In Gemeinschaft mit dem Rebellen

Dem schwer erkrankten Tübinger Theologen Hans Küng wird eine unverhoffte Ehrung aus dem Vatikan zuteil – rechtzeitig zur Fertigstellung seines Lebenswerkes.

Der Tübinger Theologe und „Kirchenrebell“ Hans Küng war – mit leichter Feder und eingängigem Stil – immer schon ein ebenso produktiver wie erfolgreicher Schreiber. Inzwischen ist er mehr als 92 Jahre alt, und genau an diesem Montag (i.e. 12.10.2020) rundet sich sein Autorenleben: Beim Herder-Verlag in Freiburg erscheint – unter dem Titel „Begegnungen“ – der letzte, der 24. Band von Hans Küngs Gesammelten Werken. An die 18.000 Seiten sind das geworden im Lauf der Jahrzehnte, per Hand geschrieben jede einzelne, und vielleicht hätte Küng schon noch Lust weiterzumachen, würde nicht seine weit fortgeschrittene Parkinson-Krankheit ihn zunehmend daran hindern, sich zu äußern und überhaupt: mit der Umwelt in Kontakt zu bleiben. An der Fertigstellung seines Lebenswerks aber, so heißt es, habe Küng bis zum letzten Band mitgearbeitet: sich alles vorlesen lassen und so weit wie möglich reagiert.

41 Jahre ist es her, dass die katholische Kirche einem ihrer weltbekanntesten Theologen die offizielle Lehrerlaubnis entzogen hat, weil Küng mit Feuereifer gegen das päpstliche Unfehlbarkeitsdogma und die daraus folgenden autoritären Strukturen seiner Kirche angeschrieben hatte. Diverse Versuche zahlreicher Unterstützer – auch im Diözesanrat von Rottenburg-Stuttgart –, für Küng eine Rehabilitation zu erreichen, verliefen im Sande. Von sich aus hat er das auch nicht angestrebt: Küng, der gebürtige Schweizer, genoss die Freiheit, außerhalb des Apparats eine „echte katholische“, aber von ihm als viel menschenfreundlicher betrachtete Theologie treiben, sowie sein „Projekt Weltethos“ entwickeln zu können. Priester durfte er ja bleiben; predigen, schreiben, Vorträge halten durfte er auch.  Eines großen Publikums also konnte er sich sicher sein.

Nun ist ihm aber aus dem Vatikan eine Ehrung, ja gar eine Bestätigung zuteil geworden, mit der Küng wohl selbst nicht gerechnet hatte. Nicht auszuschließen, dass sie kirchentheologisch für Küng sogar eine größere Bedeutung hat als jede formal-juristische Rehabilitation. Und das kam so: Wolfgang Gramer, pensionierter Pfarrer in Bietigheim-Bissingen und alter Freund Küngs, setzte eine kleine Telefonkette in Gang. Beim früheren Rottenburger Bischof, Kurienkardinal Walter Kasper in Rom, fragte er nach, ob es angesichts der schweren Krankheit Küngs nicht „ein Zeichen der Versöhnung“ geben könnte. Kasper wiederum telefonierte laut Gramer  umgehend mit Papst Franziskus und bekam von diesem – zur Weiterleitung nach Tübingen – folgende Botschaft mit: „Ich grüße und umarme ihn [Küng]; ich schicke ihm in der christlichen Gemeinschaft den Segen und bete für ihn.“

Für „Gemeinschaft“ verwendete  Franziskus gleich zweimal das Wort „comunione“ – und das bedeutet nicht einfach „Nähe“ oder „Verbundenheit“, sondern ist in der katholischen Theologie hinaus auch noch viel mehr: der terminus technicus für die Einheit und den Zusammenhalt, für das Wesen der Kirche. Gramer sieht im Wortgebrauch des Papstes die „faktische Anerkennung, dass für ihn Hans Küng katholischer Theologe ist.“ Und Kardinal Kasper schreibt auf Nachfrage: „Hans Küng wollte die Gewissheit, im Frieden mit der Kirche zu sterben. Diese Gewissheit hat er, soweit ich weiß, schon anlässlich seines 90. Geburtstags empfunden. Sie ist ihm jetzt von höchster Stelle mit einem recht persönlich formulierten Segenswunsch zuteil geworden. Das tröstet und freut mich für ihn.“

Gut möglich aber, dass der Kirchenrebell und seine Kirche ausgerechnet in den letzten Lebenstagen Hans Küngs noch einmal gegeneinander rauschen. Vor drei Wochen hat die vatikanische Glaubenskongregation einen von Papst Franziskus gebilligten Erlass veröffentlicht, dem zufolge Euthanasie oder assistierter Suizid als „schwer unmoralischer Akt“ zu gelten hat und von den Sakramenten wie Krankensalbung, Beichte und Kommunion ausschließt. Seelsorger müssen im selbstgewählt letzten Augenblick des Kranken sogar den Raum verlassen, um sich nicht der „Komplizenschaft“ verdächtig zu machen. Die Mitgliedschaft in Vereinigungen zur Sterbehilfe ist verboten.

Hans Küng wiederum ist Mitglied in der Schweizer Sterbehilfe-Vereinigung „Exit“. Bereits vor sieben Jahren, als er Parkinson an sich bemerkte, hat er angekündigt, er wolle im Ernstfall „selbstverantwortet“,  „menschenwürdig“ gehen und dafür auch Sterbehilfe in Anspruch nehmen. Er tat das öffentlich im Fernsehen, in einem langen Gespräch mit Anne Will. Unter Hinweis auf die Demenz und das jahrelange „Dahindämmern“ seines Tübinger Professorenfreundes Walter Jens sagte Küng, er wolle „so sterben, dass ich noch voll Mensch bin und nicht reduziert auf ein vegetatives Dasein.“ Jens habe „den richtigen Zeitpunkt“ für eine solche Entscheidung verpasst. Wann er „seinen“ Zeitpunkt gekommen sehen könnte, ließ Küng im November 2013 offen – elektrisiert vom Auftreten des damals neuen Papstes Franziskus, der so viel von dem versprach, was Küng über Jahrzehnte hinweg in der katholischen Kirche hatte verwirklicht sehen wollen.  

Autor: Paul Kreiner, 11.10.2020

Dies hier ist der Originaltext. Copyright (für redaktionell teils stark bearbeitete Versionen): Stuttgarter Zeitung / Die Rheinpfalz

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