbrauchs – sind demnach vorbei. Das heiße aber nicht, dass es „unter den Priestern heute keine solchen Tendenzen gäbe.“ Nur sei die Bereitschaft im Volk, wegzuschauen oder so etwas hinzunehmen, sei „Gott sei Dank unendlich viel geringer.“

Es habe aber auch, sagt Zollner, „den Zeitpunkt gebraucht, an dem viele Betroffene merkten, sie sind nicht allein.“ Viele hätten über den Missbrauch ja nicht einmal in der eigenen Familie geredet oder reden können. Erst „bei einer gewissen Größenordnung“ von Gruppen mit gleichem Schicksal wage man dann auch den Schritt nach außen. Und dann gebe es eben Länder, in denen der Staat mit seinen polizeilichen Ermittlungen die Dinge ins Rollen bringe.

Seit etwa 2002 geraten in den USA kirchliche Missbrauchsskandale in die Öffentlichkeit; die Fälle, die jetzt in Pennsylvania Schlagzeilen machen, lägen – so Zollner – „zu 95 bis 98 Prozent“ mindestens zehn oder fünfzehn Jahre zurück. Beschuldigungen aus jüngerer Zeit lägen praktisch nicht vor, jedenfalls nicht aus Ländern wie den USA oder Deutschland, wo es statistische Daten gibt. Heißt das, dass weiter vertuscht wird oder dass viel weniger passiert als früher? Es sei ein Zeichen, sagt Zollner, dass die Maßnahmen zu Sensibilisierung, Prävention und Schulung griffen. In Deutschland würden mittlerweile alle kirchlichen Mitarbeiter geschult, auch solche, die „nur“ Freizeitprogramme oder Kommunionvorbereitungen für Kinder organisierten: „Das ist vorbildlich.“

Dennoch: dass in Deutschland schon alles aufgeklärt sein könnte, glaubt Pater Zollner nicht: „Sehr viele Betroffene haben persönliche, finanzielle oder therapeutische Genugtuung erfahren, wir müssen aber auch damit rechnen, dass sich eine ganze Reihe nicht entsprechend angenommen und unterstützt gefühlt hat.“ Da bleibe „eine offene Wunde.“
Autor: Paul Kreiner, 16.08.2018
Copyright (redaktionell verschieden bearbeitete Fassungen): Stuttgarter Zeitung, Der Tagesspiegel
Copyright für die hier veröffentlichte Originalfassung: beim Autor

 

 

Weiß-blauer Fleckerlteppich

Heute, am 15. August, ist in Bayern Feiertag. Jedenfalls dort, wo die Statistik das zulässt.

Gnotzheim ist eine Insel. 804 Einwohner zählt das Dorf in Mittelfranken, und auf der Karte des Statistischen Landesamts liegt Gnotzheim blau eingefärbt in einem Meer von weißen Gemeindeflecken drumherum. Blaue Orte wie Gnotzheim, die haben heute Glück. Denn das sind Gemeinden mit mehrheitlich katholischer Einwohnerschaft, und für die ist heute arbeitsfrei. Feiertag. Mariä Himmelfahrt.

Wer heute blau machen darf nach dem Bayerischen Feiertagsgesetz, das entscheidet das Statistische Landesamt jeweils auf Basis der Volkszählung. Letzter Stand: 2011. Und die Verhältnisse sind eindeutig. Als katholisch im Sinn des Gesetzes gelten aktuell 1704 Gemeinden; nur 352 werden als mehrheitlich protestantisch geführt. Diese liegen in Ober- und in Mittelfranken, seit die Hohenzollern als gebürtige Nürnberger und als Luther-Fans der ersten Stunde ihre Grafschaften dort reformiert haben. Also seit knapp fünfhundert Jahren.

Die einst freie Reichsstadt Nürnberg, dazu Fürth und Erlangen, das sind dann auch die einzigen bayerischen Großstädte, in denen heute gearbeitet wird. Größere Beschwerden dagegen sind bisher nicht bekannt geworden. Auch der Mittelfranke und bekennende Protestant Markus Söder hat sich noch nie über Diskriminierung beklagt. Denn „arbeiten“ heißt ja auch, dass die Geschäfte aufhaben. Und die verdienen an Mariä Himmelfahrt recht ordentlich, wenn die Katholiken aus ihren „geschlossenen“ Gebieten drumherum zum traditionellen Shopping anreisen (selbstverständlich erst, nachdem sie daheim die Messe besucht haben…).

Zudem ist das bayerische Gesetz so liberal, dass es auch jene Katholiken schützt, die heute in protestantischen Gemeinden schmachten: Öffentlich oder privat beschäftigte, alle dürfen heute der Arbeit fernbleiben. Sie müssen dann unter Umständen nur mit Lohnausfall rechnen.

Überall arbeitsfrei ist heute südlich der Donau, also in den Regierungsbezirken Schwaben, Ober- und Niederbayern; darüber hinaus in Unterfranken und der Oberpfalz – wobei letztere dieses Glück einer brutalen Rekatholisierung im Dreißigjährigen Krieg verdankt.

In allen katholisch-altbayerischen Bezirken findet heute am „Hohen Frauentag“ auch die Kräuterweihe statt, und dieser Brauch ist doppelt so alt wie jede friedliche oder gewaltsame Reformation: kunstvoll komponierte* „Kräuterbuschn“ werden in der Kirche gesegnet, um daheim Wohnung, Scheune und Stall vor Unheil zu bewahren. Und wenn’s die nächste Volkszählung ist.

Autor: Paul Kreiner, 14.08.2018
Copyright (kürzere Fassung): Stuttgarter Zeitung
*) Wer’s genauer wissen will, schlage nach bei Karl von Leoprechting: Bauernbrauch und Volksglaube in Oberbayern, 1855.
Da steht (die wissenschaftlich-botanischen Namen, die von Leoprechting fein säuberlich nennt, lasse ich der Einfachheit halber weg) : „In diesen ,Sangen‘ sollen folgende Kräuter eingebunden seyn: vor allem die Himmelkerzen in der Mitte des Busches und hoch hinausragend, das Wollkraut, gewöhnliche Mooskolben, Bibernell, Frauenkraut, Rapunzel-Glocke, Teufelsabbiss, Gemeiner Kümmel, Geschwulstkraut, Mühlraut, Rauten, Unseres Herrn Kron, Kraftwurz, Liebstöckel, Teufelsklatten und Fünffingerkraut. Diese Sangen werden zuoberst dem [Dach-]Boden aufbewahrt und sind gut gegen den Wetterschlag.“

 

Ein Minister, den die Welt bewegt

Gerd Müller hat in seiner zweiten Amtszeit als Minister für Zusammenarbeit ein viel stärkeres Bewusstsein für die Nöte der Welt ausgebildet. Und er sagt ganz deutlich, was gegen Zuwanderung wirklich getan werden muss.

Gewiss will Horst Seehofer mit seinem nun endlich veröffentlichten „Masterplan Migration“ möglichst viele Flüchtlinge und andere Zuwanderer von Europa fernhalten. Der Katalog von 63 Maßnahmen beginnt aber nicht bei den hoch umstrittenen Zurückweisungen an der Grenze. Das erste Kapitel heißt: „Handlungsfeld Herkunftsländer.“ Die Feder geführt hat hier, wenigstens bei den ersten neun Punkten, Seehofers Parteikollege Gerd Müller, der Bundesminister für Entwicklungshilfe.

Dieser Minister wird zunehmend zum Rebellen. Es treibt ihn die Empörung darüber, was Europa sich anmaßt gegenüber Afrika und gegenüber Abermillionen von Menschen dort, deren Lebensumstände im Wortsinn zum Davonlaufen sind. Und Müller macht seinen Zorn immer drastischer kund – in diesen Tagen zum Beispiel, wenn’s gegen Finanzminister Olaf Scholz (SPD) und die Kürzung des Entwicklungshilfeetats geht. „Hunger ist Mord!“, ruft Müller: „Wir können nicht sagen, das da in Afrika geht uns nichts an. Dann machen sich nämlich noch mehr Menschen auf den Weg zu uns und…“ Müller beendet den Satz mit einer für sonstiges CSU-Denken geradezu skandalösen Bemerkung: „…und holen sich, was ihnen zusteht.“

Gerd Müller ist Entwicklungsminister in zweiter Amtszeit. In der CSU galt er mit seinen Ansichten schon immer ein bisschen als Exot. Doch nun scheint sich dieser Exot aus Sicht seiner Partei weiter zu radikalisieren. Vieles an globalwirtschaftlichen und -gesellschaftlichen Zusammenhängen, räumt er ein, „habe ich vor vier Jahren auch noch nicht so gesehen“. Umso heftiger fordert er jetzt ein, „unsere Verantwortung in den Herkunftsländern der Flüchtlinge“ wahrzunehmen. Das „Wertebewusstsein“, das seine Partei sonst immer nur den Zuwanderern abverlangt, dreht Müller herum und münzt es auf „uns Reiche“, die sich vom „Neokolonialismus“ abzuwenden und ein „Weltethos“ zu entwickeln hätten, aus christlichem Geist ebenso wie aus Eigeninteresse: „Es geht uns langfristig nur gut, wenn es den anderen auch gut geht.“

Müller hält diese Rede in Tutzing, in der Politischen Akademie des Freistaats Bayern. Zur Tagung über die Bekämpfung von Fluchtursachen haben ihm seine Leute im Ministerium ein Manuskript mitgegeben. Das legt Müller aber gleich am Anfang zur Seite. Mit umso mehr Wucht kommt dann durch, was er selber sagen will.

„20 Prozent der Weltbevölkerung verbrauchen 80 Prozent der globalen Ressourcen und verursachen zwei Drittel der Weltverschmutzung“. In Deutschland stoße eine Person rechnerisch zwanzigmal so viel Kohlendioxid aus wie ein Mensch in Bangladesch; für den Klimawandel, der mit steigendem Meeresspiegel als erstes Bangladesch „verschlingen“ werde, sei Deutschland also ungleich stärker verantwortlich: „Das Entwicklungsland sind wir!“

Müller fährt fort: „Wir sind die erste Generation, die den Planeten an den Rand des Abgrunds führen kann.“ Die Politik denkt für ihn „zu kurzfristig, oft nur ein Jahr weit, wenn überhaupt.“ Und die hochgelobte deutsche Industrie? „Der Siebener-BMW“, sagt Müller da mitten in Bayern, „ist keine Antwort auf den Autohunger in Indien und Afrika; bei Mobilitätsfragen denken wir nur an unsere Großstädte. Nachhaltige Antworten für die Mobilität in Schwellenländern haben wir nicht.“

Auch wenn die Mehrheit in seiner Partei diese Aussagen niemals teilen würde – Müller könnte für die CSU in Zukunft wichtig werden. Er poltert nicht wie Markus Söder, spielt nicht mit Provokationen wie Horst Seehofer und benutzt das Bekenntnis zum christlichen Menschenbild nicht als Waffe zur Abgrenzung. In der CSU-Landesgruppe wird das genau registriert. Dort ist man mit dem Erscheinungsbild der CSU viel unzufriedener als es nach außen scheint. Auch diejenigen, die in der Sache eher selten seiner Meinung sind, schätzen Müllers Mut, eigene Parteipositionen zu hinterfragen. Nicht viele in der CSU trauen sich das. Und in Berlin ist Müller der CSU-Spitzenpolitiker, der noch am ehesten gesprächsfähig mit anderen Parteien ist.

In Tutzing beschreibt der Minister die „dramatischen Bevölkerungszunahme auf dem afrikanischen Kontinent“; zwanzig Millionen neue Jobs brauche oder bräuchte Afrika jedes Jahr: „Die EU verschläft das bei ihrer Haushaltsplanung“, sagt Müller. „Von fünfzig jungen Afrikanern muss sich heute nur einer nach Europa durchschlagen, dann können zuhause 50 bis 100 Leute leben.“ Dann dreht er den Gedanken herum: „Gebt mir eine Milliarde Euro, und ich mache euch 100 Milliarden draus!“

Örtliche Wirtschaftsförderung schaffe „die stärksten Impulse“, sagt Müller – unter einer Bedingung: „Wir brauchen keinen freien, sondern einen fairen Handel.“ Bei der Jeans zum Beispiel, die in Bangladesch für fünf Dollar genäht und in München für 100 Euro verkauft werde: „Wir müssen den Näherinnen nur einen Dollar mehr zahlen, und schon wirkt das existenzsichernd für diese Frauen.“

Oder beim Fisch: Der vor Mauretanien, der sei „der beste der Welt“, sagt Müller, aber die afrikanischen Fischer könnten ihn – trotz offener Handelsschranken! – nicht in der EU verkaufen, weil sie noch nicht die zehntausenden von Bestimmungen zur Lebensmittelsicherheit erfüllen: „Dabei müssen wir ihnen helfen.“

Oder, so fragt der gebürtige Schwabe: Was bringe denn die siebenunddreißigste Verordnung zur Wärmedämmung an deutschen Hauswänden denn noch? „Verwenden wir das Geld doch für wirksamere Energieprojekte in Entwicklungsländern!“ Der Energiehunger sei schließlich grenzenlos, und alle „auf Kohle zu setzen“, das ruiniere den Planeten.

Müller hat auch noch ganz andere Ideen, kulturelle zum Beispiel. In Afrika, sagt er, seien schon 700 Millionen Handys verkauft worden. „Was können wir für die Nutzer da anbieten an Inhalten, an Bildung?“ fragt er, und er denkt an ein Gegengewicht gegen die „dramatische Gehirnwäsche“ aus weltkommerziellen oder ideologischen Kanälen.

Eines ist für Müller jedenfalls klar, und damit beendet er seinen furiosen Tutzinger Ritt durch die Ungerechtigkeit der Welt: „Wenn wir meinen, wir könnten Mauern bauen gegen Milliarden von Menschen, dann werden wir scheitern.“

 

Autoren: Paul Kreiner, Norbert Wallet (Stuttgarter Zeitung/Stuttgarter Nachrichten, Redaktion Berlin), 11.07.2018
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